09. Juli 2006 Wer ist jetzt schon wieder entlassen worden? Wer bekämpft gerade wen? Welcher Autor muß gehen? Wer ist der Liebling des Monats? Was plant die Witwe? Was sagt die Kristallkugel? Wer wird Thronfolger? Das sind so die ewigen Suhrkamp-Fragen, und wenn es sie nicht geben würde und genug Leute, die sich für die Antworten darauf interessierten - die deutschen Feuilletons wären in den letzten Jahren, in den Jahren nach Siegfried Unselds Tod, aber eigentlich auch schon in der Zeit, als er noch lebte, mächtig leer gewesen. Und langweilig.
Denn wir lieben unsere Suhrkamps. Sie sind die Königsfamilie des deutschen Geisteslebens. Und während alle über die Abschaffung dieser Monarchie diskutieren, ja viele sie schon für vollzogen halten, weil der Verlag selbst sich durch die Dürre des eigenen Programms, durch den unendlichen Personalverschleiß, durch eine Endloskette falscher Entscheidungen um das Thronrecht gebracht habe, macht Suhrkamp einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und was? Was machen sie weiter?
Dschungel von Mythen
Es scheint schwer, durch den unendlichen Dschungel von Mythen, Meinungen und Mutmaßungen einen Blick auf das Wesentliche zu gewinnen. Dabei ist es ganz einfach. Das Wesentliche ist für das Auge sichtbar. Das Wesentliche ist das Programm des Verlags, das sind die neuen Bücher, die das Haus für das zweite Halbjahr 2006 plant. Und das ist kein Geheimnis, sondern kann nachgelesen werden, im Suhrkamp-Katalog II/2006. Buchhandlungen, Buchkritiker und andere professionelle Buchbeschäftigte erhalten zweimal im Jahr per Post die Kataloge der Verlage, in denen sie auf ihre neuen Werke hinweisen. Wer eine Weile im Geschäft ist, bekommt zweimal im Jahr etwa dreihundert solcher Kataloge zugeschickt. Ein wahrer Berg türmt sich im Büro, nein, drei, vier Berge voller Buchversprechen.
Alle Kataloge haben das gleiche Format, die einen sind grellbunt und dick, die anderen zurückhaltend und ruhig und schmal. Einer ist immer weiß. Einer leuchtet heraus, schon von weitem. Der Klassiker. Der Suhrkamp-Katalog. Groß, am Fuß des oberen Drittels, steht der Name des Verlags in klassischer Type, erster und letzter Buchstabe des Namens sind leicht angeschnitten, alles immer gleich, nur die Farbe der Schrift wechselt von Halbjahr zu Halbjahr. Links am Rand, von oben bis unten aufgereiht, stehen die Namen der Protagonisten des Katalogs. Die Namen der Autoren, von denen im kommenden Halbjahr neue Bücher erscheinen werden. Diesmal sind es vierundfünfzig.
Eine Aura der Großzügigkeit
Ein erstes Durchblättern verstärkt den Eindruck des Klassischen. Fast alle Autoren sind gesetzten Alters, die Aufnahmen fast alle schwarz-weiß, meist zeigt der Verlag den Autor groß, sein neues Buch klein, nur bei wenigen ist es umgekehrt, da ist das Buch die Botschaft, und der Autor schaut uns aus einem Paßbild an. Es gibt viel Weiß auf den Seiten. Viel Leere, Luft. Eine Aura der Großzügigkeit. Der Rhythmus der Seitenfolge ist dynamisch. Die ersten wichtigen Bücher werden jeweils prächtig auf zwei Seiten angekündigt, dann beschleunigt es sich, mit einem Buch pro Seite, wird nach dem ersten Viertel kurz rasant, mit zwei Büchern pro Seite, doch dann folgt schon der neue Vargas Llosa, der wieder zwei Seiten bekommt, und die neue Allende sogar vier.
Im Zentrum des sechsundachtzigseitigen Werkes aber steht ein großes Bild, das die Welt als Geldstück auf einer großen Aufklappseite zeigt. Das Bild verweist auf Das meistverkaufte Buch über die Zukunft der Gegenwart, auf Thomas L. Friedmans Werk Die Welt ist flach, mit dem bescheidenen Untertitel: Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts. Neben dem kleinen Bild des schnauzbärtigen Autors, das ihn vor dem Weißen Haus zeigt, heißt es: Der gegenwärtig wichtigste Kolumnist Amerikas. Und als Quelle: The New York Times. Da Friedman bei eben jener New York Times Kolumnist ist, was auch die Kurzbiographie direkt darüber vermerkt, wirkt das ein wenig unseriös.
