Niederlande

Sie arbeitet schon an „Submission II"

Von Andreas Ross, Den Haag

Zurück im Parlament: Ayaan Hirsi Ali

Zurück im Parlament: Ayaan Hirsi Ali

19. Januar 2005 Die Winterferien der niederländischen Abgeordneten sind vorbei, aber der Haupteingang der Tweede Kamer in der Haager Altstadt bleibt verbarrikadiert. Bauarbeiter vergrößern das Foyer, um Platz für neue Sicherheitskontrollen zu schaffen. Seit heute muß im Parlament jede Tasche durchleuchtet, jeder Besucher untersucht werden.

Mit der Rückkehr der am meisten gefährdeten Politikerin der Niederlande hat das offiziell nichts zu tun. Doch Ayaan Hirsi Ali wird den neuen Sicherheitsplan zu schätzen wissen. Am 2. November, als ihr Freund Theo van Gogh in Amsterdam ermordet wurde, war die 35 Jahre alte Abgeordnete untergetaucht; nun ist sie zurück.

In Trauerschwarz gehüllt

Die gebürtige Somalierin hatte den Regisseur van Gogh überzeugt, ihr Filmprojekt „Submission“ zu verwirklichen. Die zwanzigminütige Videoprovokation sollte ihr Kampfarsenal gegen den traditionellen Islam um eine sinnlichere Waffe bereichern. Die Bilder von nackten Musliminnen, deren symbolisch verhüllte Körper mit Koranzitaten bemalt sind, versetzten viele marokkanische und türkische Einwanderer in Rage.

Ayaan Hirsi Ali, die heute endlich wieder auf einem der blaugepolsterten Abgeordnetensessel mit dem königlichen Wappen Platz nimmt, hüllt sich in modisches Trauerschwarz. Gewiß nicht der asiatischen Flut wegen, doch auch als Parlamentspräsident Frans Weisglas die Sitzung mit einer Würdigung der Tsunami-Opfer beginnt, nehmen die Fotografen nur die Rückkehrerin ins Visier.

Die Last der blutigen Todesdrohung

Als diese nach der Schweigeminute schon ihre Unterlagen unter den Arm klemmt, um den Mühen der parlamentarischen Ebene gleich zu entkommen, hindert sie eine Assistentin gerade noch rechtzeitig am Aufbruch. Wenigstens den Willkommensgruß des Vorsitzenden und den freundlichen Applaus der Kollegen sollte die Politikerin noch persönlich entgegennehmen.

„Ich habe so einen Verdacht“, sagt Weisglas spitzbübisch, „daß wir heute in den Medien noch das eine oder andere von Ihnen hören werden. Aber wir freuen uns auch darauf, Ihre Stimme wieder hier im Parlament zu vernehmen.“ Kurz lächelt Ayaan Hirsi Ali, doch dann scheint sich die Last wieder auf sie zu legen: die Erkenntnis, daß der Leichnam ihres Freundes Theo dem Mörder letztlich nur als Briefbeschwerer diente: für eine an sie gerichtete Todesdrohung. Vier Seiten lang war das Schreiben, das Mohammed B., auf ein Messer gespießt, dem erschossenen Filmemacher ins Herz rammte. Van Gogh wird in dem Text nicht einmal erwähnt.

„Einen Bumerang abgeworfen“

Es ging Mohammed B. allein um Ayaan Hirsi Ali, die er wie beim Geschäftsbrief als „Geachte mevrouw Hirshi Ali“ anredet. Er könne ihr nicht übelnehmen, daß sie sich von den wahren Feinden des Islam für deren antimuslimischen Kreuzzug instrumentalisieren lasse, ließ der Mörder zwischen ausführlich zitierten Koransuren wissen, „denn als Soldat des Bösen machen Sie nur Ihre Arbeit“. Dennoch müsse die abtrünnige Muslimin sterben. „Sie haben mit all Ihren Feindseligkeiten einen Bumerang abgeworfen, und Sie wissen genau, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieser Bumerang Ihr Schicksal besiegeln wird.“

Das war nicht die erste Todesdrohung für die Abgeordnete, die schon seit gut zwei Jahren im Gegensatz zum Ministerpräsidenten und fast allen führenden Politikern im Polderland rund um die Uhr unter Polizeischutz steht. Schon als sie noch Mitarbeiterin einer sozialdemokratischen Stiftung war, ging ihr geschickt inszenierter Kampf gegen die Unterdrückung muslimischer Frauen einigen Radikalen zu weit. Aus Angst um ihr Leben versteckte Frau Hirsi Ali sich 2002 einige Wochen in Los Angeles, wo sich eine junge Schwarze noch leichter in der Menge verliert als in der multikulturellen Welt zwischen Grachten und Windmühlen.

Anschläge vereitelt

Als sie zurückkam, hatte die rechtsliberale Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) Ayaan Hirsi Ali bereits einen sicheren Listenplatz versprochen. Seit der Wahl im Januar sitzt Ayaan Hirsi Ali in der Tweede Kamer. Sofort gab es neue Morddrohungen. Der Rap-Song, der sich über die Beschneidung der Afrikanerin lustig macht und ihre Ermordung beschwört („Ich schneide dich entzwei und werfe dich in einen der sieben Seen“), gehörte dabei wohl noch zu den harmloseren.

Nach dem 2. November schien keiner der geheimen Unterschlüpfe mehr sicher, in denen Frau Hirsi Ali abwechselnd gewohnt hatte. Deshalb wurde sie in einer Geheimaktion am 10. November mit einem Militärflugzeug abermals in die Vereinigten Staaten geflogen, wo sie nach Agenturberichten zehn Wochen auf einem amerikanischen Marinestützpunkt verbrachte. Am Tag ihrer Flucht nahm die Polizei in Amersfoort und Den Haag Islamisten fest, die offenbar Anschläge auf sie geplant hatten. Nach jüngsten Angaben der Ermittler sollte Ayaan Hirsi Ali in der Silvesternacht ermordet werden.

