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Ende einer Aufladung: Das E-Book verläßt den deutschen Markt

Von Hannes Hintermeier

E-Book der zweiten Generation, präsentiert auf der Frankfurter Buchmesse

E-Book der zweiten Generation, präsentiert auf der Frankfurter Buchmesse

03. Juni 2003 Auch das noch. Als ob der deutsche Buchmarkt nicht schon genug damit zu tun hätte, in stabiler Seitenlage die Krise abzuwettern. Nun ist ihm auch noch einer der vorwitzigsten Hoffnungsträger einer vergangenen Zukunft abhanden gekommen.

Das elektronische Buch, Eingeweihten unter dem Namen "Rocket eBook" bekannt, wird in Deutschland ab sofort nicht mehr vertrieben. Auf der Homepage der Firma Gemstar eBook GmbH versichert man einer respektvoll erschütterten Nachwelt in elegischem Ton, man habe lange "für das eBook in Deutschland gekämpft" und damit auch "für die Etablierung des Lesegeräts und für die Zunahme der elektronischen Editionen". Aber es hat nicht sollen sein: "Unglücklicherweise ist der deutsche Markt für eine Fortführung und ein Aufrechterhalten unserer bisherigen Geschäfte nicht groß genug." Nun muß es der Markt in den Vereinigten Staaten richten.

„Nicht gestern, nicht heute, nicht morgen“

Mit diesem Nachruf geht eine Geschichte vorläufig zu Ende, die gerade einmal fünf Jahre währte. 1998 wurden auf der Frankfurter Buchmesse mit viel Tamtam die ersten, taschenbuchgroßen Minicomputer vorgestellt, damals noch im Vertrieb der Firma Nuvomedia. Die "Rocket eBooks" waren in der ersten Ausführung mit einem Schwarzweiß-Bildschirm in der Größe elf mal acht Zentimeter ausgestattet, sie konnten etwa viertausend Druckseiten speichern und hatten durchaus die haptische Qualität eines Handschmeichlers. Mit Inhalt aufzuladen war das Gerät nur via Download bei Internet-Buchhändlern.

Aber schon der Verkaufsstart verzögerte sich, und die Reaktionen auf die Markteinführung waren zwiespältig. Sahen einige das Ende des gedruckten Buches überhaupt gekommen, zuckten andere eher belustigt die Schultern. Für die Fraktion der Traditionalisten brachte es dieser Tage Peter Lohmann vom S. Fischer Taschenbuchverlag bei einer Umfrage im "Börsenblatt" auf den Punkt: "Belletristik auf dem Bildschirm? Nicht gestern, nicht heute und nicht morgen."

Kinderkranheiten

Das freilich bleibt abzuwarten. Die elektronischen Bücher hatten mehrere Geburtsfehler: Die Geräte waren den meisten Interessenten zu teuer (zuletzt knapp zweihundert Euro). Die Anwendungsmöglichkeiten waren im Zeitalter von netzkompatiblen Kühlschränken und Palm-Computern zu einseitig, die Kosten der Inhaltsbeschaffung zu hoch - die elektronische Fassung einer belletristischen Neuerscheinung kostete meist soviel wie die Hardcover-Ausgabe. Schließlich reduzierte die eingeschränkte Verfügbarkeit von belletristischen Titeln (die große Mehrzahl der Bücher ist nicht für Internet-Vertrieb lizenziert) die eigentliche Stärke des neuen Geräts unfreiwillig auf ein Minimum. Aus der Traum von einem eBook, auf das man Nachschlagewerke und Fachliteratur in ausreichender Menge hätte speichern können, um sich damit auf Reisen die Mitnahme von halben Handapparaten zu ersparen.

Auch ein anderer Anbieter, Franklin, hat mittlerweile die Ambitionen auf Marktdurchdringung mit seinem "eBookMan" hintangestellt - obwohl dieses Gerät auch Abspielen von Hörbüchern und MP3-Dateien beherrscht. Mit verbesserter Technologie ist eine Neuauflage der Idee elektronisches Buch nur eine Frage der Zeit. Vielleicht könnte man sich bis dahin vorsorglich darauf verständigen, daß auch dies nicht der Untergang des Abendlandes sein wird. Es sei denn, man würde mit der Einführung in Deutschland beginnen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2003, Nr. 128 / Seite 44
Bildmaterial: dpa

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