Rezension: Sachbuch

Sorgsam vermiedene Begegnungen

25. März 1997 Als sich am 13. September 1993 Israels Ministerpräsident Rabin und PLO-Chef Arafat auf dem Rasen vor dem Weißen Haus die Hände reichten, fehlte einer der von Präsident Clinton persönlich geladenen Gäste. Edward W. Said, Literaturprofessor an der Columbia-Universität und einst Arafats Mann in New York, witterte Verrat an der palästinensischen Sache und blieb dem historischen Treffen fern. Arafat, so meinte er, sei bloß die "Marionette" israelischer und amerikanischer Interessen, ein "mieser kleiner Diktator". Das waren heftige Worte, die das Ende einer jahrelangen politischen Partnerschaft markierten.

Denn es war Edward Said, der als Mitglied des palästinensischen Exilparlaments 1979 erste Kontakte zwischen der PLO und dem damaligen amerikanischen Außenminister Cyrus Vance geknüpft hatte: Nach der Zeit der Kämpfe begann die der Gespräche. Inzwischen soll Arafat die Schriften des ehemaligen Weggenossen im Autonomiegebiet verboten haben. Mit "Götter, die keine sind" liegt jetzt ein weiteres dieser Bücher auf deutsch vor. Said bezeichnet es als Versuch über den "Ort des Intellektuellen" zwischen Wissen und Macht.

"Representations of the Intellectual": Der englische Originaltitel spielt an auf die Dialektik von Fremdbild und Selbstbild. Die "Berufung" des Intellektuellen besteht darin, sich frei zu halten. Zum einen von den nationalistischen Vorurteilen, die jede Kultur hervorbringt, zum anderen von den Ansprüchen, die Regierungen und Institutionen an ihn stellen, ebenjene "Götter, die keine sind". Statt den Statthaltern der Autorität, den "Experten", Technokraten und "Spezialisten" das Feld zu überlassen, zeige der wahre Intellektuelle Mut zu einem "Amateurismus", der sich "eher der Sorge und Zuneigung verdankt als dem Interesse an Profit und selbstbezogener Spezialisierung". Er mischt sich ein; früher hieß das "Solidarität".

Damit ist der Schwerpunkt des Buches genannt: Es handelt wesentlich von Moral. Der gute Intellektuelle beharrt auf seiner Distanz - zur Herrschaft, aber auch zur "Bewegung" oder zum "Überlebenskampf der Gruppe". Modell dieses Abstandes ist das Exil, denn "Exil bedeutet, daß man sich immer an den Rändern bewegt". Nur von dort her lasse sich, so glaubt Said, die Botschaft von Gerechtigkeit und Fairneß glaubhaft formulieren; sein großes Vorbild ist Adorno. Zugleich aber hat der saidsche Denker immer auch so etwas wie eine Lizenz des Kollektivs zu verlieren, "die lebendige Verbindung zwischen dem Intellektuellen und der Bewegung oder dem Prozeß, deren Teil er ist". Was nicht mehr nach Adorno klingt.

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Götter, die keine sind
von Said, Edward W.
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All das ist nicht neu, und wer erwartet, daß sich der als Kritiker des westlichen Orient-Verständnisses bekannt gewordene Said hier etwa mit den Ideen Eric Hobsbawms auseinandersetze, der wird enttäuscht; ein neuer Frantz Fanon tritt nicht auf den Plan. Auch wer etwas lernen möchte über die heutige politische Philosophie, hat das falsche Buch zur Hand. Said lehnt natürlich Lyotard ab, Foucault bleibt ihm recht fremd, und obwohl er mehrfach auf den zweiten Golfkrieg zu sprechen kommt, geht er etwa an Baudrillard vorbei.

Erst diese vermiedenen Begegnungen lassen erkennen, wie sehr "Götter, die keine sind" ein rein moralisches Buch ist, ein etwas altmodisch wirkendes Brevier für unverstandene Denker: "Ja, die Stimme des Intellektuellen ist einsam." Hier redet Edward Said immer auch zu Edward Said - und zwar meist über Edward Said und dessen schwieriges Verhältnis zur PLO. Besonders, wenn er anspricht, was ihm das Nächste und Fernste zugleich ist, seine nahöstliche Heimat: "Trotz der Beschimpfungen und Verleumdungen, die jeder offene Fürsprecher des palästinensischen Rechts auf Selbstbestimmung über sich ergehen lassen muß, sollte die Wahrheit von einem unerschrockenen und mitfühlenden Intellektuellen ausgesprochen und dargestellt werden." Wie der Realpolitiker Arafat zeigt, läßt sich diese "Wahrheit" verschieden interpretieren. Kein Wunder, daß Said die "verlustreiche und im Kern unmögliche Erfahrung" beklagt, "Palästinenser zu sein".

Diese Aufsätze entstanden als Radiobeiträge für die BBC. Ausgestrahlt als "1993 Reith Lectures", richteten sie sich an ein breites, global verstreutes Publikum. Vielleicht prägte ja das Medium auch die Anlage des Buches. Wie sich die Glasstücke eines Kaleidoskops ruckweise zu neuen, immer ähnlich gearteten Mustern gruppieren, tauchen bei Said Zitate aus Romanen oder Bruchstücke aus politischen Essays auf. Dieser kaleidoskopische Stil birgt manche gedankliche und historische Unschärfe. Der preußische Diplomat und Staatsrechtler Wilhelm von Humboldt etwa gerät hier unversehens zu einem der "großen, aber leider häufig mythischen Vorbilder" des Intellektuellen sartreschen Zuschnitts; Wernher von Braun und Erich Auerbach werden unterschiedslos als Exilanten gewürdigt, und leichthin heißt es: "Sprachen sind selbstverständlich stets Nationalsprachen."

Aber Said spricht ja nicht als Historiker oder sonstiger "Spezialist", sondern als Politiker ohne Amt und als "Amateur". Im Jahr des "Verrats" will er sich seiner Distanz zur politischen Welt versichern. Daher wohl rühren die Sentenzen und der manchmal priesterliche Ton der Ansprache. Als Jugendlicher habe er selber die "Reith Lectures" in seiner Heimat gehört, erklärt der 1935 in Jerusalem als Sohn einer bekannten christlichen Palästinenserfamilie Geborene. Seit Jahrzehnten nun lebt er in den Vereinigten Staaten und genießt das "seltsame Glück", ein "Palästinenser mit westlichem Paß zu sein, ohne verlockende Alternative". Dieses Glück ist ihm Auftrag genug, die Distanz zu den Verhältnissen als Basis geistiger Freiheit zu preisen, ohne Scheu vor Pathos und Allgemeinplätzen.

Said weiß wohl um das Privileg dieses Abstandes. Ob er es deshalb so nobel vermeidet, konkrete Lösungen anzudeuten? Vielleicht richten sich seine "Lectures" ja an Leute, für die politisches Handeln vor allem bedeutet, Partei zu ergreifen, also Göttern zu folgen, von denen sie ahnen, daß sie keine sind. Das Geheimnis aber, wie man sich beteiligt, ohne mitzumachen, behält dieses Buch für sich. Es ist das Geheimnis vom richtigen Leben im falschen.

Edward W. Said: "Götter, die keine sind". Der Ort des Intellektuellen. Aus dem Englischen von Peter Geble. Berlin Verlag, Berlin 1997. 150 S., geb., 32,- DM.

Götter, die keine sind



Buchtitel: Götter, die keine sind
Buchautor: Said, Edward W.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.1997, Nr. 71 / Seite L30

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