Von Nils Minkmar
19. Juni 2006 Von wegen alles schwarzrotgoldene Leichtigkeit: Die Du bist Deutschland- Kampagne, die große Koalition, die Fifa-Weltmeisterschaft alias Deutschland-Party - das war der Dreischritt zum Sommer unseres Vergnügens. Die Parteien sind einig, die Fahnen flattern, die Stimmung pendelt zwischen hedonistischem Anarchismus und fröhlicher Resignation. Die beiden rhetorischen Figuren des Wir alle und Jeder einzelne, Plural und Singular des Deutschen, haben den öffentlichen Diskurs fest im Griff: Jeder einzelne und wir alle müssen jetzt im Glanze dieses Glückes blühen.
Ganz Deutschland? Nein. Auf den Sachbuch-Bestsellerlisten halten sich zwei Titel, die in allen Punkten dermaßen der verschriebenen guten Laune entgegenstreben, daß es ein Wunder ist, daß sie überhaupt verlegt, geschweige denn so massenhaft gekauft werden: Jürgen Roths Der Deutschland-Clan und Albrecht Müllers Machtwahn.
Eine furiose Reise
Es sind schwere Bücher mit schwarzem oder dramatisch schwarzrotgoldenem Cover, mit alarmistischem Klappentext, Bücher von viktorianischer Anmutung, eine schwarze Lektüre zur Dämmerung, die man mit einem Brandy zu sich nimmt. Der Duktus beider Bücher ist ähnlich, aber das Genre differiert leicht: Jürgen Roth ist der Kriminalist, Müller eher der hegelianische Gesamtrebell.
Roths Deutschland-Clan verspricht in Vorwort und Klappentext, die Strukturen und Verbindungen eines real existierenden, soziologisch nachweisbaren Clans, der das Land in den Händen hält, nachzuzeichnen. Doch das vergessen Autor und Leser schnell, denn es geht auf eine furiose Reise: Wir sind in Augsburg beim Prozeß gegen den ehemaligen Staatssekretär Ludwig-Holger Pfahls. Schon die Sache: ein Hammer, oder? Dann aber hat sich der Richter nach dem Urteilsspruch vor Pfahls auch noch verbeugt. Roth empört das, aber es erstaunt ihn nicht, denn Müntefering hatte die Hedge-Fonds ja auch erst zugelassen, bevor er sie zu Heuschrecken ernannte.
Der Pate von Meck-Pom
Der Leser stockt und schluckt, aber Roth fährt fort, zur Zwick-Affäre über Werner Müller zu Laurenz Meyer. Bald sind wir in den Lüften, an Bord einer Privatmaschine der West-LB. Steuern tut die Maschine unser späterer Kronzeuge, der vielleicht, oder doch eher nicht, große Mengen Kokain vertickt hat, aber zwischendrin flog er auch Prostituierte mit hochrangigen Politikern, Managern und so. Roth ringt um Fassung und dann mit der Lesbarkeit, wenn er die Details der Verfahren um die West-LB-Skandale darstellen muß. Egal, man hat ja schon kapiert: Koks und Callgirls auf Kosten des kleinen Mannes - ein dickes Ding.
Aber wer sich darüber empört, hat die ganze Dimension des Elends nicht umrissen und wird deshalb mitgenommen nach Mecklenburg-Vorpommern, zu einem angeblich allmächtigen Unterweltspaten, der dort zwei Cafes betreibt. Roth trifft sich mit ihm, findet ihn ganz sympathisch. Später nimmt die Polizei den Paten hops. War er vielleicht doch gar nicht so allmächtig? Egal, die ganz großen Dinger werden ja eh woanders gedreht, in Bukarest beispielsweise. Bodo Hombach hat da Geschäfte gemacht. Und wo war der früher? Richtig, auf dem Balkan. Stichwort Kosovo, albanische Mafia.
Stasi, Schröder, KGB
Dem Buch wohnt ein rührender lutherischer oder volksmagischer Zug inne: Wird ein Skandal oder auch nur dessen Schauplatz einmal benannt, so ist das Böse in ihm auch gebannt. Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen halten auf, es muß weiter benannt werden. Die ganze Reise hat ein Ziel, und das ist weit: Petersburg, also Gasprom. Schröder geht zu Gasprom. Das ist ein so dickes Ding, daß Roth es mehrmals an- und ausführt: Putin, KGB, andere Deutsche - Stasi, Schröder früher bei den Jusos, alles klar.
Daß es sein Generalargument einer organisierten Machtübernahme Deutschlands durch einen neoliberalen Clan nicht plausibler macht, wenn der ehemalige Bundeskanzler sich bis nach Petersburg und unter Beschädigung seiner Reputation in solche erkennbar dunklen Kreise begeben muß, um ordentlich Geld zu verdienen, daß er also offenbar in seinem Heimatland gar nicht über entsprechende Unterweltsverbindungen verfügt, fällt Roth nicht auf. Auch vor der angeblich furchterregenden und - wegen Seilschaften mit den Medien - unhinterfragbaren Macht eines Wolfgang Clement kann einem nur dann gruseln, wenn man vergißt, daß Clement und die anderen NRW-SPD-Größen vom angeblich so leicht zu manipulierenden Wähler schnöde ins Privatleben verabschiedet wurden.
Ausgerechnet Loire-Weißwein
Aber da ist Roth längst woanders, er wird überall gebraucht, um uns von einem Schweinfurter Bauträger, der nur mit albanischer Leibgarde im Auto fährt zu erzählen, oder von Florian Gerster und dessen freihändigen PR-Aufträgen. Aus Peter Hartz & Co hätte er vielleicht noch ein wenig mehr machen können, auch dessen Adlatus Helmuth Schuster kommt zu kurz, obwohl der doch einiges dafür getan hat, um in diese unendliche Skandalchronik aufgenommen zu werden. Dafür geht es um die Phoenix-Affäre, die Berliner Bankgesellschaft, die Spätzle-Connection sowie um einen Yassin Dogmoch, der am liebsten Loire-Weißwein trinkt - nicht auszumalen, welche Serie an Missetaten Roth aufzählen müßte, wenn der Mann sich sizilianischen Chardonnay genehmigt hätte!
