Vor der Vergabe des Literaturpreises

Michel Tournier plant den Goncourt-Putsch

Von Jürg Altwegg

Mit seinem Preisgeld konnte er sich das Pfarrhaus von Choisel kaufen: Michel Tournier im Garten

Mit seinem Preisgeld konnte er sich das Pfarrhaus von Choisel kaufen: Michel Tournier im Garten

05. November 2007 Es gibt im Leben des Dichters Michel Tournier jedes Jahr einen Tag, vor dem ihm ganz besonders graut. Es ist der Tag, an dem der „Prix Goncourt“ vergeben wird. „Dem Schriftsteller, der ihn bekommt, bringt er eine Million Euro ein, dem Verleger mindestens zwei“, rechnet Tournier mir vor. Er ist seit 1974 Mitglied der „Académie Goncourt“. Sie hat ihren Sitz in einem Pariser Restaurant: „Le Drouant“ an der Place Gaillon, in unmittelbarer Nähe der Oper.

Er selbst hatte den Preis 1970 für den „Erlkönig“ bekommen. Michel Tournier, Jahrgang 1924, war ein literarischer Spätzünder. 1967 erschien sein Erstling „Freitag oder im Schloss des Pazifik“. Der Roman galt als Favorit für den angesehenen Literaturpreis - doch die „Académie française“ kam den Kollegen vom „Goncourt“ zuvor und verlieh dem Senkrechtstarter ihren prestigeträchtigen, in materieller Hinsicht aber ziemlich wertlosen Romanpreis.

Mitterrand wollte für ihn den Nobelpreis

Tournier steckte damals in gewaltigen finanziellen Schwierigkeiten. Der „Prix Goncourt“ erlöste ihn einige Jahre später. Gekrönt wurde sein „Erlkönig“: einstimmig und im ersten Durchgang. Das hatte es noch nie zuvor, etwa als Proust oder Malraux ausgezeichnet wurden, und seither nie wieder gegeben. Mit den Tantiemen konnte Tournier seine Schulden tilgen und den Kauf eines Hauses in Choisel, vierzig Kilometer außerhalb von Paris, finanzieren. Es ist das ehemalige Pfarrhaus der Gemeinde. Hier hat der Schriftsteller Wurzeln geschlagen. François Mitterrand kam des Öfteren in die Dichterklause im Chevreuse-Tal. Er wollte für Tournier den Nobelpreis. Viermal wurde der französische Dichter nach Stockholm in die Akademie eingeladen, jeweils zusammen mit Claude Simon, der die Auszeichnung 1985 endlich erhielt.

„Mir wäre ein Nobelpreisträger Michel Tournier lieber gewesen“, kommentiert der sportliche Verlierer heute. „Seither hat man mich vergessen. Wenn man alt wird, verliert man die Freunde in den Redaktionen und Verlagen.“ Stapelweise und in Kisten liegen die Bücher herum - als umworbener Juror wird Tournier mit allen Neuerscheinungen eingedeckt. Für den Nachmittag ist die Friseurin bestellt. Seit einem Oberschenkelbruch und einer verpfuschten Operation im vergangenen Jahr ist Michel Tournier gehbehindert. Und in wenigen Tagen ist die Goncourt-Preisverleihung, die vom Fernsehen live übertragen wird.

Früher war das sehr viel Geld

Finanziert wird der seit 1903 bestehende Preis aus der Erbschaft der Brüder Jules und Edmond de Goncourt. Die Preissumme betrug fünftausend Franc - „das war viel Geld und entsprach damals fast einer Million Euro“, erzählt Michel Tournier. Den zehn Mitgliedern der „Académie Goncourt“ wurden dreitausend Franc jährlich ausbezahlt. „Davon konnte man in Saus und Braus leben.“ Mit dem Übergang von den alten zu den neuen Franc wurde der Nennwert des Preisgelds durch hundert geteilt. Auf fünfzig Franc ist der Scheck ausgestellt, der Tournier 1970 übergeben wurde. Eingelöst hat er ihn nicht. Inzwischen wären das nicht mal mehr zehn Euro.

Doch parallel zur Entwertung durch die Inflation haben die Auflagen angezogen. In durchschnittlichen Jahren werden bis Weihnachten vierhunderttausend Exemplare abgesetzt. „Die meisten Preisträger machen es wie ich“, erzählt Tournier. „Sie kaufen mit dem Geld ihre Wohnung oder ihr Haus. Schriftsteller sind im Allgemeinen Kleinverdiener, der 'Prix Goncourt' macht sie auf einen Schlag zum Millionär.“ Es gibt Preisträger, die zuvor nie mehr als 2000 Exemplare verkauft haben.

Den Goncourt für Littell? Tournier war dagegen

Ein paar Wochen vor dem „Goncourt“-Tag bricht in Frankreich stets das Literaturpreisfieber aus. Jedes Jahr wird das System kritisiert. Von geheimen Abmachungen ist die Rede, von Bestechung durch astronomische Honorare für Vorworte oder Vorschüsse für Bücher, die nie geschrieben werden. Ein lautes Konzert von Gerüchten und Verschwörungstheorien geht den Entscheidungen voraus. Die Goncourt-Jury veröffentlicht im Sommer mehrmals eine Liste mit den Namen ihrer Favoriten. Je näher der Preis rückt, umso kürzer wird sie.

