30. März 2007 In der Repubblica, der zweitgrößten, zudem linken und obendrein oft sehr deutschlandkritischen italienischen Tageszeitung, glaubte der Rezensent im Juni 2006, zuerst einmal besser das Misstrauen gegenüber einem nicht nur sehr deutschen, sondern auch noch sehr erfolgreichen Roman ausräumen zu müssen: Nein, es handelt sich bei 450.000 verkauften Exemplaren nicht um Dan Brown, und es ist wirklich ein schönes Buch. Doch obwohl es das Zeug dazu gehabt hätte, verwandelte sich La misura del mondo dann doch nicht in den Strandbestseller für die dreimonatigen Schulferien Italiens, gleichwohl erntete Kehlmann viel Sympathien für eine Literaturlandschaft, von deren bisherigen Alphamännchen sich die Italiener nach Günter Grass lieber abwenden wollten.
Zweifellos bleibt das Lob für die Ironisierung vermeintlich deutscher Untugenden (Pedanterie, Misanthropie, Kontrollwahn) ein zweischneidiges. Hören wir noch einmal die Repubblica über Gauß und Humboldt: Beide sind sehr deutsch. Was heißen soll: Genial? Vernunftbetont? Unausstehlich? Die Lösung: Mit der Sexualität haben sie große Probleme. Die löblichste Rezension veröffentlichte wie so oft der hellsichtige und auffallend gut mit deutschen Geschehnissen vertraute Corriere della Sera.
Paola Capriolo legte einmal nicht nur den Akzent auf die Komik Kehlmanns, sondern auf die Bitterkeit, auf die metaphysische Trauer über die Unbegreiflichkeit der Welt, die dieses Buch nämlich auch verströmt - und die romantischen italienischen Seelen offenbar gar nicht fremd ist. Kehlmann, so Capriolo weiter, entgehe durch seine postmoderne Erzählweise den beiden Hauptgefahren historischer Romane, nämlich Kitsch und Pedanterie: Das ist beste deutsche Erzähltradition.
Text: dsch / F.A.Z.
Bildmaterial: I Narratori Feltrinelli