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Home > Feuilleton >, 7. Nov. 2009

Stadtbibliotheken
Die Wende mit der Maus

Der Automat ist ein Literaturfreund. Legt man ein Buch hinein, weiß er, worum es sich handelt, kennt Autor, Titel und sogar den letzten Leser. Das Wissen nutzt kein Geheimdienst, sondern die Stadtbücherei in Biberach an der Riß. Bibliotheksleiter Frank Raumel, der den Rückgabeautomaten vorführt, spricht von Lesern stets als Kunden. Um deren Bedürfnissen besser gerecht zu werden, setzt er Mitarbeiter, die früher Bücher verbuchten, nun in der Beratung ein, denn Beratung braucht Menschen, keine Maschinen.

Vom Deutschen Bibliotheksverband und der „Zeit”-Stiftung wurde Raumels Bücherei als Bibliothek des Jahres 2009 ausgezeichnet. Der mit 30 000 Euro dotierte Preis soll die Arbeit der Bibliotheken ins öffentliche Bewusstsein rücken. Gleiches versucht die am heutigen Freitag beginnende Aktionswoche „Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek”.

Welche Bibliotheken sind gemeint? Eigentlich alle. Doch während Zeitschriftenpreise die Budgets der Forschungsbibliotheken belasten, in der Wissenschaft unter dem Stichwort „Open Access” alternative, für Leser kostenfreie Publikationsmodelle diskutiert werden und Robert Darnton, der Leiter der Bibliothek von Harvard, gar die Buchsuche von Google in öffentlicher Hand sehen möchte, während also ein Wandel vor sich geht, der den zukünftigen Zugang zu Wissen prägen wird, bringt eine Institution mehr Menschen mit Büchern in Berührung als die Lesesäle in Harvard oder Wolfenbüttel - die Stadtbibliothek.

Die Bibliothek des Jahres

Die oberschwäbische Kreisstadt Biberach hat 32 000 Einwohner. Die Stadtbücherei ist in einem Haus aus dem sechzehnten Jahrhundert untergebracht, dessen Inneres neben alten Holzbalken auch Beton und Glas bestimmen. Nebenan im Komödienhaus inszenierte Wieland einst die deutschsprachige Uraufführung von Shakespeares „Sturm”. Frank Raumel leitet die Bibliothek bald zwanzig Jahre, alle drei Jahre findet eine Besucherbefragung statt, ergänzt um ein Ausleihcontrolling, das verrät, ob Titel ausgeliehen werden oder nur im Regal stehen. Es bleibt allerdings bei einer rein bestandsbezogenen Auswertung, die Vorlieben einzelner Leser stehen unter Datenschutz.

Von individuellen Vorlieben abgesehen, kennt Raumel seine Leser ganz genau. Mehr als die Hälfte der rund 8500 Bibliotheksbenutzer stammt nicht aus der Stadt, wiederum eine Hälfte ist jünger als achtzehn Jahre. Um die Leseförderung auszubauen, setzt Raumel auf die Zusammenarbeit mit Kindergärten, in die ein Teil des Preisgelds fließen soll. Als Zukunftsaufgabe nennt er Partnerschaften über die Stadt hinaus, denn wenn Kinder aus umliegenden Orten in Biberach zur Schule gehen, zeigen sich Unterschiede in der Medienkompetenz.

Bücher als Betriebsstoff

Für eine städtisch finanzierte Bücherei ist eine solche Ausstrahlung auch eine Geldfrage. Doch in Krisenzeiten sparen Kommunen an freiwilligen Leistungen, zu denen auch die Kulturfinanzierung zählt. Aus Haushaltssicht ist die Anschaffung von Büchern keine „unabweisbare” Ausgabe. Wo, wie in Ostdeutschland, zudem die Städte schrumpfen, könnte es auch zu Bibliotheksschließungen kommen, wie sie in Halle diskutiert wurden. Dort sank die die Zahl der Einwohner nach dem Mauerfall von mehr als 300 000 auf rund 230 000 Menschen.

