Begegnung mit Solschenizyn

Ein Tag im Februar 1974

Von Hans-Peter Riese

1974 blickte hierhin die Welt: Das Heinrich Böll Haus in Langenbroich (Foto vom Montag)

1974 blickte hierhin die Welt: Das Heinrich Böll Haus in Langenbroich (Foto vom Montag)

05. August 2008 Das kleine Eifeldorf Langenbroich ist nicht gerade ein Ort, an dem sich die Weltpresse versammelt. Hier hat Heinrich Böll seine „Schreibstube“, ein ausgebautes Bauernhaus, in das er sich von Köln aus gerne zurückzieht. In diesen kalten, jedoch sonnigen Februartagen des Jahres 1974 aber schaut die Welt auf Langenbroich, denn hier hat Alexander Solschenizyn nach seiner Zwangsexilierung aus der Sowjetunion zunächst Asyl gefunden.

Böll hatte mir versprochen, eine Zusammenkunft mit seinem Gast zu arrangieren. Zunächst aber sah ich mich, eingekeilt zwischen Kameras und Mikrofonen, in dem kleinen Hof des Böll-Anwesens zum ersten Mal dem berühmten Alexander Issajewitsch Solschenizyn gegenüber. Ich hatte einen gebeugten Mann erwartet, der seine Familie als Geisel im Gewahrsam der Staatsmacht in Moskau zurücklassen musste und einem ungewissen Schicksal als Emigrant entgegensah. Stattdessen: ein selbstbewusster, kämpferischer Mann mit Prophetenbart, der in einem den wenigsten Journalisten geläufigen Russisch der Weltpresse seine Anklagen gegen den Kreml in die Mikrofone diktierte.

Er beherrschte die Szene

13. Februar 1974: Solschenizyn bei Böll

13. Februar 1974: Solschenizyn bei Böll

Böll versuchte immer wieder, auf den menschlichen Aspekt, auf die Tragödie eines Verlustes der eigenen Sprache, der nationalen Identität zurückzukommen. Aber sein Gast beherrschte die Szene souverän, so als habe er immer schon Pressekonferenzen für die Weltpresse gegeben.

Dann zogen sich die beiden Dichter zu einem Spaziergang auf die Weiden um das Haus zurück. Ein unvergessliches Bild: Böll in seiner charakteristischen Baskenmütze, Solschenizyn barhäuptig und in einem vom Gastgeber geliehenen Mantel. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen, weder die tatsächliche noch diejenige im übertragenen Sinne, die er in der andersartigen politischen und kulturellen Umgebung in dem ihm gänzlich unvertrauten Westen zu erwarten hatte.

Böll, bei aller Solidarität mit dem zwangsausgebürgerten Kollegen, war dennoch irritiert. Er empfand ihn, wie er mir später einmal sagte, als einen „Gesandten“, dem sein Schicksal als vorbestimmt erschien und der es demzufolge auch klaglos annahm. Und der deswegen auch sofort begann, all jene zu attackieren, die er dafür verantwortlich machte. Zu der versprochenen Begegnung kam es dann doch noch. In dem kleinen Wohnzimmer saß mir ein streng blickender, dynamisch wirkender Mann gegenüber, ohne jedes Anzeichen von Resignation, Kleinmut oder Angst. Zitiert wollte er nicht werden, es gab kein Interview, auch keine persönlichen Fragen. Ich wurde nur als ein Freund des Gastgebers empfangen. Die politische Botschaft aber war klar und wurde auch bei dieser privaten Begegnung unmissverständlich artikuliert.

Eine historische Mission

Schon damals hätte man ahnen können, dass Solschenizyn hier einen Feldzug begonnen hatte, von dem er fest überzeugt war, dass er aus ihm als Sieger hervorgehen würde. Was ich in diesem Moment nicht wahrnahm: Solschenizyn erwähnte keinen der anderen Schriftsteller und Intellektuellen in Moskau, die nach seiner Ausweisung verstärkten Repressalien ausgesetzt wurden. Es ging um ihn allein und seinen Kampf gegen das bolschewistische System. Auch seinem Gastgeber Heinrich Böll gegenüber schien Solschenizyn keine besonderen Dankesgefühle zu hegen. Er machte den Eindruck, als erfülle er eine historische Mission.

Später habe ich mit Böll oft über die Tage in Langenbroich gesprochen. Längst war offenbar geworden, dass die beiden Dichter politisch kaum etwas verband. Böll hatte mittlerweile auch mit vielen Dissidenten in Moskau über Solschenizyn gesprochen, nicht zuletzt mit Lew Kopelew, seinem engen Freund. Solschenizyn hatte sich da bereits zum alleinigen Sprecher des wahren Russlands aufgeschwungen, was in Moskauer Dissidentenkreisen wenig Anklang fand. Roy Medwedew, in der Sowjetunion der schärfste Kritiker Solschenizyns, schrieb nur zwei Jahre nach dessen Zwangsaussiedlung: „Solschenizyn ist zutiefst im Irrtum, wenn er beansprucht, im Namen der Mehrheit des russischen Volkes zu sprechen.“

