Interview Walter Kempowski

Der Mensch muß uns doch für verrückt halten!

22. September 2006 Späte Geständnisse sind seine Sache nicht - Zeugnis ablegen auf wahrhaftige und durchaus unterhaltsame Art hingegen schon. Walter Kempowski spricht über Günter Grass und den deutschen Humor.

Herr Kempowksi, Sie beklagen sich in Ihren Tagebüchern darüber, daß Sie lange an den Rand des Betriebes gedrückt wurden. Hängt das damit zusammen, daß Sie nicht diesen schwermütigen Stil haben? Sie schreiben sehr eingängig.

Das ist in Deutschland riskant. Unsere Publikumsschulmeister wollen sich nicht beim Lachen ertappen. Was sie verstehen können, ist nichts wert. Mit dem Wort „Heiterkeit“ kann bei uns niemand etwas anfangen. Da denken sie an Rudi Carell. Und „Heiterkeit“ hat doch mit „lustig“ nichts zu tun. Aber das verstehen die Deutschen nicht. Ich bin im Grunde heiter gestimmt. Alles, was mir passiert, nehme ich von der grotesken Seite. Das ist unverzeihlich in einem Lande, in dem schwarz schwarz ist und weiß weiß. Robert Gernhardt hat nie den Büchner-Preis bekommen. Über etwas lachen zu müssen ist den Deutschen verdächtig. Bis heute hat ein Wilhelm Busch keine Daseinsberechtigung in unserem böllgeschädigten Bildungssystem. Die junge Generation wurde von Achtundsechzigern erzogen, und Revolutionäre können keinen Sinn für Humor haben.

Sie haben doch in den meisten Punkten recht behalten: Ende des Kommunismus, Wiedervereinigung . . .

Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Das verzeiht einem niemand. Krebs ist nicht heilbar. Das „Echolot“ hat vorübergehend das Bild, das der Öffentlichkeit von mir an die Wand gemalt wurde - eine Art Popanz am Stock mit Glöckchen an den Ohren -, revidiert. Einige Preise habe ich bekommen, dann merkten die Kulturrevolutionäre aber schnell auf. Kempowski? Hat der sich nicht gegen den Sozialismus vergangen? Hat da in Bautzen gesessen? Ist das nicht ein Feind der Arbeiterklasse? Und selbst die kleinste Buchhändlerin zog die Hand zurück, wenn sie ins Regal greifen sollte. Sie hätte sich hinterher waschen müssen.

Ist es einem erfolgreichen Schriftsteller nicht egal, was der Betrieb sagt?

Das klingt gut. Aber wir leben nicht in der Zeit des Idealismus, wir leben hier und heute,wo jeder Maurer gegen Lohnkürzungen auf die Straße geht. Ich habe Mitarbeiter, die ich bezahlen muß, und ein großes Archiv, das Unsummen verschlingt. Geld kann ich immer gebrauchen.

Aber Sie sind doch Bestsellerautor.

Schön wär's. Diese hermetische Eingeschlossenheit - daß es zum Beispiel nur drei Dissertationen über mein gesamtes Werk gibt. Ich habe fünfunddreißig Bücher geschrieben, und dies ist das ganze Echo auf mein Werk: in Tasmanien, Kairo und Amerika. Meine Bücher werden in keiner Schule gelesen, und Goethe-Institute laden mich nicht ein. Das alles ist tödlich. Ich habe die Folgen zu tragen, sie grenzen an Körperverletzung.

Sie meinen seelische Verletzung.

Nein, körperliche. Daran gehe ich zugrunde. Typen wie ich wurden damals in das KZ Wolfleben im Harz geschickt. Ich habe es nur dem Umstand zu verdanken, daß der Rostocker Bannführer der Sohn eines Studienrats war, den meine Eltern gut kannten. Sonst würde ich heute hier nicht sitzen. Ich habe Plakate gegen die Kommunisten geklebt und war in der Widerstandsgruppe mit Arno Esch, den sie erschossen haben. Aber das zählt alles nicht.