Die Stadtbibliothek hatte bereits mehr als ein Dutzend Filialen verloren, als die Stadtverwaltung im Oktober 2008 eine Streichliste präsentierte, die den Verzicht auf alle drei verbliebenen Stadtteilbibliotheken vorsah. Nur das Haupthaus am Hallmarkt sollte bleiben. Zwar konnten die Schließungen abgewendet werden, und für die Fahrbibliothek wird sogar ein neuer Bücherbus in Betrieb gehen, aber das Ansinnen gibt einen Ausblick darauf, wie es um die Zukunft der kommunalen Kulturfinanzierung bestellt sein könnte.

Zu den Bibliotheksschließungen nach 1989 erklärt Hildegard Labenz, die Leiterin der Stadtbibliothek Halle, dass viele dieser Häuser eher klein und nicht sehr attraktiv gewesen seien, das habe Einschnitte unvermeidbar gemacht. An den Fortbestand der heutigen Bibliotheken glaubt sie dennoch, selbst wenn sich seit der Einführung von Jahresgebühren ein Leserschwund bemerkbar machte. Damit benennt sie ein Dilemma, denn der Etat für neue Bücher und andere Medien richtet sich nach den Einnahmen aus Jahres- und Mahngebühren. Wenn also weniger Hallenser ihren Bibliotheksausweis verlängern, fehlt Geld für Neuanschaffungen, und die Zahl der aktuellen Titel ist stets ein Maß für die Attraktivität eines Bestands. Der Vorsitzende des Vereins „Freunde der Stadtbibliothek Halle”, der frühere CDU-Stadtrat Wolfgang Kupke, ergänzt: „Für eine Bibliothek sind Bücher ein Betriebsstoff wie das Benzin im Auto der Oberbürgermeisterin.” Nur durch Mittel des Vereins und des Landes Sachsen-Anhalt konnte 2006 eine eigene Jugendmediathek eingerichtet werden.

Im Viertel der Zugezogenen

Mit ihrem Sonderthema Migration und Integration hebt die Aktionswoche eine Aufgabe hervor, deren Bedeutung mit dem demographischen Wandel wächst. Die Stadtteilbibliothek im Frankfurter Gallusviertel versteht sich schon länger als Internationale Bibliothek. Das Gallus gilt als Stadtteil der Zugezogenen, es herrscht eine hohe Fluktuation, nur im Bahnhofsviertel liegt der Anteil der ausländischen Bevölkerung höher. Das Konzept der Bibliothek folgt einem amerikanischen Vorbild. An der Queens Library in New York entstand das „New Americans Program”, das Englischkurse umfasst, aber auch, nah am Alltag, Veranstaltungen zu rechtlichen oder beruflichen Fragen. Das Angebot soll Einwanderer erst einmal in die Bibliotheken holen, damit sie die Bestände kennenlernen und nutzen können.

In Deutschland sind hingegen Volkshochschulen und andere Bildungsträger mit Sprachkursen etabliert, so dass man im Gallus auf Kooperationen setzt. Seit 2004 finden in der Bibliothek Alphabetisierungskurse der Volkshochschule statt. Menschen, die kaum Deutsch können, lernen außerdem am Computer mit Übungsprogrammen, deren Aufgaben sich teils allein mit der Maus lösen lassen, damit der Einstieg leicht gelingt. Auf einem der Monitore ist eine Handvoll Piktogramme zu sehen, eine Zitrone etwa, ein Zebra oder eine Zigarette. Zu jedem Bild erscheinen ungeordnet die Buchstaben des entsprechenden Wortes, die dann mit der Maus Buchstabe um Buchstabe an ihren Platz geschoben werden. Drei Logos steuern die weiteren Schritte: Wer das gesuchte Wort auch hören möchte, braucht nur auf das Ohr zu klicken; ob die Schreibweise stimmt, verrät das Fragezeichen; falls das Sortieren gar nicht klappt, bringt die leuchtende Glühbirne die richtige Antwort auf den Bildschirm.

Für Frankfurt und Biberach und alle anderen deutschen Stadtbibliotheken gilt freilich, was der Hallenser Vereinsvorsitzende Kupke berichtet: Eigentlich sei niemand im Stadtrat gegen Bücher und Bibliotheken. Aber wenn es ums Geld geht, genügt es manchmal nicht, nicht gegen etwas zu sein.

F.A.Z.
Thorsten Gräbe


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