Russland

Wem gehört Alexander Solschenizyn?

Von Kerstin Holm

Alexander Solschenizyn kann nicht mehr widersprechen: Die Putin-Partei macht ...

Alexander Solschenizyn kann nicht mehr widersprechen: Die Putin-Partei macht sich das zunutze

Das Rechtsgut „Ehre und Würde“, für dessen Beschädigung russische Gerichte millionenschwere Schadensersatzurteile verhängen, ist wahrscheinlich auch deshalb ein juristischer Fetisch, weil es in der Wirklichkeit kaum vorkommt. Alexander Solschenizyn, politischer Moralapostel und Parteienverächter, war kaum in der Erde des Moskauer Donskoi-Klosters zur letzten Ruhe gebettet worden, da erklärte ihn die Führung der Kremlpartei „Einheitliches Russland“ schon zu ihrem ideologischen Patron. Die Duma-Mehrheitspartei, deren Mitglieder sich vor allem durch zustimmende Antizipation des Putin-Kurses auszeichnen, vertrete - wie Solschenizyn - einen modernen Konservatismus, erklärte der stellvertretende Sekretär des Präsidiums, Juri Schuwalow.

Solschenizyn wird zur neuen „Großen Kommunistischen“

Das „Einheitliche Russland“, dessen Diskussionsklubs sich bei ihrer letzten Sitzung auf das geistige Erbe des hingeschiedenen Schriftstellers besannen, will möglichen Vereinnahmungsversuchen durch Regierungskritiker offenbar zuvorkommen. Ein Argument wäre Solschenizyns Überzeugung, die das Putin-Regime sich zu eigen machte, wonach Russland seinen von Europa unabhängigen Weg finden und sich aus eigenen Kräften regenerieren müsse. Von Parteien freilich sprach er, der jetzt nicht mehr widersprechen kann, bis zuletzt als einer „unnatürlichen“ Form, zumal für Russland. Und Solschenizyn hatte offenbar die Duma im Blick, als er ein Parlament als sinnlos bezeichnete, wo nur Vertreter von Parteien, nicht die des Volkes zu Wort kämen.

Für Solschenizyn war die Bekämpfung des Sowjetkommunismus und des Sowjetgeheimdienstes KGB Lebensaufgabe. Dennoch hielt er vom Regime des KGB-Zöglings Putin, der das Ende des Sowjetreichs als Katastrophe bezeichnete, mehr als von dessen Vorgänger Jelzin. Entsprechend pompös traten Putin und Medwedjew bei Solschenizyns Begräbnis auf. Und entsprechend schnell wird der Großschriftsteller nun kanonisiert. Schon begründete ein Präsidentenerlass ein Solschenizyn-Stipendium, das ab dem kommenden Jahr an Studenten vergeben wird. Und obwohl nach geltendem Gesetz Straßen den Namen einer Persönlichkeit erst erhalten dürfen, wenn diese mindestens zehn Jahre tot ist, wird es schon vor dem Jahreswechsel in Moskau eine Solschenizyn-Straße geben. Die Wahl der Stadtväter fiel passenderweise auf die „Große Kommunistische“ (Bolschaja kommunistitscheskaja), die vom Taganka-Platz nach Osten abzweigt. Dort soll auch eine Plakette mit der echt postmodernen Inschrift angebracht werden: „Dem bedeutenden russischen Schriftsteller, der öffentlichen Figur, dem Träger des Nobelpreises sowie Auszeichnungen der sowjetrussischen wie der russischen Föderation, Alexander Solschenizyn (1918-2008)“.

Ein leidenschaftlicher Nationalist

Solschenizyn war nicht nur Russlands letzter Großschriftsteller, sondern ein eigener geistig-literarischer Kosmos, der so manches Paradoxon in sich trägt. Er war ein Held des Kampfes gegen den Kommunismus, befindet Publizist Kirill Kobrin. Und gleichzeitig war er ein leidenschaftlicher russischer Nationalist, der sich eigentlich nur für den russischen Staat und seine Bewohner, die russische Kultur und Literatur wirklich interessierte. Wie der Autor des „Archipel GULag“ dokumentarische Prosa und eine epische Erzählung über die Menschenvernichtungsmaschinerie miteinander verwebt, ist nicht zuletzt literarisch revolutionär, schreibt Kobrin in seiner Kolumne auf dem Portal „polit.ru“. Mit seinem Hang zum Monarchismus, zur Dorfgemeinde, ja zur Theokratie empfahl er sich zugleich als erzkonservativ. Selbst die Erneuerung der russischen Sprache, für die Solschenizyns „Wörterbuch der linguistischen Erweiterung“ Anregungen gibt, vollzieht sich bei ihm in archaischen Worterfindungen.

In den Augen russischer Menschenrechtler ist Solschenizyn aber auch ein Verräter am Dissidententum. Sie verehre den Solschenizyn der siebziger und achtziger Jahre, den Autor des „Archipel GULag“, des „Iwan Denissowitsch“, der Briefe aus der Zwangspsychiatrie, erklärt Valeria Nowodworskaja, eine bekennende Christin und Veteranin des Menschenrechtskampfes. Doch jetzt bete sie, dass ihre Landsleute Solschenizyns pompöse Prophetenheimkehr, sein antisemitisches Buch „Zweihundert Jahre gemeinsam“, seine Empfehlungen, Teile der Ukraine und Kasachstans für Russland abzuschneiden, vergessen mögen. Den „Archipel GULag“ zu schreiben war Gottes Auftrag an Solschenizyn, ist die Menschenrechtlerin überzeugt. Damals übereignete der Schriftsteller das Nobelpreisgeld an eine Stiftung, die allen politischen Häftlingen zugutekam - egal, ob einer slawophil oder Westler war, ob Russe oder Jude.

Stummer Vorwurf an die Nachwelt

Für Solschenizyn diskreditierten sich Russlands Dissidenten und Demokraten freilich durch mangelnden politischen Realitätssinn und Verantwortungslosigkeit selbst. Wie er die Intelligenzija arrogant als „Gebildetenpack“ (Obrasowanschtschina) abtat, wie er, väterlich herablassend, über „unsere Pluralisten“ und „grenzenlosen Demokraten“ spottete, das war tief verletzend. Es charakterisiert aber auch Organisationsschwächen der Liberalen, die aktuell geblieben sind.

Als Mann, der härteste Prüfungen bestanden hat, maß Solschenizyn auch politische Ideen an ihrer Schlechtwetterbeständigkeit. Im westlichen Liberalismus erblickte er daher vor allem Willensschwäche, Verrat an christlichen Grundlagen, schleichenden Verfall. Den „Archipel GULag“, der der Welt das Skelett aus Gewalt und Vernichtung im Kern des Sowjetsystems offenbarte, ist auch ein stummer Vorwurf an die Nachwelt, glaubt Kolumnist Alexander Priwalow. Solschenizyn schrieb sein Hauptwerk in größter Eile und permanenter Bedrohung. Er reiste durchs Land, sammelte Zeugnisse von Häftlingen, ersann Manuskriptverstecke, musste jeden Tag Durchsuchung und Entdeckung fürchten - im Gegensatz zu uns Heutigen, die Zeit haben, nicht beschattet werden, denen die Archive offenstehen, die ihrem Land aber, so Priwalow, wenig Geistesnahrung geben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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