„Es wäre skandalös, wenn ich gegen einen Roman wäre, nur weil er bei meinem Verleger Gallimard erschienen ist“, sagt Tournier. „Aber lieber gebe ich meine Stimme einem anderen Verlag.“ Im vergangenen Jahr hat er gegen Jonathan Littells SS-Roman „Les Bienveillantes“ gekämpft. Littell, wie Tournier ein Gallimard-Autor, bekam die Auszeichnung dennoch. Und dafür musste sogar erstmals das eiserne Preisgesetz ausgehebelt werden: Denn Littell hatte bereits den Romanpreis der „Académie française“ bekommen, der vier Jahrzehnte zuvor den Goncourt für Tourniers „Freitag“ verhindert hatte. Aber nicht deshalb war Tournier gegen Littell. Er findet dessen „Bienveillantes“ unsäglich - „sein“ Goncourt, der „Erlkönig“, ist ganz gewiss der bessere Roman über den Nationalsozialismus. Doch Tourniers liebstes und mit einer Auflage von sieben Millionen Exemplaren weltweit auch meistgelesenes Buch bleibt „Freitag“.

„Am schlimmsten ist das Essen“

„Gallimard hat nie Druck auf mich ausgeübt“, erzählt Tournier: „Seit 35 Jahren hat mir überhaupt nie jemand etwas versprochen oder gegeben, um meine Stimme zu bekommen. Ich weiß nicht, ob ich unbestechlich bin - aber jedenfalls bin ich nie bestochen worden. Es hat nie den geringsten Beweis für eine Korruption der Literaturpreise gegeben. Aber es stimmt schon, die Bedeutung des Geldes beim ,Goncourt' ist wie überall in der Gesellschaft zu groß geworden. Geld verdirbt alles. Und der Tag der Preisvergabe ist der eine, an dem ich wirklich nicht gern zur Akademie gehöre.“

„Am schlimmsten ist das Essen“, stöhnt Tournier. In Magnumflaschen werden der Meursault 1990 „Les Tessons“ und der rote Gruaud-Larose Jahrgang 1983 serviert. Dazu kommt ein „Saint-Julien Grand-Cru classé“ auf den Tisch. Der Champagner ist Hausmarke: „Drouant blanc de blanc“. Seit hundert Jahren wird das gleiche Menü serviert. Auf den Beluga-Kaviar folgt Hummer. Dann gibt es Gänsestopfleber. Den Hauptgang bildet ein Rehrücken „Grand Veneur“. Üppig ist das Käse-Plateau. Und zum Dessert wird ein „Eissoufflé Grand Marnier“ gereicht. Schließlich Kaffee und Konfekt. Und „Les Vodka“.

Schon zwei Komplizen für den Putsch

Schriftsteller haben eine Arbeit, die zur Einsamkeit verleitet: „Deshalb ist es gut, dass es die Akademien gibt. Sie haben die literarischen Salons abgelöst.“ Die viel steifere „Académie française“ mit ihren wöchentlichen Zusammenkünften hätte Tournier nicht behagt: „In der ,Académie Goncourt' sind wir ,copains' im wahren Sinne des Wortes: Wir duzen uns, und wir teilen das Brot (co-pain).“ Für Montag hat er bereits das Taxi bestellt. Um zehn Uhr wird er in Choisel losfahren und den Wagen in der Avenue de l'Opéra anhalten lassen. Bis zur Place Gaillon gibt es dann schon kein Vordringen mehr. Zu Fuß wird er - dieses Jahr an einer Krücke - bis zum Restaurant gehen. Um 11 Uhr beginnt die Sitzung. Fünf Kandidaten sind im Rennen verblieben, ein Favorit zeichnet sich nicht ab. Tournier aber plant einen Putsch. Er will als Preisträgerin Amélie Nothomb, deren neuer Roman „Weder Adam noch Eva“ gar nicht mehr zur Auswahl steht. Zwei Komplizen, verrät er uns fünf Tage vor der Sitzung, hat er bereits für seinen Plan gewonnen. Und er wird an diesem Wochenende weiter zum Telefon greifen.

Um 13 Uhr wird der Sieger bekanntgegeben, und die Juroren müssen sich den Fragen der Journalisten stellen. Erst danach beginnt das große Preisessen. Im Gegensatz zu den viel zahlreicheren „Unsterblichen“ von der „Académie française“ müssen die „Goncourt“-Mitglieder kein Wörterbuch schreiben, keine Immobilien verwalten (außer der eigenen), keine weiteren Preise vergeben und auch keine Kandidaturen evaluieren. Vergeblich hat Michel Tournier ein Rentenalter von achtzig Jahren vorgeschlagen und ein Mindestalter von vierzig für neue Mitglieder. Einmal im Monat treffen sich drei Frauen und sieben Männer frohgelaunt im „Drouant“. „Wir essen, trinken und erzählen uns die alten Geschichten.“

Text: F.A.Z., 03.11.2007, Nr. 256 / Seite Z4
Bildmaterial: Jürg Altwegg

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