20. Februar 2009 Bernhard Schlink sitzt in einem winzigen Professorenzimmer in der Berliner Humboldt-Universität. Er strahlt die Ruhe eines Mannes aus, der einen Weltbestseller geschrieben hat, ohne sich aus der Bahn werfen zu lassen.
Herr Schlink, in den beiden Bänden mit Reden und Aufsätzen, die Sie in den letzten Jahren veröffentlicht haben, vermisst man eine Reflexion über Ihre Rolle als Bestsellerautor. Hat Der Vorleser Ihr Leben so wenig verändert?
Ich war zu alt, als dass die neue Rolle mein Leben entscheidend hätte verändern können. Ich hatte meinen Ort in der Welt bereits gefunden. Ich war und bin auch noch gerne Jurist, als Rechtswissenschaftler wie als Richter und gelegentlich als Gutachter. Der Erfolg als Autor, der als Überraschung kam, hat mein Leben weniger verändert als geweitet. Die Einladungen, die Begegnungen mit Lesern, Buchhändlern, Autoren, Künstlern, Schauspielern, Regisseuren und Produzenten - es ist eine große Bereicherung meines Lebens.
Sie mussten sich nicht von der Welt zurückziehen wie Patrick Süskind, der in gewisser Weise ein Opfer seines Parfums geworden ist.
Ich musste mich nicht zurückziehen. Ich habe mir auch nicht überlegt: Soll ich weiterschreiben, auch wenn das nächste Buch nicht so erfolgreich wird? Wie muss ich weiterschreiben, damit es wieder so erfolgreich wird? Ich bin beim Schreiben glücklich, mag der Erfolg sein, wie er will.
Für die internationale Öffentlichkeit sind Sie jetzt ein Repräsentant Ihres Landes und Ihrer Generation.
Ja. Ich merke, dass ich zu dem Bild beigetragen habe, das man sich im Ausland von Deutschland macht.
Was war nun der Auslöser für den Vorleser?
Der Auslöser war Ost-Berlin. Ich bin im Januar 1990 als Gastprofessor an die Humboldt-Universität gekommen und war immer für Wochen hier. Die Welt ohne die Farben und Töne, die grauen Häuser, die schlechten Straßen, der geringe Verkehr, der Holzzaun, den ich mit der Hand zerkrümeln konnte wie in meiner Kindheit - das alles hat die fünfziger Jahre so lebendig vor mein inneres Auge gebracht, dass ich über sie schreiben konnte. In meinem Kopf spiele ich immer mit Geschichten, und ich hatte mit den Elementen von Der Vorleser schon länger gespielt. Über der Wiederbegegnung mit der Welt der fünfziger Jahre in Ost-Berlin fügten sich die Elemente zur Geschichte des Romans.
Dieser Moment der Fügung, war das der Augenblick, als Sie sich entschlossen haben, von einer nationalsozialistischen Täterin, statt von einem Täter zu erzählen?
In dem Spiel mit den Elementen der Geschichte ging es von Anfang an um eine Frau. Sie war auch von Anfang an Analphabetin.
Ein erkennbar autobiographisches Motiv im Vorleser sind die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt. Wurde auch diese Erinnerung durch Ost-Berlin wachgerufen?
Nein, das hatte mich schon lange begleitet und beschäftigt.
Im Film werden die Prozesse als eine Art verlängerte Universität gezeigt, mit einer Architektur und einer Atmosphäre wie in einem Hörsaal. Haben Sie das damals so erlebt, als Vorlesung in deutscher Geschichte?
Ich hatte das Gefühl, jetzt bekommt der Holocaust seinen Platz, nicht nur in der Geschichte, sondern in unserer gegenwärtigen Wahrnehmung, in den Auseinandersetzungen unserer Gesellschaft. Die Serie Holocaust hatte zehn Jahre später eine ähnliche Wirkung. Sie hat uns zum Reden gebracht, mit den Eltern, mit Freunden, in der Öffentlichkeit.
