Christian Geyer

Mein Lieblingsbuch: „Die Wiederkehr“

Schreibstift statt Skalpell: Walker Percy

Schreibstift statt Skalpell: Walker Percy

23. August 2004 Ein Lieblingsbuch, das ist das Buch, ohne das es nicht mehr geht, noch nie gegangen ist. Ich kenne Walker Percys Buch "Die Wiederkehr" nicht auswendig, aber fast. Wenn Sie mir eine beliebige Dialogstelle aus diesem Buch vorlesen würden, möchte ich wetten, daß ich Ihnen sagen könnte, wie es weitergeht. Das soll jetzt nicht die Angeberei sein, nach der es aussieht. Denn mit einem exzellenten Gedächtnis hat meine Gewißheit, "Die Wiederkehr" aus dem Effeff zu kennen, rein gar nichts zu tun.

Mein Gedächtnis hat sich nämlich meiner Erinnerung nach im Lauf der Jahre dem Gedächtnis von Will Barrett, der Hauptperson des Romans, angeglichen. Und dessen Gedächtnis ist von lauter Absencen durchlöchert, es springt immer wieder aus der Schiene und fragt sich dann, wo eigentlich der Bahnhof ist, von dem es losging und wo der andere ist, zu dem es hingehen soll. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, vielleicht funktioniert mein Gedächtnis im Grunde (also ohne Will Barrett) wie eine Eins und weiß stets, was nun und was gleich, warum dieses und nicht jenes.

Zur besseren Unterscheidung: mein Allerlieblingsbuch

Will Barrett jedenfalls weiß das alles nicht oder besser gesagt: Er weiß es manchmal und dann eine längere Zeit auch wieder nicht, weil eine neue Absence ihn aus dem Tritt gebracht hat, aus dem Tritt über den Golfplatz von North Carolina zum Beispiel, über welchen Barrett, der privatisierende Rechtsanwalt, mit seinem Caddiecar zieht, darum bemüht, die Satzmelodien seiner Mitspieler aufzunehmen, so zu sprechen wie sie, mit ihrer Klangfarbe, ihrer Tonstärke, ihrem Gesten- und Floskelrepertoire, um den Eindruck zu erwecken, als sei doch alles in Ordnung, weil das für alle Beteiligten unterm Strich ja das Beste ist. Ich sollte noch hinzufügen, daß "Die Wiederkehr" die Fortsetzung von Percys Roman "Der Idiot des Südens" ist, ein Buch, das ich auch sehr gerne lese, weil darin mit Will Barrett alles seinen Anfang nimmt.

Im Grunde (also mit Will Barrett) ist mein Lieblingsbuch also ein Zwillingsbuch, ich nenne "Die Wiederkehr" zur besseren Unterscheidung deshalb lieber mein Allerlieblingsbuch, was daran liegt, daß Will Barrett in der "Wiederkehr" angeschossen wird und es ihm danach zum erstenmal richtig gutgeht, wenn ich mich nicht täusche. Sie sehen, ich bin befangen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2004, Nr. 196 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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