Roman-Vorabdruck

Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen

Von Hubert Spiegel

21. Juni 2007 Der Athener Wald, in dem Shakespeare seinen abgründigen „Sommernachtstraum“ um Elfen, Liebeswirren und Rüpelspiele ansiedelte, hat sich in Martin Mosebachs neuem Roman in eine Stadtlandschaft verwandelt. Am Baseler Platz, unweit von Frankfurts Hurenviertel, aber auch in Fußnähe von Oper, Theater und Bankentürmen, siedelt der diesjährige Büchnerpreisträger sein sommerliches Traumspiel an, in dessen Zentrum ein junges Paar namens Hans und Ina steht: Die Hochzeit ist just gefeiert, das Studium abgeschlossen, nun wartet die erste Stelle bei einer Frankfurter Bank, die erste gemeinsame Wohnung soll bezogen werden. Hans macht sich allein auf die Suche und entscheidet sich, ohne recht zu wissen, warum, für das Dachgeschoss eines etwas heruntergekommenen Mietshauses hinter dem Hauptbahnhof. Attraktiv ist das Quartier keineswegs: „Die Stadt bröselte hier regelrecht auseinander.“

Zur Wohnung gehört, fast, als wären es im Mietvertrag aufgeführte Inventarstücke, eine seltsame Menagerie: Souad, eine Art Hausmeister, dem sein Mobiltelefon als Reichsapfel und Herzschrittmacher dient, sein äthiopischer Adlatus, der eine sinistre Nachtbar im Hinterhof betreibt, Barbara und Frau Mahmouni, respektgebietende Fregatten reiferen Alters, sowie Urban Sieger, der ungemein fettleibige Hausbesitzer und Vermieter, ein völlig mittelloser Koloss von melancholischer Sanftmut, dem allerdings der böse Blick nachgesagt wird. Vor allem Frauen sollen empfindlich dagegen sein.

Sein leichthändigster Roman

In der brütenden Sommerhitze, schlaflos auf dem Ehelager, bohemehaft mit der offenen Bierflasche auf dem Klappstuhl im mitternächtlichen Hinterhof, in kleine Reibereien und allzu frühe Ehestreitigkeiten verwickelt, vom seltsamen Nachbarspaar, dem ironischen Intellektuellen Wittekind und seiner jungen schauspielernden Gefährtin Britta, halb abgestoßen und halb angezogen - so gehen für Hans und Ina die ersten sommerlichen Ehetage dahin, und seltsame Dinge ereignen sich.

Geht es um dunkle Geschäfte, Immobilienspekulationen womöglich? Oder ist tatsächlich Schwarze Magie im Spiel? Beunruhigende Träume folgen auf seltsame Erlebnisse und umgekehrt. In der flirrenden Sommersonne droht die Grenze zwischen Realität und Einbildung, zwischen Wachen und Halbschlaf ebenso zu verwischen wie im nächtlichen Mondlicht. Ein Ring geht verloren, die junge Ehe gerät aus den Fugen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Puck sein Unwesen treibt und den Beteiligten im Schlaf den Saft der Wunderblume auf die Augenlider träufelt. Wer sie wieder aufschlägt, dem ist die Welt eine andere geworden.

Das gilt vor allem für Ina, das behütete Mädchen aus wohlhabendem Hause. Während Hans, gutmütig und unbekümmert bis zur Tumbheit, sich auf die neuen Verhältnisse schnell einlässt, droht Ina in dem wie verwünscht erscheinenden Haus zu erstarren. „Erwartungsvoll zu einem Fest gehen und das Haus dann verlassen vorfinden - das gehört zu den letzten poetischen Geschenken, die das Leben uns macht. Das nenne ich ein Erlebnis.“ Es ist Wittekind, der Nachbar, der dies sagt. Aber es ist Martin Mosebach, der diese Worte niedergeschrieben hat. Das Erlebnis, das sein Sommernachtstraum Ina beschert, führt zu der Erkenntnis, dass ihr Leben kein Fest ist, das andere für sie ausrichten. Das poetische Geschenk aber ist der schmalste, zarteste und leichthändigste Roman, den Martin Mosebach bislang geschrieben hat. Heute beginnen wir mit dem Vorabdruck von „Der Mond und das Mädchen“.



Text: F.A.Z., 21.06.2007, Nr. 141 / Seite 35
Bildmaterial: ddp

 
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