Zum Tod von Alain Robbe-Grillet

Der Avantgardist, der nicht in die Akademie wollte

Von Jürg Altwegg, Genf

Alain Robbe-Grillet, 1922 - 2008

Alain Robbe-Grillet, 1922 - 2008

18. Februar 2008 Bis zum Schluss hat er die „Unsterblichkeit“ genarrt: vor ein paar Jahren schon wurde der radikale Avantgardist des „Nouveau Roman“, der alle Institutionen bekämpfte, in die „Académie Française“ gewählt. Doch seine Aufnahme musste immer wieder verschoben werden. Denn Alain Robbe-Grillet weigerte sich, eine Uniform zu tragen und das obligate Schwert, mit dem die französische Sprache verteidigt wird, in die Hand zu nehmen. Jetzt hat der Tod dem Schreiben und subversiven Treiben des Dichters, der zu den bekanntesten Vertretern der französischen Literatur gehört, ein Ende gesetzt.

Alain Robbe-Grillet wurde 1922 in Brest geboren. Er hat Landwirtschaft studiert und später am Institut National des Statistiques gearbeitet. Erst 1952 veröffentlichte der Beamte seinen ersten Roman, „Les Gommes“. In den Editions de Minuit hatte Alain Robbe-Grillet zusammen mit dem Verleger Jérôme Lindon ein paar Schriftsteller versammelt, die sich dem von Sartre geforderten politischen Engagement verweigerten: Michel Butor, Nathalie Sarraute, Marguerite Duras, Claude Simon - der später den Nobelpreis bekam, für den eigentlich Alain Robbe-Grillet als Favorit galt.

„Der Erfolg war ein Missverständnis“

Der Begriff des „Nouveau Roman“ wurde als Erneuerung des literarischen Schreibens - und gleichzeitig als Kult der „écriture“ - zelebriert. „Der Nouveau Roman war von Anfang an sehr bekannt, aber genauso verkannt“, hat Robbe-Grillet immer wieder gesagt: „Alle sprachen von mir, aber kaum jemand hatte mich gelesen. Die Auflagen bewiesen es. Der Erfolg war ein Missverständnis und beruhte auf Klischees. Robbe-Grillet will die Objektivität in der Literatur einführen, schrieben die Kritiker. Ich protestierte schon damals dagegen - aber niemand nahm es zur Kenntnis.“

Genauso intensiv wie die Mode des „Nouveau Roman“ war später die Abkehr von ihm. Er wurde unvermittelt als trockene und reichlich theoretische Angelegenheit, die sich scheinbar in sterilen Formalismen und stilistischen Experimenten erschöpfte, dargestellt. An dieser Bewegung seiner Überwindung - der Mechanismus hat alle Avantgarden des Nachkriegs erfasst - beteiligten sich auch seine Repräsentanten. Alain Robbe-Grillet pflegte in einer zweiten Phase seines literarischen Schaffens eine Gattung, die der „Nouveau Roman“ verworfen, ja verboten hatte: die Autobiographie. Der - scheinbaren - Langeweile der Strukturen, in denen auch das literarische Subjekt verschwand, setzte er eine Reihe sehr persönlicher Romane entgegen, die Titel tragen wie „Der wiederkehrende Spiegel“, „Angélique oder die Verzauberung“ und „Corinthes letzte Tage“. Sie bestehen aus Anekdoten und Fiktionen - und die Auflagen stiegen.

Mit diesen Autobiographien brach Alain Robbe-Grillets Schreiben ziemlich brüsk ab. In den vergangenen Jahren zelebrierte er seine erotischen Phantasien als Voyeur, der junge Mädchen liebt. Ältere Texte wurden neu aufgelegt - nun aber, dem veränderten Zeitgeist gemäss, hermetisch in Plastik verschweißt. Auch der Schabernack des ewigen Nonkonformisten mit der Akademie hat seine alten Tage aufgehellt. Alain Robbe-Grillet amüsierte sich köstlich. Doch über seinen wirklich Platz in der Literaturgeschichte werden zu seinem Glück nicht die Zeitgenossen, denen er ziemlich fremd geworden war, entscheiden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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