Walter Kempowskis „Echolot“

In der Nacht des Jahrhunderts

Von Frank Schirrmacher

Überlebensgroß: Kempowski vor Kempowski, Erlangen 2003

Überlebensgroß: Kempowski vor Kempowski, Erlangen 2003

13. November 1993 Vor einigen Jahren konnte man in deutschen Zeitungen häufig eine eigenartige Anzeige lesen. „Walter Kempowski sucht“, hieß es da in einem klein umrandeten Feld. Gesucht wurden Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Tagebücher, Briefe von Freunden und Angehörigen, unveröffentlichte Autobiographien, Fundstücke von Zeitgenossen, Filme und Fotografien. Das literarische Milieu, auch ohne Inserat stets bemüht, die neuesten Bosheiten zu finden, quittierte diese Aufrufe mit Lächeln und bald schon mit Spott.

Es hatte sich herumgesprochen, daß Kempowski an einem Archiv der Alltagsgeschichte des Dritten Reichs arbeitete und daß er ein Buch plante, in dem all dies Material einmal zusammengefügt werden sollte. Daß es je etwas damit werden würde, glaubte kaum jemand. Aber viele glaubten und sagten es auch, sofern sie nicht gerade mit der Formulierung der großen Menschheitsfragen beschäftigt waren, daß Kempowski eben doch nur ein in die Literatur verirrter Archivar geblieben sei. Ein Schriftsteller, der sich sein Lebenswerk durch Suchanzeigen anliefern lassen will - das ließ manchen in der Branche nicht ruhen, und da Kempowski nun schon einmal Thema war, machte man sich daran, gleichsam vorbeugend durch öffentliche Plagiats- und Abschreibevorwürfe seinen Ruf zu zerstören.

Seit heute liegt Kempowskis Werk vor. (“Das Echolot“. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943. Knaus Verlag, München 1993. 4 Bde., zus. 2433 S., geb., Subskr.-Pr. 298,- DM, ab 1. 3. 1994: 348,- DM.) Fünfzehn Jahre lang hat er daran gearbeitet. Fünfzehn Jahre für sechzig Tage: nichts anderes verzeichnen diese vier Bände und fast dreitausend Seiten als die einzelnen Tage der Monate Januar und Februar 1943. Nur das Vorwort stammt von Kempowski; alles andere ist unmittelbare Stimme der Zeitgenossen. Private und öffentliche Archive, Populäres und Intimes, Gedrucktes und Ungedrucktes, Offenes und Geheimes - es ist alles da, Kempowski hat seine Drohung wahr gemacht.

Die Stimmen der Opfer

„Wir sollten“, heißt es im Vorwort, „den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns gerichtet - die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten. Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe, zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe angesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.“ Gerettet hat er die Stimmen der Toten, der Bösen und der Guten, der Täter und der Opfer. Ihre Worte berühren, selbst dort, wo sie es nicht wissen, fast immer jene zwei Orte, in denen auf unterschiedliche Weise der Schrecken dieses Jahrhunderts lebt: Auschwitz und Stalingrad.

Wer das liest, erinnert sich vielleicht zuweilen an die belächelten Anzeigen, mit denen Kempowski viele seiner Funde machte. Sie haben jetzt gar nichts Komisches mehr. Sie gleichen den Fangarmen eines riesigen und immer noch wachsenden Wesens, das aus allen Erfahrungen dieses Jahrhunderts zusammengesetzt ist.

Am Rand aller Gelassenheit

Spürt man der Erschütterung nach, die dieses Werk im Leser zurückläßt, gerät man an den Rand aller Gelassenheit. Da sind Daten: der Untergang der Sechsten Armee vor Stalingrad, das Kalendarium des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, die Blutdruckwerte Adolf Hitlers. Da sind Dokumente: Tagebucheintragungen, Briefe, Funksprüche, Zeitungsausschnitte, Fotos. Da sind Stimmen: laute und leise, in Freude oder Verzweiflung, herrische und solche, die sich nur stotternd die Worte abringen. Da sind Gesten: Grüße und Winke, Befehle und Gebete und immer wieder Abschiede. Da sind vor allem anderen Erinnerungen und Voraussagen, die in ihrer mikroskopischen, der Geschichtsschreibung stets verlorengegangenen Gestalt erscheinen: wie man geschlafen, gegessen und gearbeitet habe, was man am Mittag, am Abend zu tun gedenkt, wo man gefeiert, getanzt, getrunken, was man erlitten hat. Zeugnisse des Lebens, in denen die gelebten Stunden einer untergegangenen Welt angeschlagen werden.

