
Wie eine Mischung aus Max und Moritz: Der junge Held aus Wilhelm Buschs neu entdeckter Bildgeschichte "Der Kuchenteig"
14. Juni 2008 Der Stolz leuchtet aus allen Augen. Heute wird Stadtgeschichte gemacht, und das in einem Hinterhaus am Luitpoldplatz, mitten in der Altstadt des oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg. In diesem Gebäude hatte im neunzehnten Jahrhundert die Druckerei des Johann Esaias von Seidel ihren Sitz. Der 1758 geborene Buchhändler begründete hier eine florierende Kalenderproduktion, die seine Nachfolger dann in ganz Deutschland vertrieben. Achtundzwanzig Varianten dieser als Sulzbacher Kalender bekannten Publikationen wurden insgesamt gezählt, darunter der jährlich erscheinende, besonders populäre Volkskalender im Oktavformat. Seinem damaligen Ruhm verdankt sich der Sensationsfund, der heute am Luitpoldplatz vorgestellt wird.
Er ist winzig, zehn kaum handtellergroße Zeichnungen, zusammen edel in Silber gerahmt und ausgelegt in einer Tischvitrine, die zunächst durch ein bordeauxrotes Tuch verdeckt ist. Als es weggezogen wird, ist die Vitrine sofort von Kameras umlagert, und der Bürgermeister Gerd Geismann strahlt noch mehr. An diesen zehn Bildchen entzündet sich die Hoffnung einer ganzen Stadt, aus der Provinzrolle auszubrechen - und das ausgerechnet mit der Hilfe des begeistertsten Provinzlers der deutschen Kunstgeschichte: Wilhelm Busch. Von ihm stammen die Bilder; das haben Hans Ries, Nestor der Busch-Forschung und Herausgeber der Historisch-Kritischen Gesamtausgabe der Bildergeschichten, und Ruth Brunngraber-Malottke, Kunsthistorikerin am Wilhelm-Busch-Museum Hannover und Herausgeberin der Historisch-Kritischen Ausgabe der Handzeichnungen, bestätigt. Es ist sein Zeichenstil, ausgeführt mit Bleistift der Stärke HB, wie es für Busch typisch war, auf winzigen Papieren, wie sie für Busch typisch waren, mit einem Humor, wie er für Busch typisch war.
War, von Kuchenteig umhüllt, Buschens erstes Jammerbild
Entdeckt hat die Zeichnungen der Archivar Johannes Hartmann, und zwar genau hier, in der ehemals Seidelschen Druckerei, wo immer noch das Archiv des Verlagshauses liegt, unberührt seit mehr als hundert Jahren. Die Bilder lagen in zum Umschlag gefalteten Papierbogen, auf den ein Verlagsmitarbeiter notiert hatte: Verlangt nach Herrn Küsters Aussage fl. 50, stellt dafür die Holzplatten her - und bestätigt, dass sie noch nicht gedruckt ist. Sie: Das ist die Bildergeschichte, deren Titel in Buschs charakteristischer Handschrift auch auf dem Umschlag zu lesen ist: Der Kuchenteig.
Was ist daran so sensationell? Die zehn Zeichnungen bilden die erste neu entdeckte Busch-Bildergeschichte seit hundert Jahren. 1908 starb der Dichter und Zeichner, im Nachlass fand sich noch manches Ungedruckte. Doch nichts wie Der Kuchenteig, denn von ihm führt eine gerade Linie zu Max und Moritz. Jedem Leser fällt sofort ein Vers ein: Ganz von Kuchenteig umhüllt / Stehn sie da als Jammerbild. Das stammt aus dem sechsten Streich, und tatsächlich erzählen die zehn Bilder aus Sulzbach-Rosenberg eine Vorfassung dieses Streichs, allerdings mit nur einem Protagonisten: einem Knaben, dessen Frisur an Moritz erinnert (in dem Busch sich selbst karikierte), während dunkle Haarfarbe und Physiognomie eher Max vorwegzunehmen scheinen. Wie dieses einzelne Urbild des Lausbubenpaars heißen sollte, ist unbekannt, ein Text hat sich zu den Zeichnungen nicht erhalten. Vermutlich gab es ihn auch noch gar nicht, denn Busch skizzierte erst seine Geschichten in Bildern.