Irgendwann muss die Liebesgeschichte zu den anderen Elementen dazugekommen sein. In den Reaktionen auf das Buch wurde dieser Teil am heftigsten kritisiert. Dazu kam noch die merkwürdige Deutung von Oprah Winfrey, die den Vorleser als Schlüsselroman über sexuellen Missbrauch lesen wollte. Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe zunächst versucht, mitzudiskutieren und das schlichte Konzept des Missbrauchs aufzubrechen. Bei körperlichem Missbrauch wissen wir, wovon wir reden, bei seelischem Missbrauch sind wir in der Gefahr, dem simplen Bild einer normalen Liebe aufzusitzen, die es nur zwischen gleich Starken, gleich Erfahrenen, gleich Alten gibt. Es verkürzt die Wirklichkeit der Liebe schmählich.
Was war die krasseste Fehldeutung des Romans, die Ihnen begegnet ist?
Es gibt eine ganze Reihe krasser Fehldeutungen. Als würde ich meinen, weil Hanna Schmitz Analphabetin ist, sei sie nicht schuldig. Als würde ich meinen, wenn man nur gebildet ist, sei man auch moralisch. Als würde ich meinen, indem Hanna Schmitz zu lesen gelernt hat, habe sie ihre Schuld begriffen und sei geläutert. Interessant ist, dass es nicht Leser-, sondern Kritikerfehldeutungen sind.
Diese Art von Kritik kam besonders aus Amerika. Cynthia Ozick und Jeremy Adler haben in dieser Richtung argumentiert, Ozick mit der Denkfigur, jedes Buch über den Holocaust sei unvermeidlich eine Art symbolischer Diskurs und jede Person darin ein Stellvertreter ihres Volkes. Hanna Schmitz kann also gar nicht anders, als für alle Deutschen zu stehen.
Vermutlich wusste Cynthia Ozick nicht, dass es hier zum Allgemeinwissen über das Dritte Reich gehört, dass in den Einsatzgruppen Akademiker überproportional vertreten waren und dass Hanna vor diesem Hintergrund keine typische Täterin sein kann. Vielleicht würde sie heute auch anders urteilen als vor zwölf Jahren, als wir sehr viel weniger Literatur, sehr viel weniger Filme über das Dritte Reich hatten. Inzwischen ist selbstverständlich, dass sich das Bild des Dritten Reichs aus vielen Mosaiksteinen zusammensetzt. Nicht jeder Mosaikstein muss das ganze Bild bieten.
Wollten Sie mit dem Vorleser eine Gegengeschichte zu den bis dahin bekannten Fiktionen über das Dritte Reich schreiben?
Ich wollte über meine Generation schreiben. Ich habe kein Holocaust-Buch geschrieben - dass ich es getan hätte, ist noch eine krasse Fehldeutung. Ich habe ein Buch über meine Generation im Verhältnis zur Elterngeneration und zu dem, was die Elterngeneration gemacht hat, geschrieben.
Bis in die neunziger Jahre gab es eine Art Unterhaltungsverbot beim Thema deutsche Vergangenheit. War Der Vorleser ein bewusster Verstoß gegen den herrschenden Diskurs?
Wenn ich etwas geschrieben habe, gebe ich es meinem Sohn, meiner Schwester und meinen Freunden zum Lesen. In den Rückmeldungen bekam ich Warnungen im Sinn Ihrer Frage; der Historikerstreit lag noch nicht lange zurück. Ich habe darauf gesetzt, dass ich eben nicht über den Holocaust schreibe, sondern über Erfahrungen meiner Generation.
Haben Sie lange gezögert, ehe Sie die Filmrechte freigaben?
Nein. Ich mag Filme und wollte immer, dass mein Buch ein Film wird. Ich wollte, dass ein guter Regisseur den Film macht, und das ist Stephen Daldry. Natürlich hat er nicht die Bilder präsentiert, die ich im Kopf hatte. Natürlich hat er die Geschichte als Stoff genommen und neu entfaltet und erzählt.
Konnten Sie die Stadt Ihrer Kindheit bei den Dreharbeiten in Görlitz wiederfinden?
Die Häuser und Straßen wecken Erinnerungen an die fünfziger Jahre. Görlitz ist nicht das Heidelberg, das ich erlebt habe und vor meinem inneren Auge hatte. Aber dieses Heidelberg gibt es nicht mehr.
