Zum Tode Lenka Reinverovas

Schreiben in Zeiten des Prager Vorfrühlings

Von Hans-Peter Riese

War auf Augenhöhe mit Kafka, Kisch und Brod: Lenka Reinerova

War auf Augenhöhe mit Kafka, Kisch und Brod: Lenka Reinerova

29. Juni 2008 Den Titel hörte sie nicht so gern, irgendwie passte er nicht zu ihrem Schicksal und auch nicht zu ihrer schlichten und zugleich ungeheuer präsenten Prosa: Lenka Reinerova (auf deutsch: Reiner), war eine Institution in Prag. Ihre Sprache hatte etwas anrührend Altmodisches – präzise, ungeschnörkelt, journalistisch, denn das war ihre eigentliche Profession, auf die sie stolz war. Während des „Prager Frühlings“ sah man sie in den intellektuellen Zirkeln der Stadt und als Dolmetscherin für die zahlreichen Journalisten. Da war sie eigentlich noch gar nicht berühmt.

Ihr literarischer Ruhm kam spät, aber, wie sie einmal sagte, noch rechtzeitig für die Sache, um die es ihr ging. Sie begriff sich als Zeitzeugin und Chronistin eines Landes, das, wie sie schrieb, das „ersehnte und auch erreichbare Exil“ für Thomas und Heinrich Mann, für Ernst Bloch und andere war, bis es zum „Protektorat Böhmen und Mähren“ gemacht wurde.

Irrfahrt ins Exil

Lenka Reinerova entging der Vernichtung durch einen Zufall. Als Reporterin der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ (AIZ), für die auch Egon Erwin Kisch schrieb, war sie in Bukarest, wo sie von der Okkupation ihres Heimatlandes erfuhr. Ihre Familie sollte sie nie wiedersehen, für sie selbst begann eine Irrfahrt ins Exil, wie man es von vielen deutschen Autoren kennt. In Paris inhaftiert, in ein Internierungslager in Südfrankreich verlegt, über Marseille schließlich nach Casablanca gelangt und zuletzt nach Mexiko, wo sie Kisch wiedertraf und mit Anna Seghers Freundschaft schloss. Auch hier gründete sie eine kleine tschechische Exilzeitschrift und hielt Kontakt zu den deutschen Emigranten, Kommunisten wie sie und ihr serbischer Ehemann. Als sie schließlich 1948 über Belgrad nach Prag zurückkehrte, schien ein freies kommunistisches Land zu entstehen. Aber sie wurde enttäuscht, wie so oft in ihrem Leben, erneut im Zuge der Slansky-Prozesse inhaftiert, aus der Partei ausgeschlossen und mit Berufsverbot belegt. Das widerfuhr ihr ein weiteres Mal nach dem Prager Frühling, als ihr Ruhm als Literatin bereits – ironischerweise über den Aufbau-Verlag in der DDR – aufzublühen begann.

Ihre Bücher, die seit den neunziger Jahren in dichter Folge erschienen, verdanken sich ihren eigenen Erfahrungen ebenso wie dem Schicksal der jüdischen deutschsprachigen Literatur. Das Prag Kafkas, Kischs, Brods oder Weißkopfs hat sie liebevoll und doch unabhängig beschrieben und dabei ihren Freunden und Weggefährten genaue und ungemein menschliche Porträts gewidmet. Immer wieder hat sie ihre Heimatstadt beschrieben, aber das neue, das nunmehr kapitalistische Prag hat sie nicht besonders gemocht. In ihrem Erzählungsband „Das Traumcafé einer Pragerin“ imaginiert sie sich die alten Cafés zurück, in denen die Literaten saßen und aus deren Fenstern man über die ganze Stadt sehen konnte.

Fern jeder Eitelkeit

Ihr vielleicht ergreifendstes Buch ist „Der Ausflug zum Schwanensee“, in dem sie den im Konzentrationslager Ravensbrück ermordeten Frauen ein Denkmal gesetzt hat. Ihre Familie wurde in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet, und sie hat zeit ihres Lebens darüber gerätselt, warum gerade sie davon verschont geblieben ist.

Im Gespräch hatte Lenka Reinerova so gar nichts von jener Eitelkeit, die der Ruhm für gewöhnlich mit sich bringt. Sie liebte es, Deutsch zu sprechen, ohne sich mit den wirklich Großen der deutschsprachigen Literatur Prags zu vergleichen. Im Grunde blieb sie eine Journalistin, die sich den Freund und Mentor Egon Erwin Kisch zum Vorbild nahm. In den tschechischen Literaturkreisen Prags war sie zwar bekannt, aber sie gehörte nicht dazu. Dass sie es war, die das erste Theaterstück von Václav Havel teilweise ins Deutsche übersetzte und dadurch dem späteren Staatspräsidenten seine erste deutsche Premiere bei Boleslaw Barlog in Berlin vermittelt hatte, erzählte sie stets mit einem verschmitzten Lächeln, als der Kollege längst berühmter war als sie selbst.

Rede im Bundestag

Eine späte und gleichermaßen verdiente Ehrung war die Einladung in den Deutschen Bundestag, als sie gebeten wurde, eine Gedenkrede für die Opfer des Nationalsozialismus zu halten. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Lenka Reinerova nicht nach Berlin reisen. Aber sie hat die Rede geschrieben und am Fernsehen verfolgt, wie sie von einer Schauspielerin verlesen wurde. Schnörkellos erinnerte sie daran, was die Welt durch die Nationalsozialisten verloren hat, welche einmalige Symbiose von jüdischer, deutscher und tschechischer Kultur in Prag vernichtet wurde. Ihr Thema als Schriftstellerin war dieser Verlust, den sie als Zeitzeugin und als Opfer durchleiden musste, und dem sie ihr ganzes Leben gewidmet hat.

In ihren Romanen, Geschichten und Novellen erzählt sie eigentlich, wie sie es einmal in einem Interview formuliert hat, nur von Dingen, die sie selbst gesehen und erlebt hat. Was für ein exemplarisches Leben einer europäischen Intellektuellen, aber auch: welche Trauer, dass alles, worüber Lenka Reinerova schreibt, vergangen ist und nicht wieder kommen wird! Sie hat sich nie mit ihren Freunden verglichen, ihre Bescheidenheit war sprichwörtlich. Aber sie wird in die Literaturgeschichte eingehen als Chronistin und als Teil des literarischen Lebens in Prag, bevor es von Hitler ausgelöscht wurde.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Mehr als 35.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag