Harold Pinter

Der eingebildet Dramatische

Von Gerhard Stadelmaier

Harold Pinter am Donnerstag in seiner Londoner Wohnung

Harold Pinter am Donnerstag in seiner Londoner Wohnung

13. Oktober 2005 Als der dramatische Londoner Schriftsteller Harold Pinter knapp über dreißig war und anfing, auch auf dem Kontinent derart berühmt zu werden, daß man sogar schon eine ganze literarische Richtung oder besser Haltung oder noch besser Marotte nach ihm zu nennen begann und also das „Pintereske“ beraunte und bestaunte (eine Nominalisationsehre, die einem Kafka zum Beispiel erst lange nach seinem Tode widerfuhr), was einem Jungdramatiker heutigentags ja kaum mehr passiert, man denke nur an die absolute Unmöglichkeit oder Lächerlichkeit eines „Harroweresken“ oder „Ravenhillesken“ oder auch „Rinkesken“ oder „Schimmelpfennigesken“ - als also dieser junge Mann zu einem europäischen dramatischen Ereignis wurde, da verachtete er nichts so sehr wie jedwede Art und Form von Moral. Und jedwedes gesellschaftliche Engagement und Verantwortungsbewußtsein.

„Wenn ich überhaupt eine moralische Richtlinie aufstellen sollte“, befand der junge, sein Sach' ganz allein auf sich selbst stellende Pinter, „so etwa diese: Hütet euch vor dem Autor, der euch sein ,Anliegen' aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten Fleck zu haben behauptet und der dafür sorgt, daß man es in seiner ganzen Größe sehen muß: Es pulsiert dort, wo eigentlich seine Charaktere zu sehen sein sollten. Was einem da mit viel Zeitaufwand als ein Gefäß aktiven und positiven Denkens vorgestellt wird, ist in Wahrheit ein in leere Definitionen und Klischees hoffnungslos verstrickter Mensch.“

Eine komische Liste

Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt - oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung - nicht in hoher Qualität.

Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen“ aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht - dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business“ gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten.

Ein eingebildet Engagierter

Und er hat in einem seiner letzten, immer blässer, dümmer und hohler, aber auch immer politisch aufrechter gewordenen Stücke („Party Time“) eine Gesellschaft von vornehm verkommenen West-Fressenden und -Saufenden in ungeheurem dramatischem Gratismut und Schwung mit der Tatsache konfrontiert, daß, während hier Champagner und Kaviar geschlabbert wird, anderswo die Schreie der Gefolterten aus den Kellern dringen. Niemand kann dagegen etwas haben. Man kann dazu nur mit dem Kopf nicken. Aber gehen wir ins Theater, um mit dem Kopf zu nicken? Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!“ dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter.

Aber wenn man dann mal (seid ehrlich!) vorurteilslos zurückschaut auf den frühen, den rein literarischen, den schick absurden, unengagierten Hoch-Zeit-Pinter, auf dessen vorgebliche Jung-Glanzstücke aus den sechziger Jahren, die das „Pintereske“ zu Weltruf brachten, Stücke, die nie richtig anzufangen und nie richtig aufzuhören scheinen, in denen die Menschen einander rätselhaft fremd und unheimlich und undurchschaubar bleiben, die geschlossene Räume zeigen, in denen Menschen miteinander reden, aber sich nicht wahrnehmen („An anderen Orten“) oder jahrzehntelang im „Schlafzustand“ leben oder einen rätselhaft Eingedrungenen womöglich nie wieder loswerden („Niemandsland“, 1975) oder im intimsten Geständnis „Du mein einzig Geliebter“ von diesem Geliebten in diesem Moment am weitesten entfernt sind („Landschaft“, 1968) oder einen Landstreicher, der sich im Haus breitmacht und alle terrorisiert, wahrscheinlich für ewig behalten müssen („Der Hausmeister“, 1960) - dann hat man immer eine rätselhafte, geheimnisvolle Situation und nie eine Lösung. Und meistens ein Muster: hier der Fremde, dort die anderen, die sich auch fremd werden.

Verschärfte Unschärfe

Oder man hat wie im „Treibhaus“ von 1958 eventuell ein Irrenhaus oder ein Gefängnis oder ein Sanatorium oder eine Internierungsstation, in die ein Ministerium alle einweist: in eine Hierarchie, die für alle Hierarchien der Welt steht, in der jeder jeden überwacht und in der ein Massaker eine Nützlichkeit und ein Mord eine Wohltat sein können. Alle Sicherheiten und alle Gefühle und Gewißheiten lösen sich auf. Alles kann ein Beispiel und Zeichen für alles mögliche (unter anderem für alles mögliche Politische) sein, muß es aber nicht: Es herrscht bei Pinter eine verschärfte Unschärfe der Blickwinkel, die so lange gebrochen werden, bis das Irreale sich als reell verkauft. Und Fremdheit mit Fremdheit multipliziert ergibt eine Pinter-Stimmung, die zwar das Rätselhafte stets zuverlässig potenziert, aber dessen Bedrohlichkeit, Gefahr und dessen absurde Wichtigkeit mehr behauptet als darstellt oder gar verdichtet. Es bleibt bei allem poetischen Absurditätsschwung und aller mysteriösen Prätention immer ein öder Rest. Und dieser Rest buchstabiert sich (seid ehrlich!) „Langeweile“.

Man kann auch zu diesen früheren Pinter-Stücken, in denen der Dramatiker sich als eingebildet Fremder geriert, immer nur mit dem Kopf nicken: Ja, ja, so unheimlich kalt und fremd sind wir uns halt. Aber gehen wir ins Theater, um mit dem Kopf zu nicken? Und will die Schwedische Akademie dies Kopfnicken preisen? Daß Harold Pinter in „Betrogen“ (1978) ein Kunststück verfertigt hat, in dem die erste Szene des Stücks die letzte einer trübseligen Dreiecksgeschichte und die letzte Szene des Stücks die erste Szene dieser Dreiecksgeschichte darstellt in rückläufiger Auflösung eines unauflöslichen Ehebruchs, hätte die Schwedische Akademie reizen müssen - wenn sie einen Boulevard-Dramatiker auszeichnen hätte wollen.

Es riecht nach Stroh

Daß Harold Pinter in „Noch einen Letzten“ (1984) ein Polithorrorstück verfertigt hat, in dem er einen Verhörer und Folterer mit einem Verhörten und Gefolterten konfrontiert, der mit der Gewißheit einer Kindervernichtung in die Freiheit verabschiedet wird: „Ihr Sohn? Oh, machen Sie sich weiter keine Sorgen um ihn. Er war ein kleines Arschloch“, hätte die Schwedische Akademie reizen müssen - wenn sie einen Empörer hätte auszeichnen wollen. Daß Harold Pinter in „Mondlicht“ (1995) ein kleines Traumstück verfertigt hat, in dem er einen Sterbenden mit Frau und Kindern und Geliebter und letzten Phantasien umgibt, auch das hätte die Schwedische Akademie reizen können - wenn sie einen Kitsch-Dramatiker hätte auszeichnen wollen.

Wahrscheinlich weiß die Schwedische Akademie selbst nicht so recht, was sie will. Sie greift weniger nach Literatur. Sie greift mehr nach irgend einem Namen. Und hält sich daran fest. Der Name Pinter ist ein Halm, der stark und streng nach trocken Stroh riecht.

Harold Pinters Werke auf deutsch

Tiefparterre / Neu durchges. Fassung nach d. Übers. von Willy H. Thiem. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1967. - Originaltitel : The Basement

Teegesellschaft / nach d. Übers. von Willy H. Thiem, d. Bühnen gegenüber Ms. - Reinbek bei
Hamburg : Rowohlt, 1968. - Originaltitel: Tea Party

Dramen / Neu durchges. Fassung nach d. Übers. von Willy H. Thiem u.a. - Reinbek bei Hamburg :
Rowohlt, 1970

Alte Zeiten ; Landschaft ; Schweigen : 3 Theaterstücke / Dt. von Renate u. Martin Esslin. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1972

Betrogen / Dt. von H. M. Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1978. - Originaltitel : Betrayal

Das Treibhaus / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1980. - Originaltitel: The Hothouse

Der stumme Diener : ausgew. Dramen / Übers. aus d. Engl. von Willy H. Thiem ... Ausw. u. Nachw. von Klaus Köhler. - Leipzig : Insel-Verlag, 1981

Familienstimmen / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Theater-Verlag, 1981. - Originaltitel: Family Voices

Einen für unterwegs / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Theater-Verlag, 1984. - Originaltitel: One For the Road

Genau / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, Theater-Verlag, 1986. - Originaltitel: Precisely

An anderen Orten : 5 neue Kurzdramen / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988

Die Geburtstagsfeier ; Der Hausmeister ; Die Heimkehr ; Betrogen. - Nach den Übers. von Willy H. Thiem. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1990

Die Zwerge : Roman / Dt. von Johanna Walser und Martin Walser. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1994. - Originaltitel : The Dwarfs

Mondlicht und andere Stücke. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2000

Krieg / Aus dem Engl. von Elisabeth Plessen und Peter Zadek. - Hamburg : Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, 2003. - Originaltitel : War

(Quelle: Schwedische Akademie)

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Oktober 2005
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, Reuters

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