Rainald Goetz bei „Vanity Fair“

Abfall für wenige

Geht dahin, wo's bunt ist: Rainald Goetz

Geht dahin, wo's bunt ist: Rainald Goetz

15. Februar 2007 Die nächste, die zweite Ausgabe der deutschen „Vanity Fair“ enthält, so viel Reklame für die Kollegen muss an dieser Stelle erlaubt sein, „spektakuläre Fotos des ehemaligen österreichischen Finanzministers und seiner Frau“. Wahnsinn, darauf haben wir schon lange so was von gar nicht gewartet, endlich bringt das mal einer! Überrascht hat uns hingegen, dass „einer der wichtigsten deutschen Autoren“ für „Vanity Fair“ im Internet jetzt ein Tagebuch schreibt. Obwohl uns eigentlich genau das wiederum gar nicht hätte überraschen sollen, wenn man bedenkt, dass „Vanity Fair“, ins Grobe übersetzt, ja tatsächlich „Abfall für Alle“ heißt.

Rainald Goetz also, der unter diesem Titel im Internet schon Tagebuch führte, als jedenfalls wir noch nicht wussten, dass so etwas „Blog“ heißt, er ist hinfort nicht mehr seine eigene Zeitung, sondern Teil einer bunten (siehe auch: Rainald Goetz' Blog bei „Vanity Fair”). Würde man nach Lektüre der ersten zwei Wochen der täglichen Einträge nun befinden, Goetz sei nach langem Schweigen ganz der Alte, dann klänge das zwar wie eine Bewerbung um Aufnahme in seine Stilblütensammlung (Eintrag vom 13. Februar: „Mohnhaupt denke derzeit über andere Möglichkeiten nach auf die Angehörigen zuzugehen“). Aber es würde dennoch zutreffen. Denn alle Motive sind wieder da, als wären sie nie weggewesen: Die „Trottel“, auch „Hochkulturtrottel“ und ihr „dummes Geschwätz“, denen sich Goetz damals wie heute also ständig aussetzt. Oder der „Schwachsinn der Promiwelt“, den er sich fast in einer Art Stellvertretung für die mit daran leidenden Leser täglich entgegenschlagen lässt.

Erneuert wird auch der Befund, der „ganze Ästhetikkram“ nütze nichts, es gehe „um geistige Energie“. Und auch die Kritik an der Kritik, an der „Billigvariante des Rebellischen“ - für deren tödliche Folgen jetzt „die frühe RAF und Kleist“ zitiert werden - ist wieder da. Nur dass sich die Schwachsinnsdiagnose dann doch ein wenig anders liest, wenn sie durch Bilder von halbentkleideten ehemaligen Finanzministern belegt wird. Was teilt uns die Beschwerde über den ganzen Ästhetikkram („schöne Typo, tolles Layout und weite Reisen“) mit, wenn sie zugleich eine umfassende Beschreibung des Kontextes ist, in dem der Kram attackiert wird; vom „dummen Geschwätz“ der „da oben“, denen attestiert wird, „nach unten“, in die bunte Welt des Banalen, der Show und des Rummels, zu drängen, ganz zu schweigen. Richtig, also falsch, möchte man zu diesen Diagnosen sagen. Oder: Auch du hier, beim Finanzminister und seiner Frau Fiona? Oder noch schlichter und weniger hochkulturell: Die Luxusvariante des Rebellischen bringt auch nichts.

Text: kau / F.A.Z., 15.02.2007, Nr. 39 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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