Grass im April 1945

Im Dunst der Zwiebelsuppe

Von Wolfgang Schneider

In Spremberg in der Niederlausitz wurde Grass' Division aufgerieben

In Spremberg in der Niederlausitz wurde Grass' Division aufgerieben

21. August 2006 Wo war Günter Grass? Diese Frage stellt sich, wenn man versucht, seine Wege als SS-Mann nachzuvollziehen. Denn topographische Genauigkeit läßt sich seiner Darstellung der Kampf- und Fluchthandlungen nicht gerade nachrühmen. Aber nicht nur, daß bei Grass vieles verschwommen bleibt. Besucht man heute die Gegend um Spremberg, stellt man fest: Ein großer Teil der ehemaligen Schlachtfelder ist seit DDR-Zeiten von der Erdoberfläche verschwunden. Braunkohletagebau prägt das Landschaftsbild. Zwischen Baumgruppen blinken die in den letzten Jahren entstandenen Gewässer. Einige Dörfer der Umgebung haben sich humorvoll zur Gemeinde „Neuseeland“ zusammengeschlossen. Aber es lauern auch Gefahren. Schilder warnen, ja nicht ins Unterholz abzuweichen: „Lebensgefahr!“ Wahrscheinlich würde man sofort im Schmodder versacken.

Unheimlich überdies die verlassenen Häuser am Straßenrand und ein zum Tod verurteilter Ort wie Haidemühl, der Anfang dieses Jahres offiziell aufgelöst wurde. An der dortigen Glashütte, einer Industrieruine, in der zur DDR-Zeit mehr als tausend Menschen arbeiteten, steht noch in kämpferischen Großbuchstaben: „Haidemühl muß bleiben“. Auch das Dorf Kausche, in dem die SS-Division Frundsberg gerade in jenen Tagen eingekesselt wurde, als für Grass dank einer leichten Verwundung der Krieg zu Ende ging, ist längst abgebaggert worden und liegt heute anderswo.

Versprengte Einheiten

Früh am 16. April begann die russische Großoffensive. Hitler vermutete, die Rote Armee werde in der Lausitz durchbrechen, um in schnellem Vorstoß die Elbe zu erreichen. Deshalb wurde die 10. SS-Panzerdivision Frundsberg, die der zitternde, gebeugte „Führer“ bei seinem letzten öffentlichen Auftritt neben einigen Hitlerjungen für ihre Einsatzfreude noch auszeichnete, aus dem Raum Görlitz in die Niederlausitz verlegt. Am 17. April erreichte sie ihr Bestimmungsgebiet. Die Truppe unter Generalmajor Heinz Harmel hatte den Auftrag, die Lücke zwischen Cottbus und Spremberg zu schließen.

Immer wieder beschwört Grass das Chaos der Kriegsendzeit, in dem geordnete Aktionen kaum mehr möglich waren. Dabei geht er aber ein wenig weit: „Die Division Frundsberg gab es nicht, falls es sie je gegeben hat“, schreibt er an einer Stelle. Es gab sie, auch wenn Grass es offenbar hauptsächlich mit versprengten Einheiten zu tun hatte. Die „Frundsberger“ wurden eingekesselt, als die sowjetische Armee am 19. April einen Ring um Spremberg schloß, mit zwei weiteren Divisionen.

Fanatischer Nationalsozialist

Es handelte sich zum einen um die sogenannte Führer-Begleit-Division unter Generalmajor Otto Ernst Remer, die östlich der Stadt gestanden hatte (Remer war ein fanatischer Nationalsozialist, der an der Niederschlagung des Aufstandes vom 20. Juli beteiligt war und bis zu seinem Tod 1997 eine notorische Figur der rechten Szene blieb), zum anderen um die bisher westlich der Stadt liegende 344. Infanteriedivision unter Generalmajor Erwin Jollasse, einem Militär altpreußischen Schlages. Diese drei Divisionen bildeten am Abend des 19. April eine knapp 20.000 Mann umfassende „Kampfgruppe Spremberg“.

Und wo war Günter Grass? In der Konfusion der Ereignisse, in der beide Seiten martialische Greueltaten begingen, war er hinter die russischen Linien geraten, irgendwo westlich der Stadt. Dort irrte er seit Stunden oder Tagen mit anderen Versprengten durch Kiefernschonungen und Dörfer und will, vor Angst zitternd, „Hänschen klein“ im dunklen Wald gesungen haben - eine unvergeßliche Episode, so hat man sich Hitlers SS wirklich nicht vorgestellt. Dabei fand er seinen simplizianischen Gefährten, einen kriegserfahrenen, mit Überlebensschläue gesegneten Obergefreiten, Friseur aus Berlin.

Nun keine Sonderrationen mehr

Grass verläßt sich auf die desorientierte Erlebnisperspektive vom April 1945 und speist den Leser immer wieder ab mit dem Weißnichtwann und Weißnichtwo: „Der Name der umkämpften Ortschaft, die in der sandigen Lausitz lag und sich als Straßendorf in die Länge zog, blieb ungenannt oder wurde von mir vergessen.“ Immerhin gibt es ein paar Winke. Die letzte Station vor seiner Verwundung war ein Dorf, das möglicherweise „Peterlein“ geheißen habe. Einen Ort mit diesem niedlichen Namen gibt es erwartungsgemäß nicht. Dafür gibt es Neupetershain. Nicht nur der ähnliche Klang, auch die sonstigen Koordinaten passen. Der Ort liegt etwa zwanzig Kilometer westlich von Spremberg. Auf dem Weg dorthin kreuzt man Bahngleise - sind es die, auf denen Grass längere Zeit entlanggelaufen sein soll? Die Landstraße von Senftenberg nach Spremberg, an der Grass am 20. April unter Granatbeschuß geriet und verwundet wurde, ist nicht weit. Dieses Datum steht Grass übrigens mit von keinerlei Zwiebeldunst getrübter Genauigkeit vor Augen. Denn es war der letzte Geburtstag Hitlers, und die desillusionierten Soldaten spotteten darüber, daß es nun keine Sonderrationen mehr gebe.