Was ist aus Ihrem Gastauftritt als Straßenbahnfahrer in der Verfilmung geworden?
Wenn man in Deutschland eine Straßenbahn führen will, sei es auch nur im Film, muss man nach zweijähriger Ausbildung das Straßenbahnführer-Examen machen. Das ging natürlich nicht. Die Straßenbahn fährt durch das Kirnitzschtal bei Dresden, in dem auch das Gartenrestaurant liegt, zu dem Hanna und Michael auf ihrem Fahrradausflug kommen. Da sitze ich am Nebentisch.
Kate Winslet wird zu Recht für ihre Rolle in Daldrys Verfilmung gelobt. Aber genau das kann man dem Film auch vorwerfen: dass er die Täterin zur Heldin macht.
Das ist ein wichtiger Punkt. Das Buch ist Michael Bergs Geschichte. Der Film wird durch die Faszination, die Kate Winslet ausstrahlt, sehr viel mehr ihre Geschichte. Dass in Hanna Schmitz die Täterin zur Heldin werde und ein inakzeptables menschliches Antlitz gewinne - mit diesem Vorwurf lebe ich, seit das Buch erschienen ist. Aber wenn die Täter immer Monster wären, wäre die Welt einfach. Sie sind es nicht. Meine Generation hat das vielfach erlebt, beim Lehrer oder Professor, beim Pfarrer oder Arzt, beim Onkel oder sogar Vater, über deren Vergangenheit eines Tages offenbar wurde, was ganz und gar nicht zum Respekt, zur Bewunderung oder sogar zur Liebe passte, die das Verhältnis bestimmt hatte.
Ist die Szene kurz vor Schluss, in der der gealterte Ralph Fiennes seine Hand von Kate Winslets Hand zurückzieht, eine Art Ausgleich für die Faszination, die von Hanna Schmitz ausgeht? Die Geste gibt es ja nicht im Buch.
Es gibt auch im Buch eine Szene, in der, was Nähe hätte werden können, Fremdheit bleibt - in Hannas Blick erlischt die Hoffnung, weil Michael Berg Distanz wahrt. Ganz begreift Hanna Schmitz bis zum Schluss nicht, was sie gemacht hat, im Film wie im Buch.
War es Ihr Wunsch, dass der Film auf eine bildliche Darstellung der Verbrechen verzichtet, für die Hanna verurteilt wird?
Da waren David Hare, Stephen Daldry und ich uns einig. Das gehört nicht in den Film. Das würde ihn zum Holocaust-Film machen, der er nicht sein will und nicht sein darf.
Nimmt die Rahmenhandlung mit Ralph Fiennes als melancholischem Frauenhelden in der Verfilmung nicht zu viel Platz ein?
Die Rahmenhandlung bietet ein Äquivalent zu den Empfindungen und Gedanken des Ich-Erzählers. Die Alternative wäre gewesen, mit Voice-over zu arbeiten - keine gute Alternative.
In einem Aufsatz, der vor ein paar Jahren im Spiegel erschien, haben Sie den Weg der Achtundsechziger-Generation an die Macht und ihre nachfolgende Erschöpfung beschrieben. Wo steht diese Generation heute? Ist ihr Geschichtsbild nicht gerade jetzt auf dem Höhepunkt seiner Wirkung?
Der Blick auf die Geschichte verändert sich. Er wird zum Blick der dritten Generation. Das Dritte Reich und der Holocaust haben auch für diese Generation eine wichtige Bedeutung. Aber die Verstrickung in die Schuld der Kriegsgeneration, die meine Generation geprägt hat, bis hinein in die Verirrungen der RAF, ist weg. Es gibt in der dritten Generation auch eine andere wissenschaftliche und künstlerische Leichtigkeit im Umgang mit dem Stoff.
In Berlin hat man den Eindruck, dass sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte zurzeit in diversen Mahnmalen symbolisch verfestigt. Es entsteht ein Parcours der Erinnerung, in dem alles, was man mit der deutschen Schuld verbindet, in irgendeiner Weise abgebildet ist. Ist das die Lösung der Schuldfrage?
Mir ist das manchmal unheimlich: Zuerst haben wir die Vergangenheit mit äußerster Effizienz angerichtet, jetzt bewältigen wir sie mit äußerster Effizienz. Wir lassen keine Gelegenheit zum öffentlichen Erinnern aus. Wir errichten Mahnmal um Mahnmal. Wir stellen sicher, dass über die Vergangenheit nur Richtiges gesagt und geschrieben wird. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin froh, dass wir nicht aufs Verdrängen und Vergessen setzen, sondern aufs Erinnern, und ich bin froh, dass es einen Konsens gibt, der den öffentlichen Diskurs trägt. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl des Unheimlichen.
Welchen anderen Weg gäbe es denn?
Vielleicht ist Effizienz unser Schicksal, im Bösen wie im Guten. Gleichwohl wünschte ich mir die Bemühungen um die Bewältigung der Vergangenheit gelegentlich behutsamer, zurückhaltender, leiser. Ich hätte es auch für einen Gewinn gehalten, wenn wir dem Gedenken an die Opfer eine gemeinsame Gestalt gegeben hätten. Es hätte freilich eine größere gedankliche Leistung erfordert, als jeder Gruppe von Opfern ihr Mahnmal zu geben.
Behutsameres Bewältigen hätte vielleicht auch bedeutet, die Unmöglichkeit der Bewältigung in der Mahnmalsarchitektur abzubilden.
Der Glaube an Architektur ist groß. Auch nach 1989 musste Berlin rasch architektonisch so geschlossen werden, als hätte es die Mauer und die DDR nie gegeben. Auch da hätte man sich ein bisschen mehr Zeit lassen können. Die Büros stehen ohnehin oft leer. In wenigen Jahrzehnten werden wir die geballte Jahrtausendwendearchitektur mit ihren Stein- und Glasfassaden so satt haben wie die Architektur der siebziger Jahre. Ich schreibe, was sich aus dem Spiel mit Personen, Situationen, Handlungen zur Geschichte fügt. Warum sich, womit ich lange spiele, am Ende manchmal fügt und manchmal nicht fügt, weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht. Zur Zeit schreibe ich Erzählungen. Manchmal geht mir ein neuer Roman durch den Kopf, manchmal auch ein vierter Selb-Roman, eine Geschichte, in der er nur auf dem Balkon sitzt und Gespräche führt.
Die Figur des früheren Staatsanwalts und heutigen Privatdetektivs Selb ist auch deshalb so faszinierend, weil sie eine Art symbolischer Gegenentwurf zu dem Übervater Carl Schmitt ist - der verstrickte Jurist, der seine Schuld einsieht und Sühne zu leisten versucht.
Carl Schmitt - ich denke, das Interesse an ihm ist so groß, weil uns in ihm das Böse des Dritten Reichs endlich einmal nicht banal begegnet.
Ist es ein Zufall, dass Hanna im Vorleser mit Nachnamen Schmitz heißt?
Das ist sicher ein Zufall. Aber es gibt Zufälle, in denen uns das Unterbewusste seine Streiche spielt. Ich hatte Selb seinen Namen gegeben, ohne einen Gedanken an mich zu verlieren. Aber natürlich stecke ich in ihm und habe das oft gesagt bekommen. Andererseits - ich stecke in allen meinen Gestalten. Wir stecken in allen Gestalten, über die wir schreiben.
Zur Person
Bernhard Schlink wird 1944 in Bielefeld geboren. Er wächst in Heidelberg auf, wo sein Vater als Theologieprofessor lehrt.
1975 promoviert er in seiner Heimatstadt über Verfassungsrecht. Von 1982 bis 1992 ist er Juraprofessor in Bonn und Frankfurt, seitdem hat er an der Berliner Humboldt-Universität einen Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie.
1987 veröffentlicht Schlink sein erstes belletristisches Werk, den Kriminalroman Selbs Justiz. 1995 folgt Der Vorleser. Der Roman wird in vierzig Sprachen übersetzt und steht als erstes deutsches Buch auf der Bestsellerliste der New York Times. Seine weltweite Auflage geht in die Millionen.
Das Gespräch führte Andreas Kilb
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, Neie