04. August 2008 Alexander Solschenizyn hat die düsteren Verhältnisse, die er anprangerte, stets spannend und leicht lesbar geschildert. Er war ein großer politischer Autor, ein großer Stilist war er jedoch nicht. Marcel Reich-Ranicki erinnert sich.
Alexander Solschenizyn ist gestorben. Was war Ihre erste Reaktion?
Die Nachricht vom Tod des Alexander Solschenizyn hat manche meiner Freunde überrascht. Sie haben geglaubt, er sei längst tot. Das ist natürlich kein Zufall. Es war in den letzten Jahren etwas still um Solschenizyn geworden, unter anderem deshalb, weil er sehr krank war und das seine Arbeit natürlich einschränkte. Solschenizyn war kein großer Künstler, aber ein sehr, sehr wichtiger Autor und ein zu Recht weltberühmter Schriftsteller. Es war wichtig, was er zu sagen, zu erzählen, zu berichten hatte; weniger wichtig, wie er das getan hat. Seine Hauptwerke sind erzählende Werke, die zugleich Dokumentationen sind.
Welche seiner Bücher werden bleiben?
Da ist zunächst einmal sein erster Roman, dessen Druck aufgrund der persönlichen Entscheidung von Chruschtschow in der Sowjetunion erfolgt sein soll, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Ganz wichtig sind auch zwei Romane, die wenig später folgten, nämlich Der erste Kreis der Hölle“ und Krebsstation“. Ich habe seinerzeit über beide Romane geschrieben; Solschenizyn hat mich als Autor seiner Stoffe, seiner Themen, seiner Motive wegen sehr interessiert. Er war ja acht Jahre in der Sowjetunion im Lager und danach drei Jahre in sibirischer Verbannung. Über Solschenizyns Heroismus wurde viel geredet und geschrieben, und er wurde als Märtyrer gerühmt. Aber ein Märtyrer zu sein bedeutet natürlich noch nicht, dass seine Epik mit gütiger Nachsicht behandelt werden sollte. Das hatte diese Epik auch nicht nötig. Nach diesen beiden Romanen, die sehr erfolgreich waren, aber in der Sowjetunion, soweit ich informiert bin, nie erschienen sind, folgte Der Archipel GULag“, ein enormes, sehr aufschlussreiches Werk, über das damals, 1974, in dieser Zeitung eine große Kritik von Heinrich Böll erschien, der es sehr bewunderte.
Was zeichnete Solschenizyn aus?
Nun, man muss sich bei diesen Büchern, die sich übrigens sehr gut und spannend lesen lassen, darüber im Klaren sein, dass die psychologische Analyse nicht die starke Seite von Solschenizyns Talent war, sondern vielmehr die Beschreibung sozialer Zustände und Verhältnisse, die Darstellung charakteristischer Schauplätze und Milieus und vor allem die Vergegenwärtigung jener Situationen, mit denen sich die Helden Solschenizyns eben abfinden müssen. Der Schwerpunkt liegt immer in der Parabel, der gleichnishaften Ausdruckskraft der Schauplätze und Situationen, die auch dann, wenn sich einige Handlungsfäden als wenig originell erweisen, alle Kommentare überflüssig machen und allein durch ihre Existenz innerhalb des Romans erschüttern.
Hat Solschenizyn, wie immer behauptet wird, also tatsächlich das Erbe Dostojewskis und Tolstois weitergeführt ?
Solschenizyn ist nicht der erste russische Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhundert, den man mit Dostojewski und Tolstoi verglichen hat. Dieser Vergleich ist nur halb richtig. Der Vergleich mit Dostojewski trifft nicht zu, denn die Impulsivität, die Besessenheit Dostojewskis, seine Dämonie, seine Passion spürt man in den Büchern Solschenizyns nicht so deutlich, wohl aber Tolstois Souveränität und Distanz, seine makellose Ruhe und Gelassenheit. Im Ersten Kreis der Hölle“ gibt es ein sehr interessantes Zentralmotiv. Die Handlung spielt in einem russischen Sondergefängnis namens Mawrino, wo hervorragende Mathematiker, Physiker, Chemiker und Ingenieure im Auftrag des Geheimdienstes irgendwelche technischen Mittel erfinden sollen, mit denen der alternde Diktator seine Stellung absichern will. Das ist sehr spannend geschrieben, und wie immer bei Solschenizyn ist hier alles symbolisch und zugleich real. Hier tritt auch Solschenizyns tiefe Überzeugung von der Unzerstörbarkeit des Menschen zutage – und das hat nichts mit politischen Kategorien zu tun. Solschenizyn teilt diese Überzeugung mit den großen kommunistischen Schriftstellern Russlands des zwanzigsten Jahrhunderts, etwa mit einem so großen, wunderbaren Schriftsteller wie Isaac Babel. Er hat eben – das haben ihm im Westen manche vorgeworfen – nach wie vor Vertrauen gehabt zu den formalen Mitteln des tolstoischen Romans. Die Literatur zu revolutionieren war nie seine Absicht.
Also wollte er seine Leser durchaus auch unterhalten?
Was immer Solschenizyn erzählt und was er auch bewirken möchte, er mutet den Lesen kaum Anstrengung zu. So ernst seine Prosa ist, so leicht und eigentlich auch bequem lässt sie sich konsumieren. Düster und makaber sind die geschilderten Vorfälle, aber die Bücher sind spannend und sogar unterhaltsam, vor allem Der erste Kreis der Hölle“, den ich am stärksten im Gedächtnis habe. Er hat eigentlich immer spannend geschrieben. Das, was deutsche Leser in deutscher Sprache nur bei fragwürdigen Autoren der Unterhaltungsliteratur fanden, das konnten russische Leser bei Solschenizyn immer wieder finden.
Sind Sie ihm je persönlich begegnet?
Nein, nie. Ich verbinde literarische Eindrücke mit ihm. So hat mich persönlich im Roman Der erste Kreis der Hölle“ ganz besonders eine Figur fasziniert: ein Jude namens Rubin, der nicht aufhören kann, im sowjetischen Lager, wo er Häftling ist, die deutsche Literatur zu lieben und gleichzeitig weiterhin an den Kommunismus zu glauben. Das ist eine typische Solschenizyn-Figur.
Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp