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Kristina Deutsch

Altersvorsorge: „Die Bremer Stadtmusikanten“

28. Februar 2006 Bei dieser Geschichte stehen Tierschützern und Gewerkschaftlern gleichermaßen die Haare zu Berge. Dem Esel waren die Mehlsäcke zu schwer geworden, der Hund litt an Kurzatmigkeit, und die Katze mochte nicht mehr mausen. Weil sie den beruflichen Anforderungen ob ihres fortgeschrittenen Alters also nicht mehr gewachsen waren, wollte man sich ihrer auf unlautere Weise entledigen. Denn um die Altersversorgung war es damals bereits schlecht bestellt, nicht einmal ein Gnadenbrot wollte man ihnen mehr gewähren. Personelle Umstrukturierungen mögen es dagegen gewesen sein, die der Karriere des Hahns, der gerade im Zenit des Lebens stand, ein jähes Ende im Suppentopf bereiten sollten.

Vor den Trümmern ihrer Existenz stehend, beschlossen die vier nun, ihr Glück im Showgeschäft zu suchen, denn der Esel hatte von vier vakanten Stellen bei den Bremer Stadtmusikanten gehört. Und obgleich ihr Talent begrenzt war, verlockte sie doch die Aussicht auf eine - mit lebenslanger sozialer Absicherung verbundene - Anstellung im öffentlichen Dienst. Und was hatten sie schon zu verlieren: Etwas Besseres als den Tod fänden sie schließlich überall.

Eines der charmantesten Märchen

So brachen sie auf, und mittellos, wie sie waren, kamen sie prompt mit dem organisierten Verbrechen in Berührung. Doch sollte dies nicht zu ihrem Nachteil sein, denn sie waren ein wirklich ausgebuffter Haufen. Sich ihr musikalisches Unvermögen, ihr bestialisches Erscheinungsbild und die erwiesene Unzuverlässigkeit von Augenzeugenberichten zunutze machend, vertrieben sie eine Räuberbande kurzerhand aus ihrem Unterschlupf, richteten sich an ihrer statt dort ein und gründeten die erste Seniorenwohngemeinschaft in der Geschichte des Abendlandes. Und so verdanken wir den Grimms nicht nur die Verschriftlichung eines der charmantesten Volksmärchen überhaupt, sondern indirekt auch den ein oder anderen unterhaltsamen Vorabendfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Christiane Hörbiger in der Hauptrolle. „Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.“

Die Kinder- und Hausmärchen, versehen mit Anmerkungen der Brüder Grimm, gibt es im Reclam Verlag für 29,90 Euro.



Text: F.A.Z., 01.03.2006, Nr. 51 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 

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