Roths Parforceritt durch das Land der Gauner hat etwas von Jules Verne und Karl May. Ein kleiner Unterschied besteht leider: Roth erfindet nichts, es passiert ja wirklich immerzu viel Schlimmes. Roth empört sich bloß mehr als andere, und in seinem Furor sieht er das Land nicht in der Hand eines Clans, sondern als einen einzigen großen Gaunerclan, der sich, wo immer es geht, auch noch mit den Nachbarstaatenclans zusammentut, wo es ja noch schlimmer ist.
Wo bleibt das Positive?
Albrecht Müller - ehemaliger Kanzleramtsplanungschef unter Helmut Schmidt, dann lange Jahre SPD-Bundestagsabgeordneter - wirft seinen Blick auf das Land von der schönen Südpfalz aus, aber der Rückzug dorthin hat ihn innerlich nicht befriedet, sondern aufgewühlt. So wie Montaigne ja schon notierte, nach seinem Rückzug in den Turm sei die Vorstellungskraft wie ein wildes Pferd mit ihm durchgegangen, so ergeht es auch diesem Autor, der besonders mit der eigenen, sozial und geographisch abseitigen Position zu hadern scheint. Besonders beklagenswert findet Müller, daß soviel geklagt wird: Das Land pleite, die Kassen leer, die Gewerkschaften zu mächtig; wo, fragt Müller - im Einklang mit den Leserbriefschreibern dieser Welt -, bleibt das Positive? Man solle den Menschen lieber Mut machen, denn Konjunktur sei Psychologie, und wenn man dann noch die Löhne erhöhe, dann werde der Laden schon wieder laufen. Damit ist Müller aber keineswegs so allein, wie er tut - in der CDU hätte er mit dieser Position eine klare Mehrheit.
Doch das kann Müller nicht zugeben, denn er will ja abrechnen mit der Elite des Landes. Er hat dazu nicht, wie Pierre Bourdieu, die Eliten in Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Politik untersucht und befragt, sondern viel gelesen und viel ferngesehen und sich noch mehr aufgeregt. Diese Methode scheint freilich genau jene Erkenntnisse zu fördern, die alle Fernsehzuschauer auch immer gewinnen: Alle stecken unter einer Decke! Und wer zahlt die Zeche? Der kleine Mann!
Posttraumatische Verbitterungsstörungen
Auch hier ist es die serielle Betrachtung von Skandalen, die die Empörung so richtig hochkochen läßt: Der Ackermann - arbeitet der wirklich mehr als sein einfachster Angestellter? Die Agenda 2010 - war doch 'ne Pleite! Die Firma Grohe - kaputtgemacht von Heuschrecken. Schließlich Müllers bitterer Satz: Andrea Nahles wurde nicht SPD-Generalsekretärin, Wolfgang Thierse ist nicht mehr Bundestagspräsident! Alles hängt mit allem zusammen - und auch wieder nicht. Viele von Müllers Beispielen sind wirklich skandalös und wurden in den wichtigsten Medien auch entsprechend kommentiert. Gerade etwa der von Müller schwer gescholtene Spiegel hat sich weder bei der Kritik an Ackermann noch an Hartz IV übertreffen lassen. Man kann auch nicht behaupten, daß Hedge-Fonds, Drückerkolonnen und der Handel mit Schrott-Immobilien zu jenen Branchen zählen, in die gutmeinende Eltern ihre tüchtigen Kinder am allerliebsten vermitteln würden. Außerdem sitzt im Bundestag eine starke Linksfraktion, die in vielen Punkten Müllers Sicht der Dinge vertritt und deren Chefs es an Medienpräsenz mit den Herren Henkel und Merz durchaus aufnehmen können.
Das Buch ist aber nicht nur Furor, es hat rührende, tröstende Stellen, etwa wo es aufzählt, wie der Kapitalismus den Menschen krank macht, Schlaflosigkeit und Übergewicht verursacht sowie das nächtliche Zähnemalmen und die posttraumatische Verbitterungsstörung!.
Mitfühlende Barmänner
Mit der Identifizierung einer neoliberal verblendeten Elite hat das alles nichts zu tun. Müller hält Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn für den mächtigsten Mann Deutschlands - der freilich ist mit seiner Skepsis gegenüber der Börse und seinen Predigten vom ethisch verantwortlichen Unternehmertum alles andere als ein Neoliberaler. Und Frau Mohn erwähnt Müller gar nicht erst. Müller sieht selbst heftig verfeindete Einzelgänger und Konkurrenten als Partners in Crime, von der Südpfalz aus stehen sich in Berlin eben alle nahe.
Früher griffen viele, die auf das ganze Land sauer waren, zu Bernt Engelmann oder zu Günter Ogger, um sich bestätigen zu lassen, daß alle Verbrecher sind; heute hat man zu diesem Zweck halt Roth und Müller neben dem Bett liegen. Es ist der buchförmige Ersatz für einen stets mitfühlenden Barmann, der jede noch so entlegene Klage mit einem Drink und Schlecht die Welt, böse der Mensch! zu lindern versteht.
Albrecht Müller: Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet. Droemer 2006, 364 Seiten, 19,90 Euro.
Jürgen Roth: Der Deutschland-Clan. Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz. Eichborn, 256 Seiten, 19,90 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 27
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Verlag
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