Robert Gernhardt

Mein Lieblingsbuch: „Sudelbücher“

30. Juli 2004 Fragte man mich, welches Buch ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, die Antwort fiele mir leicht: die "Sudelbücher" des Göttinger Aufklärers Georg Christoph Lichtenberg in der von Wolfgang Promies besorgten zweibändigen Dünndruckausgabe. So ausgerüstet, sollte es auch ein Vielleser eine Weile auf einem ansonsten buchlosen Eiland aushalten; ja, ich könnte mir sogar vorstellen, daß das Buch vor mir und das Meer um mich als Verwandte grüßen würden - sind doch beide unergründlich und unerschöpflich.

Das läßt sich von wenigen Büchern sagen - was haben die "Sudelbücher" den meisten anderen voraus? Dreierlei: die Entstehungsdauer, den Umfang und den Autor.

Von 1765 bis zu seinem Todesjahr 1799 hat Lichtenberg die von ihm selbst so genannten "Sudelbücher" mit Eintragungen versehen; mehr als achttausend Notate sind erhalten geblieben. Sie füllen rund 1500 Seiten der erwähnten Ausgabe und entziehen sich gängigen Klassifikationen, da sie querbeet alle nur erdenklichen Formen kurzer Mitteilung enthalten, vom Aphorismus bis zur Romanidee.

Was diese disparate Produktion eint? Ein Autor, der keine gesicherten, gar einschüchternden Erkenntnisse serviert, sondern den Leser dadurch zum Mitdenker macht, daß er es zumeist ihm überläßt, die Schlüsse aus seinen Prämissen und Beobachtungen zu ziehen.

"Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden", notiert Lichtenberg. "Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr" fährt er fort und delegiert sodann das Urteil: "Ja, was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren?" Doch Lichtenberg fragt nicht nur, er stellt auch in Frage, eine Übereinkunft wie den Eurozentrismus zum Beispiel: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung."

Und so fortan. Noch bei jeder Lichtenberg-Lektüre habe ich mich - meist weit über meinem Niveau - unterhalten, nach jeder weiß ich mehr über Gott, die Welt, mich und nicht zuletzt über den Autor, der keine Furcht hat, als komische Figur auf die Nachwelt zu kommen, wenn er von sich sagt: "Er hatte seinen beiden Pantoffeln Namen gegeben."

Männliche oder weibliche? Klassische oder moderne? Komische oder seriöse? Darüber schweigt sich Lichtenberg leider aus, und wieder einmal sind wir Leser gefragt.

Der Dichter und Schriftsteller Robert Gernhardt, geboren 1937, lebt in Frankfurt. Zuletzt veröffentlichte er "Hell und schnell", eine Anthologie komischer Gedichte.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2004, Nr. 176 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

 
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