24. Juni 2005 Für etwas zu stehen, kann nicht die erste Aufgabe von Schriftstellern oder Philosophen sein. Manche tun es dennoch. Manche schreiben nicht nur, sie äußern sich auch, geben Interviews und "engagieren sich". Von Jean-Paul Sartre hat man in diesem Sinne einmal nachgerechnet, daß er von allen französischen Geistesarbeitern die meisten Resolutionen unterzeichnet hat. Andere suchen sich diese Rolle des Literaten, der mit massenmedialer Wirkung auf formatgerechte Weise Themen aus den Massenmedien aufgreift, nicht selber aus - wie zuletzt Peter Handke, der sich zugunsten von Slobodan Milosevic engagiert -, sondern sehen sich durch repressive Lebensumstände in sie hineingedrängt.
Auch Orhan Pamuk, dem soeben vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels der Friedenspreis zugesprochen wurde, muß damit leben, seit kurzem vor allem durch das bekannt zu sein, wofür er steht. Er, der Türke, hat den Genozid der Türken an den Armeniern im Jahr 1915 erwähnt. Er hat auf das Schicksal der Kurden in seinem Land hingewiesen. Und er hat beides miteinander verbunden, was in der Türkei genügt, um von der Presse maßlos attackiert zu werden und auch der eigenen Unversehrtheit nicht mehr sicher sein zu können.
Entsprechend mag man diese Vergabe des Friedenspreises als einen hochpolitischen Akt bezeichnen. Aber inzwischen fällt das Wort "politisch" immer schon dann, wenn man eigentlich nur das Umstrittensein eines Sachverhalts meint. Es lohnt sich darum die Frage, in welcher Hinsicht denn diese Preisvergabe eine politische ist.
An den großen Konfliktlinien des 20. Jahrhunderts
Geht man die Liste der mit dem Friedenspreis Geehrten durch, trifft man auf viele Autoren, die für etwas stehen und vor allem dafür geehrt worden sind. Seinem Namen entsprechend ging der Friedenspreis vorzugsweise an Intellektuelle, deren Nennung ganz zwanglos die großen Konfliktlinien des zwanzigsten Jahrhunderts aufruft. Die Spaltung in eine Erste und Dritte Welt, die Vernichtung des europäischen Judentums, die deutsch-französischen Verwerfungen, der Kalte Krieg und die Existenz totalitärer politischer Herrschaft - es erklärte sich aus solchen Motiven gewissermaßen von selbst, daß Albert Schweitzer, Nelly Sachs, Leopold Sedar Senghor und Alfred Grosser, Lew Kopelew und Jorge Semprun den Friedenspreis bekamen. Selbst für die ökologische Frage fand sich ein Preisträger, 1973 der "Club of Rome".
Der Friedenspreis hieß also nicht zufällig so. Frieden, das war die politische Formel für alle Bemühungen, die auf die Europäische Union hinarbeiteten. Und Arbeit am Frieden zu ehren, war vor allem ein gutes Motiv für einen deutschen Preis. "Der Friedenspreis war für das isolierte, durch seine eigene Geschichte gedemütigte Deutschland ein Zeichen der Hoffnung und Unterstützung für ein in kritischer Reflexion wieder entstehendes Selbstbewußtsein. Der Friedenspreis lebt von der Botschaft der Preisträger-Persönlichkeiten", heißt es folgerichtig in den Erläuterungen des Börsenvereins. Noch Susan Sontag, die es in ihren Essays eigentlich vorzog, "Botschaften" zu zerlegen und nicht auszusenden, erhielt 2003 den Friedenspreis auch, weil sie sich gegen das Kriegsgeschrei im eigenen Land gewendet hatte.
Keine öffentliche Erregung über Pamuk als Dichter
Die Preisvergabe an Pamuk kann nicht auf dieselbe Weise als politisch bezeichnet werden. Denn weder läßt sich sein Werk - ähnlich wie das seines Vorgängers Peter Esterhazy, nicht als das eines Friedensarbeiters jenseits oder diesseits einer klaren Konfliktlinie lesen. Es sei denn, man wollte die Darstellung von Vielfalt selber schon als politischen Akt werten. Parteien werden sich darauf jedoch nicht gründen, kollektive Entscheidungen im Licht von poetischer Komplexität nicht fällen lassen. Auch in der Türkei ist es nicht der Dichter Pamuk, sondern sind es Elemente aus der Stoffschicht seiner Romane und seine Interviews, über die es zu öffentlicher Erregung kommt.
Das türkische Parlament hat ihm vor Jahren angetragen, auf Lebenszeit dichterischer Stipendiat des Volkes zu werden, was Pamuk ablehnte. In der Frage des EU-Beitritts der Türkei wiederum - den der Börsenverein in Pamuks Romanen gewissermaßen schon vollzogen sieht - antwortet der Autor eher zögernd. Es könne sein, daß sich die Hoffnung in der Türkei auf eine Zustimmung im Westen für einen solchen Beitritt als produktiver erweisen werde als eine Zustimmung selbst - über diesen Satz kann man lange nachdenken, ohne zu einem Schluß zu kommen.
Worin besteht die politische Bedeutung?
Das Verhältnis der Deutschen zur Türkei ist durch und durch zweideutig. Viele Menschen, die von dorther kommen, leben hier, ohne selbst mit deutschem Paß als Deutsche wahrgenommen zu werden und sich selber wahrzunehmen. Einerseits heißt Türkei die Ostflanke der Nato, andererseits Islam, einerseits Urlaub, andererseits Kopftuch, einerseits postmodernes Istanbul, andererseits Anatolien und Ehrenmordimport.
Dieses Einerseits-Andererseits läßt sich auf keine klare Unterscheidung bringen. Politische Fragen aber neigen dazu, solche Unterscheidungen zu verlangen. Die des EU-Beitritts der Türkei, in deren Licht das Land heute gesehen wird, ist eine solche politische Frage. Der Dichter hat den Preis gewiß verdient. Aber die Preisvergeber machen eine ähnliche Figur wie alle, die sich um ein Ja oder Nein herumdrücken. Sie versichern sich einer politischen Bedeutung ihres Aktes, von der aber unklar ist, worin sie besteht.
Text: F.A.Z., 24.06.2005, Nr. 144 / Seite 37
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