Von Felicitas von Lovenberg
05. August 2005 Sie hat noch immer und vor allem unter Alkoholeinfluß eine Schwäche für das Schlitzohr Daniel Cleaver, liebt weiterhin, aber derzeit offenbar mal wieder erfolglos den noblen Mark Darcy, wird von ihrer Mutter mit dem Wunsch nach Enkelkindern gepiesackt und fragt sich, wann sie wohl das hektische Leben eines bindungsneurotischen Singletons zwischen Herzschmerz und Katzenjammer endlich für das entspannte Familienidyll einer modernen Hausfrau aufgeben kann.
Bridget Jones ist wieder da, und sie hat sich kein bißchen verändert. Genau das könnte nach achtjähriger Abwesenheit ihr Problem sein. Denn an den Männern, die der kalorienzählenden, rauchenden Chaotin seit ihrem ersten Auftritt im Oktober 1995 in der Kolumne Bridget Jones's Diary des britischen Independent das Herz schwermachen und das Chardonnay-Glas regelmäßig zum Überlaufen bringen, ist die Zeit weniger spurlos vorübergegangen.
Emotionale Flachwichserei
Wie auch immer, nachdem sie nun beide in den Vierzigern sind, stehen sie kurz davor, das durchzumachen, was wir bereits durchmachen mußten, als wir dreißig wurden. Sie werden in Panik geraten, weil sie ihre sexuelle Anziehungskraft verlieren, schnattert Hippie-Freundin Shazzer in Bridgets Ohr. Emotionale Flachwichserei ist ein Luxus, den man sich nicht mehr leisten kann, wenn einem die Haare ausgehen und sich der Bauch bereits über den Hosenbund wölbt.
Von dieser Art sind die Sätze, mit denen sich Bridget Jones, die beliebteste literarische Frauenfigur Großbritanniens seit Jane Austens Emma, im Sommer 2005 Mut macht, nachdem ihr auf offener Straße eine ganze Horde schwangerer Frauen entgegenkam - alle auf dem Weg zum Yoga. Was ist geschehen, seitdem Leser und Kinozuschauer das Pfundsweib in den starken Armen Mark Darcys zurückließen?
Zwischen Weltverschwörung und Wonderbra
Nach der gestern im Independent erschienenen ersten neuen Folge von Bridget Jones' Tagebuch zu schließen: Nichts. Bridget ist so unverheiratet, unverdrossen und unverwüstlich wie eh und je. Sie raucht noch - 9 Zigaretten (schon besser) -, trinkt noch - Alkoholeinheiten 6 (aber Notlage) -, und plündert nach wie vor den Kühlschrank: 5824 Kalorien (schlecht).
Bridgets Schöpferin Helen Fielding hat ihre Heldin endlich wiederaufleben lassen. Der Versuch, nach Hummer zum Dinner und Bridget Jones I und II das Genre Frauenliteratur in Richtung Anspruch zu verlassen, scheiterte, als Fielding nach langer Arbeit an einer Familiensaga feststellte, daß es einfach keinen Spaß machte. Es folgte der Roman Die Geheimnisse der Olivia Joules (2004), in dem sich eine Journalistin im Ressort zwischen Weltverschwörung und Wonderbra von ihrer hyperaktiven Phantasie erst in die investigative, dann in die romantische Irre führen läßt.
Jugendliche Alterslosigkeit
Doch während ihre Erfinderin inzwischen mit Mann und Kind ihren 47. Geburtstag gefeiert hat, ist Bridget von jugendlicher Alterslosigkeit. Nur Hintergrundgeräusche verraten den Fluß der Zeit, etwa wenn die Mutter sich nach ihrer Sicherheit in Zeiten des Terrors erkundigt oder sie selbst sich geschockt zeigt von Jude Laws Hang zum Personal.
Daß auch Frauen mit zunehmendem Alter interessanter werden, scheint Helen Fielding noch nicht als Chance erkannt zu haben. Sollte sich Bridget jedoch nicht im Wandel treu bleiben dürfen, könnte sich die Wiederlesensfreude rasch verlieren.
Text: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 38
Bildmaterial: AP, ddp, picture-alliance / dpa/dpaweb, UIP
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