Offenbar eine Offerte für den Volkskalender
Was ist zu sehen? Das erste Bild zeigt eine Mutter, die in Gegenwart ihres Sohns in einem großen Trog Teig anrührt. Auf dem zweiten verlässt sie den Raum und ermahnt den erkennbar Hungrigen, nicht zu naschen. Auf Bild drei aber fängt er schon an, auf Bild vier liegt er im Trog. Das fünfte Motiv zeigt den Knaben beim Schwimmen im Teig, auf Bild sechs taucht er rundum darin eingehüllt wieder auf. Nun eilen Mutter und auch der Vater herbei, die ihren Sohn auf dem achten Bild herausziehen. Das neunte zeigt die Reinigung des Knaben durch die Mutter und den Griff des Vaters nach der Rute; auf dem letzten schließlich rührt die Hausfrau neuen Teig an, während der Knabe ganz am Rand seine Strafe empfängt.
Wie kam Der Kuchenteig nach Sulzbach-Rosenberg? Frau Brunngraber-Malottke rekonstruiert den Ablauf: Busch hat die Geschichte wohl 1863 bei der damals in München arbeitenden Redaktion des Sulzbacher Volkskalenders, in dem es unter der Rubrik Humoristisches bereits Bildergeschichten gab, zur Publikation eingereicht. Er war zwar durch seine Mitarbeit an den Fliegenden Blättern bekannt, aber offenbar wurde sein Angebot trotzdem abgelehnt. Die Zeichnungen wurden nicht an ihn zurückgegeben, sondern in Sulzbach archiviert. Dadurch blieb ein seltenes Beispiel für Buschs Kunst erhalten, denn die ersten Skizzen zu seinen Geschichten hat er meistens vernichtet, nachdem die Motive fertig in Holzstöcke geschnitten waren. Die in Hannover aufbewahrte Bilderhandschrift zu Max und Moritz enthält zwar aufgeklebte Zeichnungen, die das Manuskript des Textes ergänzen, doch dass es sich dabei um die ursprünglichen Entwürfe handelt, ist höchst unwahrscheinlich: Sie sind den Holzstichen der Buchausgabe zu ähnlich.
Puppenartig stilisierende Skizzen von verblüffender Genauigkeit
Beim Kuchenteig fehlt die gedruckte Ausführung. Hans Joachim Neyer, Direktor des Wilhelm-Busch-Museums, nennt die Bilder deshalb schwärmerisch ein echtes Abfallprodukt. Das macht ihre Seltenheit aus: Sie dokumentieren Buschs Arbeitsprozess an einer Idee, und dann noch als Vorstufe zu Max und Moritz. Ihr Status als Abfall mag aber auch der Grund dafür gewesen sein, dass Busch die Blätter nicht zurückgefordert hat. Er erlebte 1863 einen enormen kreativen Schub und suchte nach neuen Abnehmern, erläutert Ruth Brunngraber-Malottke. Für den Dresdner Verlag von J. Heinrich Richter zeichnete und schrieb der Künstler an den Bilderpossen, seinem ersten eigenen Buch. Das Honorar ermöglichte Busch zum ersten Mal ein sorgenfreies Arbeiten. Eines der Resultate dürfte Der Kuchenteig gewesen sein, entstanden wohl im Spätsommer 1863 in München; Max und Moritz wurde dann im Dezember skizziert.
Das Motiv des Sturzes in den Teig ist bei Busch häufig, es geht auf eigene Jugenderinnerungen zurück. Sein Freund Erich Bachmann und er, so notierte Busch 1894 in seinen Erinnerungen, machten eine Mudde aus Erde und Wasser, überkleisterten uns damit von oben bis unten, legten uns in die Sonne, bis wir inkrustirt waren wie Pasteten. Im Kuchenteig ist es Naschsucht, die den Knaben hineinstürzen lässt - eine Variante, die bei Max und Moritz zur Bosheit gesteigert wird. So schließen die puppenartig stilisierenden Skizzen, die von verblüffender Genauigkeit sind, eine motivische Lücke im Werk.
Mit diesem Pfund will Sulzbach-Rosenberg wuchern. Die Bildergeschichte wird vom 21. Juni an bis November im Stadtmuseum gezeigt. Danach erhofft sich das Wilhelm-Busch-Museum die Blätter bereits als Leihgabe für eine Schau. Über den endgültigen Verbleib aber werden andere entscheiden. Verkaufen, so viel haben die in Frankfurt lebenden Eigentümer bereits versichert, wollen sie den Kuchenteig nicht. Er ist ja auch nur die erste Perle aus dem Archivschatz von Sulzbach. Denn Busch wird nicht der Einzige gewesen sein, der für die Kalender Arbeiten eingereicht hat. Vielleicht wird Buschs Kuchenteig tatsächlich in dem Haus bleiben, wo er nach 145 Jahren jetzt wiedergefunden wurde.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa