Der Aufbau Verlag ist am Ende

Hausgemachte Insolvenz: Danke, das war's

Von Hubert Spiegel

Der Berliner Aufbau Verlag muss Insolvenz anmelden

Der Berliner Aufbau Verlag muss Insolvenz anmelden

31. Mai 2008 Der Aufbau Verlag ist pleite. In den nächsten Tagen, so lautet eine Mitteilung des Verlags vom Freitagvormittag, werde man beim Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen Überschuldung stellen. Aber niemand beim Verlag kann Auskunft geben: Das Frankfurter Büro wähnt den Verleger Bernd F. Lunkewitz in Berlin, sein Berliner Büro glaubt ihn in Frankfurt, die beiden Geschäftsführer René Strien und Tom Erben seien erst am Montag wieder erreichbar. Es herrscht das nackte Chaos. Der 1945 gegründete Aufbau Verlag, das letzte große publizistische Relikt der DDR-Kultur, liegt im Sterben.

Dabei ist es erst einige Wochen her, dass Lunkewitz nach jahrelangem Kampf vor den Gerichten einen großen Sieg errungen hat, als der Bundesgerichtshof feststellte, dass die Treuhand den Aufbau Verlag unrechtmäßig verkauft hat (Siehe: Wie Verleger Lunkewitz mit der Treuhand um den Aufbau-Verlag kämpft). Aber auf den Triumphzug vor Gericht folgt nun der Gang zum Insolvenzrichter, und wenn man der Geschäftsführung glaubt, ist es der Verleger selbst, der seinen Verlag in den Untergang treibt.

„Dieses Kapitel ist vorüber“

Verwundert reibt man sich die Augen: Was geht hier eigentlich vor? Und warum diese Eile? Denn am Freitagmittag, René Strien ist nun doch noch zu sprechen, ist das Insolvenzverfahren bereits beantragt, der Geschäftsführer ist kein Geschäftsführer mehr, und Bernd F. Lunkewitz ist nicht mehr Verleger der Aufbau Verlagsgruppe. „Das war's mit dem Verleger Lunkewitz“, sagt Strien. „Dieses Kapitel ist vorüber.“

Hätte er bereits am Morgen gewusst, dass er an diesem Freitag den Gang zum Amtsgericht antreten würde, hätte René Strien einen Schlips und seinen schwarzen Anzug aus dem Schrank geholt. Für neun Uhr morgens war er mit Lunkewitz verabredet, um die Gespräche über die Zukunft des Verlags fortzusetzen. In den Tagen zuvor soll Lunkewitz „mündlich und schriftlich“ erklärt haben, dass er sein Engagement aufrechterhalten wolle.

Aber am Freitag morgen findet Strien statt des Verlegers nur einen Brief von dessen Hand vor, in dem Lunkewitz erklärt, das er die Aufbau Verlags GmbH nicht weiter unterstützen werde. Strien spricht deshalb von einer „hausgemachten Insolvenz“, die aus zwei Gründen unumgänglich war: Zum einen sei die Finanzierung des Verlags von den Sicherheiten abhängig, die Lunkewitz über viele Jahre hinweg immer wieder zur Verfügung gestellt hat. Der zweite Grund klingt geradezu aberwitzig: Denn Strien zufolge hat Lunkewitz den Verlag mit Schadensersatzansprüchen in Höhe von achtundvierzig Millionen Euro konfrontiert.

„Lunkewitz fühlt sich betrogen, und das zu Recht“

Die Forderung resultiert aus dem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH). Als der BGH feststellte, dass die Autorenrechte nie rechtmäßig von der Aufbau Verlags GmbH erworben worden waren, war klar, dass der rechtmäßige Besitzer geschädigt worden ist. Der rechtmäßige Besitzer ist aber kein anderer als Lunkewitz selbst, der die Rechte 1995 ein zweites Mal - und diesmal rechtskräftig - erworben hatte. Eine irrwitzige Situation: Der Rechteinhaber Lunkewitz treibt den Verleger Lunkewitz in die Insolvenz. Ist das juristische Finesse oder ein Zweikampf, der an den Heerführer Holofernes in Nestroys Parodie erinnert: „Wollen doch mal sehen, wer stärker ist: ich oder ich?“

Strien glaubt, dass der Kaufmann Lunkewitz den Verlag aufgibt, weil ihm die anstehenden juristischen Auseinandersetzungen wichtiger seien. Offenbar will Lunkewitz, nachdem er die ehemals fast allmächtige Treuhand in die Knie gezwungen hat, nun die Bundesrepublik für die Schadensersatzansprüche haftbar machen. Dass kann Jahre dauern. Solange können die Autoren des Aufbau Verlags nicht warten. Thomas Lehr hat aus dem Radio von der Insolvenz seines Verlages erfahren und fragt sich ratlos, wie es nun weitergehen werde. Er fühlt sich vom Verlag allein gelassen und hält es für das Beste, wenn die Autoren rasch gemeinsam Aufklärung verlangen: „Wir müssen Transparenz im Umgang mit unseren Lizenzen fordern.“ Jetzt, so sagt Lehr, hänge wohl alles davon ab, ob Lunkewitz sich „weiterhin als vernünftiger Verleger“ verhalten werde.

Niemand lässt in diesen Gesprächen einen Zweifel daran, dass Lunkewitz sehr viel für den Verlag geleistet hat. Gedankt wurde es ihm nur selten, sagt Strien. Ganz im Gegenteil: „Die Treuhand hat ihm mehr als übel mitgespielt. Er fühlt sich betrogen, und das zu Recht.“ Jetzt sieht es aus, als würde Lunkewitz den verlegerischen Teil seines Lebenswerks opfern. Vielleicht setzt er ihn aber auch nur aufs Spiel. Es ist ein Spiel, in dem es um sehr viel Geld geht, um die Ehre und um den Ehrgeiz, den Staat in die Knie zu zwingen. Bernd Lunkewitz wird dieses Spiel über Jahre spielen müssen, und es wird sich zeigen, welche Karten er noch in der Hand hat. Der Namensrechte am Aufbau Verlag gehören jedenfalls nicht der Verlagsgruppe. Sie gehören Lunkewitz.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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