Einmal meldete sich die Parlamentarierin in dieser Zeit zu Wort. Im „NRD Handelsblad“ versuchte sie, ihre Abwesenheit als selbstgewählten Rückzug darzustellen. Doch der heimliche Einsatz des Militärflugzeugs weist eher darauf hin, daß sich die Staatsmacht tatsächlich nicht in der Lage sah, die Sicherheit der Volksvertreterin im eigenen Land zu garantieren. Freunde von Frau Hirsi Ali hatten stets bezweifelt, daß die kampfeslustige Politikerin aus freien Stücken ausgerechnet jenen Parlamentsdebatten fernblieb, die sich um ihr ureigenes Thema drehten: die islamische Bedrohung.

Ein Leben des Kampfes und der Flucht

Kampf- und fluchterprobt ist Ayaan Hirsi Ali seit ihrer Jugend. Ihren Vater sah sie sechs Jahre nach ihrer Geburt zum ersten Mal. Er hatte als Regimekritiker in einem somalischen Gefängnis gesessen. Die orthodox-muslimische Familie floh erst nach Saudi-Arabien, dann nach Kenia. Ayaan durfte zwar ein islamisches Mädchengymnasium besuchen. Doch dann wurde ihre Zwangsheirat mit einem entfernten Cousin in Kanada beschlossen.

Die Reise zum auserkorenen Ehemann nutzte die Somalierin 1992 zur Flucht. Statt am Frankfurter Flughafen in die Maschine nach Kanada umzusteigen, bestieg sie einen Zug nach Holland. Dort beantragte sie Asyl, lernte Holländisch, schlug sich mit allerlei Jobs durch und studierte Politik. Zugleich half sie Migrantinnen in Frauenhäusern. Dort lernte sie das Elend vieler Musliminnen in Holland kennen. 1997 wurde Ayaan Hirsi Ali eingebürgert.

Ein aufgeklärter Islam

Etwa fünf Jahre später trat sie im Windschatten Pim Fortuyns erstmals öffentlich in Erscheinung. Dem ermordeten Populisten gab sie wenigstens in einem Punkt recht: Der Islam sei wahrhaftig eine „rückständige Kultur“. Hollands Politiker wußten nicht, wie sie auf die temperamentvolle Frau reagieren sollten. Ihr Instinkt sagte ihnen, daß Migrantinnen in Fragen der Integrationspolitik schwer angreifbar sind. Andererseits verletzte sie mit ihrer Islamfeindlichkeit, die jedem von ihnen den Vorwurf des Rechtsextremismus eingebracht hätte, sicher geglaubte Tabus.

Ihr Ziel ist kein geringeres, als die muslimische Religion einer Aufklärung zu unterziehen. Moderate Töne hält sie für ungeeignet; selbst wohlmeinende Kritiker ihrer Methoden verweist sie schroff auf die Geschichte der europäischen Aufklärung, die auch nicht sanft verlaufen sei. Die Rekordzahl von 900 Beschwerden erhielten die Behörden, nachdem Frau Hirsi Ali den Propheten Mohammed als „perversen Tyrannen“ bezeichnet hatte.

„Submission II“ und „Abkürzung zur Aufklärung“

Während ihrer unfreiwilligen Auszeit hat die Bewunderung für Ayaan Hirsi Ali und ihren „liberalen Dschihad“ Züge einer Heiligenverehrung angenommen, die nicht zuletzt ihren Fraktionskollegen aufstößt. Gleich mehrere Medien kürten sie zur Niederländerin des Jahres, die dänische Venstre-Partei verlieh ihr in Abwesenheit den Freiheitspreis. Erleichterung macht sich nun in der Fraktion breit, da die Verschollene sich wieder in den politischen Alltag einzugliedern hat.

Die Richtung gab ihr Vorsitzender Jozias van Aartsen am Vorabend der Rückkehr vor: „Wir dürfen Toleranz nicht ersetzen durch Islamophobie oder säkularen Bekehrungsdrang.“ Beider Strahlen beim morgendlichen Fototermin mit van Aartsen dürfte sich hinter den geschlossenen Türen verflüchtigt haben. Keine Fraktionsdisziplin aber wird Ayaan Hirsi Ali von ihren neuen Projekten abhalten: Sie arbeitet am Drehbuch für den Film „Submission II“ und an einem Buch. Arbeitstitel: „Abkürzung zur Aufklärung“.

„Die Kritik am Islam muß von innen kommen“

Gegen Theo van Goghs Mörder wurde vor einigen Tagen eine zweite Anklage erhoben, wegen Behinderung einer Abgeordneten. Allein darauf steht nach einem etwas angestaubten Strafrechtsartikel von 1886 lebenslängliche Haft. Ayaan Hirsi Ali aber hat beschlossen, sich nicht länger behindern zu lassen.

Drei Tage vor dem Mord an van Gogh hatte sie noch in der Zeitung „De Volkskrant“ geschrieben: „Die Kritik am Islam muß von innen kommen, von Menschen, die in einem freien Land leben und nicht akut um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie ihre Gedanken öffentlich äußern. Diese Kritiker des Islams müssen jedoch bedenken, daß eine jahrhundertealte Kultur, der jede Selbstreflexion fremd ist, ihnen nicht herzlich begegnen wird.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2005, Nr. 15 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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