In „Peterlein“ also wurden Grass und sein Obergefreiter ohne Marschbefehl aufgegriffen und in den Keller eines Bauernhauses gesperrt. Grass beschreibt dann, wie russische Truppen auf den Ort vorrücken. „Ich habe dennoch die Maschinenpistole italienischer Herkunft nicht in den Anschlag gebracht, wie auch mein Obergefreiter das Dorf Peterlein nicht mit seinem Sturmgewehr verteidigen wollte. Wir verdrückten uns ohne Geräusch.“

Feuer auf den Spremberger Kessel

Inzwischen, in der Nacht auf den 20. April, wird aus 1250 Geschützen das Feuer auf den Spremberger Kessel eröffnet. Die Rote Armee erobert die brennende Stadt; die deutschen Divisionen versuchen den Ausbruch nach Westen. Generalmajor Heinz Harmel, nach dem Krieg Vertreter für Einbauküchen, dachte nicht daran, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen. Ausgerechnet mit dem fanatischen Nazi Remer stellte er sich gegen den Führerbefehl des Durchhaltens, während der altpreußische Wehrmachtsgeneral Jollasse für Pflichttreue plädierte: „Ich bin ein Offizier alter Schule, ich weiche nicht“, soll er gesagt haben. Eine abenteuerliche Szene spielte sich ab. Remer richtete seine Pistole auf Jollasse; so wurde der Ausbruch „beschlossen“, der nach anfänglichem Erfolg jedoch von einem weiteren Umfassungsangriff der Russen beantwortet wurde. Es bildete sich ein zweiter Kessel bei Kausche. In dem von den Deutschen zurückeroberten Dorf hielten sich zahlreiche Zivilisten auf, die gerade die üblichen Begleiterscheinungen der sowjetischen Befreiung hatten über sich ergehen lassen.

Kausche lag einige Kilometer östlich von Neupetershain. Was geschah dort, nachdem Grass sich verdrückt hatte? Der Jurist Andreas Kottwitz, ein Spremberger Heimatgeschichtler, gibt Auskunft. Die Sowjets nahmen den Ort ein und installierten am östlichen Ortsrand einen massiven Geschützriegel. Am 22. April wurden die Richtung Westen aus dem Kessel von Kausche drängenden deutschen Soldaten und Zivilisten von hier aus unter starken Beschuß genommen. Es kam zur größten Menschenschlächterei in der Lausitz. Der panischen Menge blieb nur die Flucht seitwärts über ein ausgedehntes Wiesengelände. Tausende wurden, laufend oder kriechend, auf der „Todeswiese“ zusammengeschossen. Die Rote Armee setzte erbeutete deutsche Waffen ein, was die Verwirrung steigerte. Die Flüchtenden mußten einen Bahndamm mitten auf der Wiese überqueren; dort, wo jede Deckung fehlte, türmten sich die Leichen, und die Lebenden wühlten sich zwischen den Toten hindurch, um nicht selbst getroffen zu werden.

Nur noch um unser Leben gerannt

Während sonst die Sowjets ihre Siege meist mit einer Überzahl an eigenen Opfern erkaufen mußten, waren in der Region Spremberg die deutschen Verluste etwa viermal so hoch wie die russischen - die vielen getöteten „Volkssturmmänner“ und Zivilisten nicht mitgerechnet. Die Aussage eines ehemaligen Soldaten macht die ganze Auflösung deutlich: „Hier haben wir nicht mehr gekämpft, hier sind wir nur noch um unser Leben gerannt.“

Diesem Inferno, das sich zwei Tage nach Grass' simplizianischer Mahlzeit im Bauernhauskeller von „Peterlein“ ebendort ereignete, wäre mit Kriegsanekdoten jener Art, wie sie in seiner Darstellung bestimmend sind, nicht beizukommen. Er schildert keine Massenszenen, wie sie etwa sein Vorbild Döblin im „Wallenstein“ beschrieben hat, sondern schelmenhafte, kleinformatige Episoden à la Grimmelshausen. Dazu gehört die wahrhaft pikareske Versicherung, in diesen Tagen der Gemetzel selbst keinen einzigen Schuß abgegeben zu haben. Dazu gehört schließlich auch das Ablegen der SS-Jacke. In „Peterlein“ hat Grass sie mit einer Wehrmachtsuniform vertauscht. Für die Einwohner war das womöglich mehr als ein Schelmenstreich. Denn solche zurückgelassenen SS-Uniformen waren keine Empfehlung, als russische Einheiten oder befreite Zwangsarbeiter in die Orte kamen. Wo SS-Überbleibsel gefunden wurden, brannten oft Häuser, wurde Vergeltung geübt.

„Manchmal half nur noch das aus Schläue mit dem Zufall gezeugte Kind namens Glück“, lautet ein schöner Satz in den Kriegserinnerungen von Grass. In der Tat: Seine Irrläufe und dann der gnädige Granatsplitter haben ihn vor der „Todeswiese“ von Neupetershain bewahrt.

Text: F.A.Z., 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 33
Bildmaterial: ddp

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