Das Gentleman-Prinzip des Verlags
Da könnten wir ja jetzt auch gleich einmal anfangen und den Mann, der den Spitzentitel, also das erste Buch des aktuellen Kataloges, geschrieben hat, auch mal so eben zum gegenwärtig wichtigsten Autor und Redakteur Deutschlands ernennen. Denn das ist Dietmar Dath, und Dietmar Dath ist hauptberuflich Feuilleton-Redakteur der F.A.Z. Aber wir wollen uns feinsinnig und bescheiden geben und hier mal gar nichts kategorisieren. Nur kurz vermerken, daß in einem Katalog der vornehmlich alten Herren das große Auftaktfoto des Baseballmütze und Jeansjacke tragenden, sechsunddreißigjährigen Kollegen Dath als beinahe jugendliches Versprechen wirkt.
Die Eröffnungsansprache für das zweite Suhrkamp-Programm 2006 darf auch jener Dath schreiben. Bei fast allen anderen Verlagen übernimmt das der Verleger. Bei Suhrkamp macht das ein Autor. Er schreibt über sein Buch, über den Roman Dirac, über den gleichnamigen Physiker, Programmatisches, das man, durch die Positionierung im Katalog, auch als programmatisch für das Suhrkamp-Herbstprogramm liest: Ich habe bei der Arbeit am Manuskript einen kleinen Zettel über den Computer gehängt, auf dem ,Abrüsten' stand: wenig Gelehrsamkeit, wenig Didaktik, weniger Psychologie und Geschichte und Politik, mehr Erfahrungswissen, mehr Verwandlung. Abrüstung also. Und wenig Gelehrsamkeit
Dann geht es los. Nach Dath kommt der Groß-Suhrkampino Enzensberger, der sich vor einem Pfauenfedern-Vorhang fotografieren ließ. Nächste Doppelseite: Angela Krauß, mit dem albernsten Foto des Katalogs, halb hinter hell ausgeleuchteten Palmenblättern verborgen, lächelt sie aus dem Foto heraus. Ihr Buch heißt Wie weiter, und bei der Kurzbiographie fällt auf, daß das Geburtsdatum fehlt. Beim weiteren Durchblättern kann man feststellen, daß dies das Gentleman-Prinzip des Verlags zu sein scheint: Frauen bleiben bei Suhrkamp alterslos. Doch nein, das gilt nur für deutschsprachige Autorinnen. Von Frauen, die den Katalog nicht lesen werden, wird das Alter genannt.
Landkarten menschlicher Erfahrung
Die nächste Doppelseite: Ralf Rothmann. Auf einem Farbfoto mit wallendem Haar im offenen Sakko am Meer. Im Text zum Buch heißt es mit abgespreiztem kleinem Finger: Neue, große Erzählungen von Ralf Rothmann sind anzukündigen. Dann kommt Alexander Kluge. Wie immer zwischen Bildschirmen und Videokassetten. Auch das neue Buch Tür an Tür mit einem andren Leben sieht aus wie seine letzten. Die Ankündigung verspricht eine einschüchternde Zahl: 350 neue Geschichten. Über dem Bild thront der schöne Satz: Bücher, das ist für mich nicht das bedruckte Papier. Sie sind Landkarten menschlicher Erfahrung.
Dann folgt Beschleunigung mit einem Buch pro Seite: Jürgen Becker scheint zu beten, Peter Handkes neues Stück heißt Spuren der Verirrten, und auf dem Umschlag sind Spuren von Verirrten zu sehen, von Vögeln und von Menschen, und neben den kleinen Vogelspuren steht Spatzen und neben den großen Tauben. Dann kommen Gedichte. Die Umschreibung des neuen Bandes von Jose F. A. Oliver scheint der Dathschen Programmatik ein Gegenprogramm entgegenzustellen: Sprache aus dem Bekannten herauszuhebeln, zu entzingeln, um ihr in neuen Klangelementen eine Aussagekraft zu verleihen, die über das allzu Verständliche hinausreicht, ist seine Art, auf die Rätselhaftigkeit der Welterfahrung aufmerksam zu machen.
Und während man noch darüber nachdenkt, ob das großer entzingelter Unsinn ist oder einfach genial, weht es einen schon über Albert Ostermaier, Gertrud Leutenegger, Gerald Zschorsch und das neu aufgelegte Kultbuch (oh nein!) Malina von Ingeborg Bachmann zum neuen Liebesroman von Vargas Llosa und zu Isabel Allendes Erinnerungsbuch Mein erfundenes Land mit einem wahnsinnig schönen Bild der Autorin in jungen Jahren vor einem cremefarbenen Pontiac auf dem Cover.