Lebensberichte von Sterbenden und Todgeweihten

All dieser Tumult kommt von heute längst Gestorbenen. Das wirft einen Schatten auf viele Zeilen dieser Seiten. Aber was schwerer wiegt und den Leser in einige Unruhe versetzt, ist der Umstand, daß es sich bei fast allen diesen Berichterstattern des Lebens um Sterbende und Todgeweihte handelt. „Jetzt habe ich erst gelernt, alles zu schätzen. Wie gerne würde ich nach der Schicht jetzt auf dem Ackerbau arbeiten. Meine ganzen Ansichten haben sich völlig geändert.“ Seit diesem Brief ist der vor Stalingrad liegende Soldat Berthold Paulus verschollen.

„Heute haben wir zusammen einen schönen Spaziergang gemacht, den Bergrand entlang durch den lichten Buchenwald und den herrlichen frischgefallenen Schnee. So am hellen Mittag im Schnee, da kann einen so ein ausgelassener Übermut packen, daß man tobt und Blödsinn treibt wie im Backfischalter.“ Keine zwei Monate später war die Verfasserin, Sophie Scholl, von den Nazis enthauptet worden.

„Libe Frau wir sint noch immer aingekselt und es wird sich am ende Gott erbarmen und unz helfen das wir wider raus komen den so sint wir feloren.“ Dieser Brief, geschrieben Mittwoch, den 13. Januar 1943, geht gar nicht mehr weg; er wird später in Stalingrad gefunden.

Der Opfer letzte Stunde

„Ach, das Land, das wir doch heimlich lieben, Deutschland ist nicht mehr das Reich der Dichter.“ Das dichtet ein Jude namens Katka am gleichen Tag in Theresienstadt. Ein Jahr später wird er von den Deutschen ermordet. Und in Amsterdam notiert zur gleichen Stunde Anne Frank: „Die Juden warten, die Christen warten, der ganze Erdball wartet, und viele warten auf ihren Tod.“ Zwei Jahre später stirbt sie im KZ Bergen-Belsen.

An der Ahnungslosigkeit dieser Autoren über ihre eigene Zukunft, ein Unwissen, das in Wahrheit in vielen Fällen nur ein anderer Ausdruck der allerletzten Hoffnung ist, zerspringt die Allwissenheit des nachgeborenen Lesers. Er weiß, welche dieser Leben wie und auf welchen Wegen zu Ende gehen. Aber so unbeirrt schreiben sich die Opfer ihrer letzten Stunde zu, Sterbenden gleich, denen man ihren Zustand verheimlicht hat, so nachdrücklich bestehen sie in jedem Satz auf der Unabgeschlossenheit ihres Lebens, daß die bloß historische, die abschließende Erinnerung ins Zwielicht gerät.

Zwei Monate der Lektüre

Vielleicht ist es die Vielzahl der hier gesammelten Stimmen, die dies bewirkt, vielleicht die Gleichzeitigkeit, mit der sich dieser Chor aus allen Ecken der Welt zu Wort meldet und die Geräusche unserer Gegenwart zum Verstummen bringt. Für die Geschichtsschreibung, so hat Schiller vermerkt, gebe es den Tod nicht, und die Bemerkung hinzugefügt: „Alles, was aufhört, hat für sie gleich kurz gedauert.“ Dagegen protestiert Kempowskis Werk. In den fast dreitausend Seiten des „Echolots“ dehnt sich die Zeit, und es ereignet sich etwas, für das wir in der Literatur kein Beispiel kennen. Der Leser, der jene zwei Monate zur Lektüre benötigt, die diese Texte umfassen, belebt die Vergangenheit, von der er liest, durch seine eigene Lebenszeit.

