18. August 2006 Der Schriftsteller Günter Grass hat eine Rückgabe der Danziger Ehrenbürgerschaft abgelehnt. Er sehe keinen Grund, auf diese Ehrung zu verzichten, sagte Grass in der am Donnerstag abend ausgestrahlten ARD-Sendung Wickerts Bücher. Grass verwies darauf, daß er sich sehr früh und unter schwierigen Bedingungen für eine Versöhnung zwischen Deutschen und Polen eingesetzt habe.
Der frühere polnische Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa erwägt einen Verzicht auf seine Danziger Ehrenbürgerschaft, sollte Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg nicht weiter begründen. Grass müsse ausführlicher erklären, warum er so lange über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS geschwiegen habe, sagte Walesa am Freitag dem privaten Fernsehsender TVN24. Es ist nötig, daß die Situation geklärt wird. Ohne eine Erklärung werde ich meine Ehrenbürgerschaft zurückgeben, sagte Walesa. Die Waffen-SS sei mitverantwortlich für den Tod seines Vaters, vieler anderer Menschen und für die Zerstörung Danzigs, sagte Walesa. Ohne Klärung der Situation könne er die Ehrenbürgerschaft nicht weiter mit Grass teilen.
Steinbach: Grass soll spenden
Der Bund der Vertriebenen hat Grass aufgefordert, die Einnahmen aus seinem neuen Buch Beim Häuten der Zwiebel vollständig an Opfer des NS-Regimes in Polen zu spenden. Die Vorsitzende des Vertriebenenbundes, Erika Steinbach (CDU), sagte der Bild-Zeitung (Freitag), Grass' überraschendes Geständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS komme zwar dem Verkauf seines neuen Buches zugute, beschädige aber das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen. Als Geste der Versöhnung sollte er die Einnahmen aus dem Verkauf seines Buches komplett für die Opfer des Nationalsozialismus in Polen spenden, meinte Steinbach.
CDU: Grass muß auf Brückepreis verzichten
Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok forderte Grass auf, auf die geplante Verleihung des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz zu verzichten. Brok sagte der Bild-Zeitung: Ich finde, Grass muß auf diesen Preis verzichten. Auch die Jury sollte über die Verleihung noch einmal nachdenken. Der CDU-Politiker begründete seine Aufforderung mit Äußerungen von Grass in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bezug auf die Spießigkeit und den katholischen Mief der Adenauer-Ära. Dabei hat gerade Adenauer die Freiheit und die Einigung Europas wie kaum ein anderer vorangetrieben. Das sollte Grass bedenken, ehe er eine solche europäische Ehrung annimmt, sagte Brok. Über die Vergabe des Brückepreises an Grass soll am 5. September auf einer Sondersitzung des Preisgerichts neu entschieden werden. Das teilte die Stadtverwaltung am Freitag auf Anfrage mit. Grass war im März als Preisträger der mit 2500 Euro dotierten Auszeichnung bekannt gegeben worden.
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wirft Grass doppelte moralische Standards vor. Der Autor sei gegenüber anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befunden hätten, mit einem so unnachsichtigen moralischen Urteil aufgetreten und reklamiere nun für sich selber offenkundig andere Konditionen, sagte Lammert am Freitag im Deutschlandfunk. Grass reklamiere eine Nachsicht, die er anderen gegenüber geradezu prinzipiell verweigert habe. Auf die Frage, ob Grass Nachsicht verdiene, antwortete Lammert: Er hat jedenfalls keinen Anspruch darauf.
Lammert: Hoffentlich eine Lektion
Der Bundestagspräsident äußerte die Hoffnung, daß Grass aus der Erfahrung gelernt hat. Hoffentlich sei dies die Lektion, die er selbst und auch andere aus dieser Situation für die Zukunft zögen. Er könne es jedoch verstehen, daß Grass, wie viele andere junge Leute auch, damals in die Verbindung mit dem Regime geraten ist und über diese Erfahrung nicht gesprochen hatte. Lammert betonte, Grass habe ihn als Autor sehr beeindruckt. Daran wird sich auch nach diesen eigenen späten Enthüllungen nichts ändern. Er fügte hinzu: Daß herausragende Autoren sich nicht zugleich durch überragendes politisches Urteilsvermögen auszeichnen müssen, ist eine Erfahrung, die man bei Günter Grass nicht zum ersten Mal macht.
Günter Grass hat nach Ansicht des französischen Politologen Alfred Grosser als unnachgiebiger Kritiker der Nazi-Vergangenheit zu lange zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS geschwiegen. Der Schriftsteller hätte den gemeinsamen Auftritt von Bundeskanzler Helmut Kohl und dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan 1985 auf dem Soldatenfriedhof Bitburg nutzen können, um seine Vergangenheit zu erwähnen, schrieb Grosser in einem Gastkommentar für die in Rennes erscheinenden Zeitung Ouest France (Freitagausgabe). In Bitburg sind auch Angehörige der Waffen-SS bestattet. Statt diejenigen zu unterstützen, die damals vor allem aus Ablehnung Ronald Reagans heraus Kohl vorwarfen, die SS rehabilitieren zu wollen, hätte Grass aufstehen sollen, um zu sagen: Wenn ich getötet worden wäre, wäre mein Grab zwischen diesen hier gewesen.
Eine andere Gelegenheit zur Wahrheit wäre das Erscheinen seines Buches Die Blechtrommel im Jahre 1959 gewesen, schrieb Grosser. Grass habe im Ausland jahrelang ein demokratisches Deutschland verkörpert, aber insgesamt auch ein etwas karikaturenhaftes Bild seines Landes verbreitet. Daher rühre heute der Schock über die Enthüllung. Grosser hatte 1975 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für seine Rolle als Mittler zwischen Franzosen und Deutschen erhalten.
Text: FAZ.NET mit Material von AFP, ddp, dpa
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