Die ganze Pracht der Suhrkamp-Welt
Leider drängt sich da dann doch eine dieser Suhrkamp-Geschichten auf, wenn man an das letzte Allende-Buch denkt, das wegen einer ebenso teuren wie erfolglosen Werbestrategie angeblich auch zu irgendeiner Entlassung im Hause geführt haben soll. Bei dem neuen Buch heißt es fast bescheiden: Wir begleiten Isabel Allendes Reise mit einer großen Anzeigenkampagne, Litfaßsäulenplakatierung und Radio-PR. Für das letzte hatte man noch mit Fernsehspots direkt vor der Tagesschau geworben. Abrüstung also auch hier.
Doch die ganze Pracht der Suhrkamp-Welt entfaltet sich auf den hinteren Seiten. Hier liegt der Suhrkamp-Schatz. Noch auf Seite 67 heißt es plötzlich über einen neuen Band zu Walter Benjamin: Von einer Sensation ist zu berichten. Hans Blumenbergs Beschreibung des Menschen sieht mit seinem weißen Umschlag und der schwarzen Schrift so herausfordernd und ewig gültig aus wie nichts. Blumenberg selbst sieht man auf einem verschwommenen Bild 1954 in Antwerpen. John R. Searles neues Buch ist auch ganz weiß, es heißt kurz Geist. Eine Einführung, und über dem Bild, das den Philosophen beim Betrachten von Computerkunst zeigt, steht der Satz: Die zeitgenössische Philosophie des Geistes ist insofern einzigartig, als die berühmtesten und einflußreichsten Theorien auf diesem Gebiet falsch sind. Und die Zeitschrift Science befiehlt: Jede denkende Person, die sich für den menschlichen Geist interessiert, sollte ein Exemplar dieses Buches besitzen.
Weiße Bücher für die Ewigkeit
Das ist Suhrkamp-Selbstbewußtsein. Hier am Ende sind die Felsen. Die weißen Bücher für die Ewigkeit. Die strahlend weißen Werkausgaben von Hesse und Bernhard. Die Briefwechsel von Johnson/Raddatz, Brecht/Weigel, Stefan Zweig/Hesse, Unseld/Weiss. Das will man doch alles sofort und augenblicklich lesen. Allein schon wie Unseld 1959 Peter Weiss, nachdem er ihn zeilenlang für einen kurzen Text gelobt hatte, um am Ende über einen anderen Text unzweideutig anzufügen: Mit vollem Fug möchte ich dies von Ihrem anderen Manuskript ,Die Versicherung' nicht sagen. Mit besten Grüßen Siegfried Unseld. Ja, das ist urteilssicherer Patriarchenton. Knapp und entschieden am Rande der Unhöflichkeit.
Das schönste Beispiel für Suhrkamp einst und jetzt steht auf Seite 52. Der Ergänzungsband zur Brecht-Chronik wird angezeigt. Kritikern wird an dieser Stelle auffallen, daß der Brecht-Verlag im Brecht-Jubiläumsjahr keine Biographie des Hausdramatikers im Programm hat. Dafür gibt es aber die Ergänzungen zur Chronik, und im Katalog wird dazu eine Erklärung des Herausgebers Werner Hecht aus dem Jahr 1997 abgedruckt, in der er schreibt: Siegfried Unseld, der 1962 die ,Chronik' angeregt hat, war im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte mehrmals der Meinung, ich möge endlich einen Schlußpunkt setzen.
Der Suhrkamp-Geist
Da ist er ganz, der Suhrkamp-Geist. Ein Werk-Chronist, der ein halbes Leben lang Material auf Material über den verehrten Dichter sammelt, der sein Leben einem großen Geist widmet, und auf der anderen Seite ein Verleger, der in dreißig Jahren einige Male höflich, aber letztlich offenbar inkonsequent um einen Abschluß der Arbeit bittet.
1997 beendete Hecht dann doch gewaltsam seine Arbeit. Die Chronik erschien mit 1300 Seiten. Und er behauptete, seine Beschäftigung mit Brecht grundsätzlich einstellen zu wollen. Doch Hecht brach sein Wort. Beinah täglich kann er inzwischen wieder von neuen Funden berichten. Der Ergänzungsband, der jetzt erscheint, hat 150 Seiten. Und ist noch nicht das Ende. Das ist Suhrkamp. Große Dauer und manchmal eine Ahnung von Ewigkeit. Abrüstung der Gelehrsamkeit? Herr Dath, Sie haben den Katalog nicht ganz zu Ende gelesen!
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.07.2006, Nr. 27 / Seite 28
Bildmaterial: Christian Thiel, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, Suhrkamp