Unmöglich, diesen vielschichtigen, fast musikalischen Beziehungen und Abhängigkeiten gerecht zu werden. Der 1. Januar 1943 ist ein Freitag. „Der Rundfunk hat ein großartiges Unterhaltungs- und Erbauungsprogramm zusammengestellt“, lobt Goebbels in seiner Neujahrseintragung. „Um Mitternacht wird der letzte Satz aus der 9. Sinfonie und das politische Testament von Clausewitz, gesprochen von Heinrich George, dargeboten.“ In München hat der junge Flaksoldat Hans-Henning Teich, der den Krieg nicht überleben wird, vor dem Radio gesessen. „,Ich glaube und bekenne.' So spricht jetzt Heinrich George. Jetzt gehe ich ins Bett, schlafe und träume von daheim. Ja, nun kann ich schlafen gehen, denn ich habe ja die 9. Sinfonie gehört.“

Das Totenbuch, ein „Bestseller“

Zur gleichen Zeit ereignet sich unweit von Neapel ein Naturschauspiel. „Um null Uhr“, berichtet der Soldat Heinold Behrens, „am Beginn der ersten Stunde des Jahres 1943 spie der Vesuv in gewaltigen Feuerfontänen seine Innereien in die Luft, begleitet von entferntem Donnergrollen.“ Dagegen eine winzige Bewegung aus Stuttgart. „Wir haben Kehrwoche, und es hatte über Nacht geschneit. Die Bewegung in der reinen Morgenluft hat mir ordentlich wohlgetan. Möge das zum Symbol für das ganze Jahr werden: unsere saubere Ruh und unsere Arbeit, dann wird's im übrigen nicht fehlen.“ „Hunger, Hunger, Hunger“, das notiert Tausende Kilometer weiter östlich, in Stalingrad, Bruno Kaliga an diesem Morgen, „und dann Läuse und Schmutz. Wenn nicht in absehbarer Zeit ein Wunder geschieht, gehe ich hier zugrunde.“

Ein Frontfilmer der Roten Armee gerät in diesem Moment auf der anderen Seite mit seinem Panzer auf eine Mine und verliert für kurze Zeit das Bewußtsein. „Mein Mitarbeiter dachte, daß ich schon tot bin, und filmte mich.“ André Gide hat die Silvesternacht bei Kerzenschein zugebracht, weil es in Tunis keinen Strom mehr gibt. „Ich habe zu Weihnachten die Fotokopie dieses interessanten Kräuterbuches geschenkt bekommen und stifte es für unsere Bibliothek im Heilkräutergarten Dachau.“ Der freundliche Stifter heißt Heinrich Himmler. In Berlin begeht die Jüdin Sara Schl., wohnhaft Mommsenstraße 20, am 1. Januar Selbstmord. Das Totenbuch des Jüdischen Friedhofs Berlin-Weißensee nennt das 16. Polizeirevier als „Besteller“. Immer wieder, jeden Tag, taucht dieses Buch im „Echolot“ auf.

Die Lüge der Kultur

Während Wilhelm Hausenstein zum Jahresende bei Rotweinpunsch die „Brandenburgischen Konzerte“ auflegt, erlebt Mary Berg in Warschau eine Nacht voller Albträume. „Wieder und wieder zogen die kleinen Kinder aus Janusz Korczaks Heim an meinen Augen vorbei. Ich wußte, daß sie tot waren, und fragte mich, warum sie immer weiter lächelten. Ich sehe die gefliesten Badehäuser vor mir, voll nackter Menschen, die im heißen Dampf ersticken. Ich verfluche das Kommen des neuen Jahres.“

Im Ghetto Lodz organisiert derweil ein unbekannter Verfasser eine kleine Silvesterfeier. Die Damen haben sich rührend herausgeputzt, soweit es die Umstände im Ghetto erlauben. „Ein schweres Jahr“, beginnt als erster ein älterer Herr, „ein sehr schweres Jahr haben wir zu verabschieden.“ Weit von Lodz entfernt und als erinnerte sie sich an unvordenkliche Zeiten, schreibt zu gleicher Stunde Gertrud Ouckama Knoop einen langen Brief über die Dichtung Rainer Maria Rilkes. Man kennt ihre Beziehung zu dem Dichter. Jahre zuvor, Jahre, die nun wie eine Ewigkeit wirken müssen, hat er dem Andenken ihrer frühverstorbenen Tochter die „Sonette an Orpheus“ gewidmet. All das ist nur Präludium dieses Buches und ein winziges Beispiel für die Lebensgleichzeitigkeiten, die sich ihm entnehmen lassen. „Also sowas wie Spalt-Tabletten fehlen nur“, schreibt der Soldat Hans, zermürbt vom Trommelfeuer in Stalingrad, nach Hause. „Kaum eine irdische Hoffnung mehr“, notiert der Arzt Kurt Reuder mit gleicher Post aus Stalingrad, „den sicheren Tod vor Augen oder ein Schrecken ohne Ende in Gefangenschaft, irgendwo im Raum aller Unbarmherzigkeit. Du ahnst nicht, was diese dunkelste Zeit für ein Menschenleben bedeutet.“ Ein Jahr darauf stirbt er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Gleichzeitigkeit weitreichender Entscheidungen

