
Der Satz, „[j]emand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“, sollte, um ihn überhaupt verstehen zu können, wie folgt gelesen werden. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn“ ..., hier setzt ein erster Abbruch ein, es müsste richtiger Weise, wie Stifter es versucht, ein Komma folgen, ... „ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er“, hier setzt ein zweiter Abbruch ein, es müsste, wegen des zusätzlich gesetzten Kommas, richtiger Weise „er wurde“ folgen, ... „eines Morgens verhaftet“. Von ‚Jemand musste [ihn] verleumdet haben, denn, ohne dass er etwas Böses getan hätte, er wurde eines Morgens verhaftet’ über ‚Jemand musste [ihn] verleumdet haben, denn er wurde, ohne dass er etwas Böses getan hätte, eines Morgens verhaftet’ zu ‚Jemand musste [ihn], ohne dass er etwas Böses getan hätte, verleumdet haben, denn er wurde eines Morgens verhaftet’. Das von Kafka verwendete ‚Denn’ jenes ersten Satzes muss sich auf die Verhaftung beziehen, nicht auf das Tun des Bösen. Die Verhaftung Josef K.’s ist die Faktizität, welche durch die beiden Modalitäten einer Verleumdung und einer bösen Tat eine Erläuterung finden, die den weiteren Geschehensablauf gestalten.

"Könnte Literatur einmal werden, was Religion war?", fragt Frank Schirrmacher. Kafka war Visionär. Er wusste: Sprache ist gefrorenes Bewusstsein. Seine Axt spaltete das Meer, dessen Blut zu Eis gefror, das Diesseits ins Jenseits durchschreibbar zu machen. Die im Prozess bewachte Tür ist offen. Es bedarf nur eines Worts, um hindurchzugehen. Und hat nicht Kafka in seinem visionären Amerika (wir wissen, er war nicht dort; ob es eine Chiffre für das Gelobte Land ist, wissen wir indes nicht) im Naturtheater von Oklahoma, das bekanntlich in einem Park implementiert ist (sein Name sei Eden-Park) das Paradies visioniert? Menschen als Larven, die sich als Schauspieler selbstgewählter Rollen entpuppen? Dieses Naturtheater kann ja wohl nur einen Intendanten haben: Shakespeare himself. Dass Frank Schirrmacher darauf hinweist, dass neben Franz Kafka nur noch Shakespeare zu setzen ist, was die enorme Verfügungsgewalt über den vielfachen Sinn von Worten betrifft, zeigt für mich dessen stupendes Schlüsselverständnis für den größten Wächter des Wortes, den die deutsche Sprache kennt. Klaus Middendorf

....ja, wir feiern ihn. Eine schöne Idee, diese Reihe von Satz-Inspirationen.... Auch ich, als begeisterte Kafka-Leserin, habe mit Interesse den Artikel von Frank Schirrmacher gelesen. Nur, leider hat sich ein kleines Missgeschick eingeschlichen, denn der Beginn des letzten Absatzes läßt ihn älter werden als er ist: "Hundertfünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod..."? Feierten wir nicht gerade eben diesen 125. Geburtstag? Trotzdem, ich habe den Artikel sehr gern gelesen.

Eine wunderbar dichte Hinführung ins Zentrum von Kafkas Werk. Es scheint mir überhaupt sehr beglückend, wie sehr sich das Verständnis dieses Werks klärt, wie die teilweise abstrusen Deutungen und Vereinahmungen der Großmatadoren der Literatur- und Weltinterpretation von früher (u.a. G. Anders oder auch Adorno) allmählich zum schummrigen Bodensatz eitler Missdeutungen geworden sind. Als einer der wesentlichen Schritte in den hellen Hof dieses Werks erscheint mir die Wahrnehmung des Humors bei Kafka. Aber es hat sehr lange gedauert, bis die Blindheit der humorlosen Deuteakrobaten offenbar wurde.