Das ändert sich doch mittlerweile.

Nein, da ändert sich nichts.

Sind Sie Choleriker?

Ja. Ich bin ein sanguinischer Choleriker. Leider.

Bei Kleinigkeiten schon oder erst, wenn sich etwas über Jahre angestaut hat?

Kleine Ursachen, große Wirkung. Neulich war der Lions Club hier, vierzig Leute, die wollten einen Schriftsteller aus der Region begucken, alles betuchte Leute. Da habe ich feststellen müssen, daß nicht einer eine Zeile von mir gelesen hat. Kommen aber zu mir. Ich war wirklich kurz davor, sie alle rauszuschmeißen.

In Ihrem jüngsten Tagebuch „Hamit“ steht sinngemäß: Komisch, überall, wo ich bin, liegt Mobbing in der Luft. Sie scheuen sich nicht, Ihren Lesern gegenüber zuzugeben, daß Sie sich schlecht behandelt fühlen.

Du lieber Himmel, ganze Generationen haben ihr Schicksal beklagt, nur ich darf das nicht. Ernst Jünger, mit dem sie es noch ganz anders trieben, hätte das nicht getan, er hätte nur gelacht und vielleicht mit den Zähnen geknirscht. Er hat sich nie über schlechte Presse beklagt, er hat immer nur darüber gelacht. Das war ein ganz anderer Typ. Er wußte um seinen Wert.

Wissen Sie nicht um Ihren Wert?

Was nützt mir das? Bei jedem Buch, das ich geschrieben habe, denke ich, jetzt bist du ein Stück weitergekommen.

Was sagen Sie zu Günter Grass?

Als ich von der SS-Geschichte erfuhr, habe ich den Reportern am Telefon gesagt: „So spät? Aber: Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Ich hatte irgendwie Mitleid mit ihm, aber das ist offensichtlich gar nicht angebracht. Grass hat ein dickes Fell, dem macht das überhaupt nichts aus. Und das, was er in sechzig Jahren in die Gegend posaunt hat, tut ihm nicht im geringsten leid. Ein Mensch in dieser Situation sollte künftig schweigen. Auch ich habe vor dem Tisch der SS-Werber gestanden, nur mit dem Unterschied, daß ich nicht freiwillig vor sie geführt wurde und nicht siebzehn Jahre alt war, sondern erst fünfzehn, und damals habe ich schlicht und einfach nein gesagt. Ich wußte damals schon, daß die SS ein Verbrecherhaufen ist. Grass hat das erst beim Nürnberger Tribunal erfahren? Der muß uns doch für verrückt halten, der Mensch, wenn er uns so was erzählt!

Er kann sich an Kochrezepte aus der Gefangenschaft erinnern, aber an das, was vorher war, nicht. Ist das glaubwürdig?

Ich kann mich sogar noch an die Weimarer Republik erinnern.

Gerade ist Ihr neuer Roman herausgekommen: „Alles umsonst“ - was hat es mit dem Titel auf sich?

Manchmal denke ich, daß er als Leitsatz über den Jahren meiner Arbeit steht . . .

Ist das Ihr Fazit? Und werden Sie keinen Roman mehr schreiben?

Mein Gedächtnis läßt nach. Sie müssen bei Romanen immer den ganzen Stoff im Kopf behalten. Es genügt nicht, den Computer einzuschalten. Die Handlung ist fast nebensächlich. Das ist die alte Unterscheidung zwischen Form und Inhalt.

Ihr neuer Roman greift eines Ihrer Lebensthemen auf: Er spielt unter dem Eindruck der anrückenden Roten Armee während der letzten Kriegstage auf einem Gutshof in Ostpreußen. In anderen Romanen - „Hundstage“, „Heile Welt“ und „Letzte Grüße“ - ist die deutsche Vergangenheit nur partikelhaft, in Form von Erinnerung da und wirkt nach. Hier erzählen Sie von 1945, als wäre es gegenwärtig. Wie sind Sie dazu gekommen, das nach dem „Echolot“ noch einmal so offensiv anzugehen?

Schwer zu sagen. Ich hatte noch nicht alles gesagt. Seit 1980 habe ich mich mit Fluchtberichten beschäftigt. Ich habe mich immer darüber gewundert, daß die Flucht der Deutschen aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern in der deutschen Gegenwartsliteratur keine Rolle spielt. Es gab wenig darüber zu lesen, außer vielleicht den großen Roman von Siegfried Lenz, „Heimatmuseum“. Wenn man sich so lange mit dem Thema beschäftigt, sucht man auch bei sich selbst nach Substanzen, die mit dieser Zeit und den grauenhaften Geschehnissen zu tun haben. Und man erinnert sich an die eigene Beteiligung. Unser letztes Schiff, die „Friedrich“, war eingesetzt zum Flüchtlingstransport nach Ostpreußen. Es hat Tausende von Flüchtlingen gerettet aus Ostpreußen, die letzte Fahrt endete in Rostock. Wir hätten an Bord gehen können, aber meine Mutter sagte: „Nein, wir bleiben hier.“ Ich sehe die Flüchtlinge noch, die aussteigen mußten, die Trecks, die durch Rostock schlurften. Ich habe gesehen, in welchem Zustand sie waren. Das hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Und dann, als Fünfzehnjähriger, ging ich selbst auf die Flucht.

Wie kam es dazu?

Ich war 1945 Luftwaffenkurier und mußte Konstruktionszeichnungen von einer Stadt in die andere bringen, weil die Post nicht mehr funktionierte.

Das Näherrücken der Front ist ein wichtiges Motiv in „Alles umsonst“. Die Geschichte fängt verhalten an, und dann wird sie sehr bedrohlich und konkret. In diese Darstellung ist offenbar viel von Ihren eigenen Erlebnissen eingeflossen.

Mein letzter Auftrag führte mich im April 1945 nach Berlin. Dort habe ich mich, wie man das als Junge so macht, herumgetrieben, vor der Reichskanzlei. Ich wohnte im Excelsior, einem phantastischen Hotel, ging in Nachtkabaretts und Non-stop-Kinos und bummelte ein wenig zu lange. Am Morgen des 21. April wachte ich auf, als die Russen in die Stadt schossen. Da wußte ich sofort: Jetzt mußt du hier raus. Mein Glück war, daß ich erst so spät aus Berlin herausgekommen war, denn meine Kameraden wurden bewaffnet und den Russen entgegengeschickt. Viele sind gefallen. Ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. ...

Das komplette Interview lesen Sie im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. September

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Schiffsmaklers und Reeders in Rostock geboren, im Februar 1945 als Luftwaffenkurier eingezogen, 1948 von einem sowjetischen Militärgericht verurteilt; acht Jahre Haft in Bautzen. Seit 1960 arbeitete er als Dorfschullehrer in Norddeutschland. Sein erstes Buch war 1969 der Haftbericht „Im Block“, der Auftakt der 1984 abgeschlossenen „Deutschen Chronik“, zu der unter anderem der Roman „Tadellöser & Wolff“ gehört. 2002 schloß er das zehnbändige kollektive Tagebuch „Echolot“ ab, für das er enthusiastische Kritiken bekam. Weitere Romane: „Hundstage“ (1988), „Heile Welt“ (1998), „Letzte Grüße“ (2002) und „Alles umsonst“ (2006). Tagebücher: „Sirius“ (1990), „Alkor“ (2001) und „Hamit“ (2006).

Das Gespräch führten Hannes Hintermeier und Edo Reents.



Text: F.A.Z., 22.09.2006, Nr. 221 / Seite 36
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke

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