Orte: In Berlin ruft am 4. Januar um die Mittagszeit Goebbels seine engsten Mitarbeiter zu einer Krisensitzung zusammen. Er ahnt, daß Stalingrad fallen wird. In der Besprechung bereitet er seine Mitarbeiter auf die wenige Wochen später gehaltene Sportpalast-Rede über den „totalen Krieg“ vor. In Agnetendorf empfängt Gerhart Hauptmann wohl im gleichen Moment eine Doktorandin, die über sein Verhältnis zu Bulgarien arbeiten möchte.

In der einsamen Gletscherwelt des Kaukasus ist Ernst Jünger mittags mit einem Kettenkraftrad unterwegs, und auf der anderen Seite der Welt, in Pacific Palisades, schreibt Thomas Mann „genau bis zum Lunchzeichen die letzten Zeilen von ,Joseph der Ernährer' und damit von ,Joseph und seine Brüder'“. „Mit dem Joseph“, so wird er ein paar Tage später resümieren, „bin ich früher fertig geworden als die Welt mit dem Faschismus.“

Alle Empfindungen, deren Menschen fähig sind, erscheinen in diesem unendlichen Chor, der sich zuweilen zu einem Totentanz fügt. Und man bemerkt nicht ohne Beklemmung, daß - abgesehen von den Tätern und Mördern, über die das Urteil keinem Zweifel unterliegt - jene Figuren am unangenehmsten, ja am abschreckendsten wirken, die sich in der Jahrhundertkatastrophe auf der schöngeistigen Seite zu Hause fühlen. Man erkennt diese Mischung aus Selbstbetrug und Selbstüberschätzung des Intellektuellen schon an den geringsten Indizien. So erklärt etwa der sonst über jeden Zweifel erhabene Felix Voigt in einem Brief an Gerhart Hauptmanns Frau, er werde wegen eines Erinnerungsbuches „heute mal das Reichspropagandaamt anläuten und dort etwas Dampf machen. Diese Leutchen haben viel Ruhe!“ Daß Goebbels Mitarbeiter „Leutchen“ seien, denen ein entlassener Schullehrer „Dampf“ machen könne, als handele es sich um eine altösterreichische Kanzlei, läßt etwas von jener Verblendung ahnen, die in vielem symptomatisch für die „innere Emigration“ war.

Unersetzliche Passagen

Auch Friedrich Blunck, der nationalsozialistische Dichter, hat Kritik an dem, was er „Promi“ nennt (nämlich dem Propagandaministerium). Ihn erregt ein Ufa-Film, den er am 12. Januar in Karlsruhe sieht. Zwei Gelehrte, so entnimmt man seinen Tagebucheintragungen, heiraten zwei junge Tänzerinnen. „Wie sollen“, fragt Blunck ernpört, „solche Wesen eine kulturführende Schicht tragen?“ Ohne Zweifel rechnet er sich selber ihr zu. Er teilt auch die Sorgen um „die Trunksucht bei den einsam im Norden stehenden Wehrmännern, die besonders in der Polarnacht nichts anderes kennen als den Weg zur Flasche“. Und da er zwar „Führer“ und Krieg in Schriften und Gedichten verherrlicht, den Weg zur Front aber offensichtlich nicht findet, muß er seine Kämpfe im Traum bestehen. Nach dem Untergang der Sechsten Armee, dessen grauenhafte Umstände auch damals niemandem verborgen bleiben konnten, schreibt er: „Ich war heute nacht wieder im Traum bei den Freunden in Stalingrad. Oftmals ziehen die Bilder der Sage durch meine Nächte. Wenn ich zufällig wach werde, habe ich in ihnen gelebt, gerungen oder gelächelt.“

Solche Passagen sind unersetzlich. In ihnen wird die Lüge in ihrer ungebrochensten Form sichtbar. Sie zeigen nicht nur, daß die Rede von der Kultur vor Verblendung nicht schützt, sie zeigen, daß sie sich widerstandslos zu allem hergibt.