Der einsame Gigant

Dies war beileibe keine Einzelstimme eines in der Sowjetunion zurückgebliebenen Kollegen über den erfolgreichen Exilschriftsteller. Die Moskauer Dissidentenszene, der Solschenizyn auch vor seiner Ausreise nie angehört hatte, fühlte sich insgesamt von diesem geradezu missachtet. Solschenizyn aber suchte keine Solidarität, keine Hilfe oder Unterstützung. Sein Kampf war der eines einsamen Giganten, in dem Bewusstsein, für diese Rolle von der Vorsehung bestimmt zu sein. In meinen späteren Jahren in Moskau war ich immer wieder überrascht, wie unversöhnlich die Fronten zwischen Solschenizyn und dem größten Teil der russischen Intelligenzia waren. Es waren nicht nur die Linken, die Solschenizyn beschuldigten, Monarchist zu sein, und ihm seine äußerst reaktionäre politische Haltung vorwarfen. Nicht zuletzt seine Rechtfertigung des brutalen Tschetschenien-Krieges von Präsident Putin hat ihn viel von seinem moralischen Kredit gekostet. Als in den neunziger Jahren die Debatte um eine eventuelle Rückkehr des Nobelpreisträgers nach Russland begann, wurden diese Fronten noch einmal auch in der Presse sichtbar. Benedikt Sarnow sagte damals: „Die Zeit ist über Solschenizyn hinweggegangen“, und er meinte dabei in erster Linie den politischen Publizisten.

Den Dichter, vor allem der frühen Bücher, einschließlich der Gulag-Trilogie, verteidigen auch seine politischen Gegner nahezu ohne Ausnahme. Das Spätwerk, das Solschenizyn fast ausschließlich der - wie er es sah - „Enttarnung des kommunistischen Regimes“ widmete und das in dem monumentalen Werk über die Revolution „Das rote Rad“ kulminierte, entstand bereits komplett außerhalb der Heimat. In dem kleinen Ort Cavendish in Vermont im äußersten Norden der Vereinigten Staaten hatte er schließlich Ruhe gefunden.

Russland in Vermont

Hier versuchte ich noch einmal, an unsere erste Begegnung anzuknüpfen, und bat um einen Termin. Als keine Antwort eintraf, machte ich mich auf den Weg nach Vermont. Das Anwesen des Dichters schien mir von gigantischen Ausmaßen. Das Haus von der Straße nicht zu sehen, der gesamte Komplex von einem hohen Zaun abgeschirmt. Wie man wusste, hatte sich Solschenizyn hier einen sicheren Bunker für seine Manuskripte und sein umfangreiches historisches Material gebaut. Journalisten empfing er grundsätzlich nicht.

Die Landschaft in Vermont erinnert auf verblüffende Weise an Russland, vor allem im Winter. Die Holzhäuser der Bauern, die Weite der Landschaft, die geringe Zahl der Bewohner und die miserablen Verkehrswege müssen den einsamen Mann in seinem Archivbunker, wenn er denn einmal sein Grundstück verlassen hat, an die Heimat erinnert haben. Aber er hatte sich erneut eine Selbstisolation auferlegt, die fatal an ein Lagerleben, wenngleich in Luxus und ohne Repression, erinnerte.

Entfremdung von allen

Als Solschenizyns Bücher im Zuge der Perestrojka langsam nach Russland zurückkehrten, schien ihre politische und literarische Sprengkraft, die einst den Kreml herausgefordert hatte, nahezu erschöpft. Nur wenige, wie der Vertreter der „Dorfprosa“, Viktor Afanasjew, begrüßten den Nobelpreisträger als einen der „größten russischen Dichter der Gegenwart“. Aber dieser blieb auch in Moskau ein Einsamer. Seine „Memoiren“ sind Manifeste dieser selbstgewählten Isolation, und so werden sie von vielen in Russland auch als Beweis seiner Kälte und seines Hochmutes gelesen. „Das Kalb und die Eiche“ sowie „Die Unsichtbaren“ sind Bücher, in denen Solschenizyn ausschließlich sich selbst darstellt und seinen „heroischen“ Kampf gegen das Unterdrückungssystem. Dass er sich allen seinen früheren Freunden, auch seinem Entdecker Twardowski, schon in Moskau entfremdet hatte, das wurde hier schmerzlich deutlich.

Der Mann, der 1974 in Langenbroich in der Eifel bereits als Prophet aufgetreten war und der sich berufen fühlte, ganz alleine gegen die Macht des Kreml anzutreten, musste allerdings erkennen, dass er nicht dafür gepriesen wurde und dass er als politischer Prophet in seinem Vermonter Exil längst den Anschluss verloren hatte. Wenn man heute allerdings den „Archipel Gulag“ wieder in die Hand nimmt, dann kann man nicht leugnen, dass Solschenizyn damit ein Werk geschaffen hat, das die Jahrhunderte und alle seine politischen Fehlurteile überdauern wird. Das war nicht zu ahnen, als er mir damals im Häuschen von Heinrich Böll gegenübergesessen hat. Seine bezwingende und gleichermaßen einschüchternde Ausstrahlung aber werde ich nicht vergessen.

Hans-Peter Riese arbeitete als Hörfunk-Korrespondent in Prag, Bonn, Washington und Moskau, wo er fünf Jahre lang das ARD-Hörfunk-Studio leitete.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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