Während Blunck über seine Träume schreibt, will sich in Berlin Veit Harnack mit dem jungen Hans Scholl treffen. „Um achtzehn Uhr stand ich an der Gedächtniskirche und wartete vergeblich. Um 19 Uhr war ich wieder da, wieder vergeblich. Heute weiß ich, daß zu diesem Zeitpunkt Hans Scholl bereits hingerichtet war.“ Es muß um diese Uhrzeit gewesen sein, da im Hotel Bellevue in Dresden Gerhart Hauptmann die folgenden, vor dem Hintergrund dieser ihm unbekannten Ereignisse ungeheuerlichen Sätze schrieb: „Leben und Tod unterliegen keinen Meditationen: Sie werden gleichsam unbewußt hingenommen.“ Suchte man ein Symbol für den Abschied des Geistes inmitten der Jahrhundertkatastrophe - hier, zwischen Dresden und Berlin, fände man es.

Gerechtigkeit für die Toten

Wo immer man dieses „Echolot“ hinwendet, gerät man in neue, wunderliche Zusammenhänge und findet sich schließlich auf jener Seite der Geschichte, die kein Historiker verzeichnet. „Schlaf wie immer schlecht“, notiert Theodor Morell, Hitlers Leibarzt, am 13. Januar im täglichen Bulletin über seinen Patienten. Auch ein anderer schläft schlecht in dieser Nacht. Winston Churchill befindet sich im Heck eines Bombers, der ihn von London nach Casablanca bringen soll. Er hat Angst, daß die Heizdrähte am Fußende seiner Matratze das Flugzeug zur Explosion bringen könnten, und befiehlt, die Heizung auszustellen.

„Als ich erwachte, sah ich den Premierminister auf den Knien, wie er eine Decke an die Seitenwand des Flugzeugs drückte, um sich vor der Zugluft zu schützen. Er zitterte vor Kälte: Wir flogen immerhin mitten im Winter über zweitausend Meter hoch in einer ungeheizten Maschine. Der Premierminister ist bei einer solchen Reise übel dran, weil er nachts nur ein seidenes Hemd trägt. Auf Händen und Knien bot er mit seinem dicken weißen Hinterteil einen wunderlichen Anblick.“ Hitler und Churchill, Spieler und Gegenspieler: beide haben schlecht geschlafen, aber wie unermeßlich ist der humane Abstand, der allein in dieser Miniatur zum Ausdruck kommt.

Historische Demut

Es ist viel vom Leid die Rede in diesem Werk, von Wunden und vom Sterben. Und dennoch wird sich der Leser, der all dies aufgenommen hat, jener fundamentalen Differenzierung erinnern, die Jean Améry einmal vorgenommen hat. „Der Soldat starb den Helden- oder Opfertod: der Häftling den des Schlachtviehs. Der Soldat wurde ins Feuer getrieben, und sein Leben war nicht viel wert, das ist wahr, dennoch war ihm vom Staate nicht das Sterben verordnet, sondern das Überstehen. Des Häftlings letzte Pflicht aber war der Tod.“

Walter Kempowskis „Echolot“ ist jetzt in der Welt und mit ihm die Lebenden von einst. Vollständig ist der Schriftsteller Kempowski hinter seinem Werk zurückgetreten, und dieses Opfer, das sich wirklicher historischer Demut verdankt, ist der entscheidende Unterschied, der diese Bände von den vergleichbaren Versuchen Plieviers und Alexander Kluges trennt. Wenn die Welt noch Augen hat, zu sehen, wird sie, um es in einem Wort zu sagen, in diesem Werk eine der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts erblicken. Wenn sie im Begriff sein wird, ihr Gedächtnis und ihre Geschichte endgültig zu verlieren, wird sie sich auf dieses Werk besinnen und damit wieder Gerechtigkeit herstellen können. Denn keine Klasse der heutigen Gesellschaft, so hat ein Historiker geschrieben, unterdrücken wir so rücksichtslos wie die Toten. „Morgen“, so hat er hinzugefügt, „sind wir die Toten, dann sind unsere Zukunftsträume nichts weiter als alte Geschichten.“

Text: F.A.Z. vom 13.11.1993
Bildmaterial: dpa

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