Der Auskunftgeber schwieg: Günter Grass

Spezial Ausgerechnet Günter Grass, der Schriftsteller, der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte, hat jetzt sein eigenes Verschweigen bekannt. Ein Kommentar von Frank Schirrmacher.

Lesermeinungen zum Beitrag

22. August 2006 13:53
umkehr?  
christian wolfert (kcwolfert)

ich bin gewissermaßen dankbar für diese debatte um günter grass, zeigt sie uns zumindest auf, wie einige menschen mit dem prinzip der umkehr verfahren.
günter grass hat wohl einen fehler gemacht. na und, wer von uns hat das nicht. und wer von uns heute, bis auf ein paar ausnahmen, ist in der lage einen damals gerade heranwachsenden menschen in einer solchen situation beurteilen, gar verurteilen zu können.
dass sich seine damalige entscheidung auf sein ganzes leben erstreckt und ihm kummer bereitet hat, sieht man doch daran, dass es endlich raus musste.
in was für einer welt leben wir denn, wenn wir unsere fehler in zukunft nicht mehr zugeben dürfen, ohne dafür niedergemacht zu werden?
umkehr ist ein prinzip, was den einzelnen menschen befähigt aus seinen fehlern zu lernen und sich selbst zu verbessern. wenn man grass jetzt dafür schilt, dass er etwas bekennt, was er nicht hätte bekennen müssen, dann gibt man der öffentlichkeit zu verstehen, dass es sich nicht lohnt seine fehler einzugestehen und sich selbst verbessern zu können. ich hoffe nicht, dass es soweit kommt.

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21. August 2006 23:17
Grass spaetes Eingestaendnis  
Dietrich Schulte-Frohlinde (DSF1)

Wer mit siebzehn Jahren das primitive und aggressive in Hitlers Doktrin sowie in der ganzen Nazi Weltanschauung nicht erkannt hat wird auch später nur schwer zu einen ausgeglichenen Weltbild finden, denn mit siebzehn ist das Gehirn schon weitgehend ausgereift und manche geniale Leistung ist sogar schon jüngeren geglückt. Die später so oft unausgeglichenen und unreifen Ansichten von G. Grass und seine im Nachhinein übertriebene Moralität beweisen dies zur Genüge.
D.Schulte-Frohlinde

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20. August 2006 08:41
Bottom line...  
Klaus Bauer (Klausbauer)

...und es gibt eine bottom line hier: Nobelpreis hin und her, verdient oder nicht, sein Alter damals ist auch egal, im Grunde zaehlt nur eins: Grass ist ein Heuchler und ein Luegner. Bin mit Grass aufgewachsen, habe durch ihn mein vererbtes Schuldbewusstsein verstanden und verlassen, und jetzt bin ich nur noch entaeuscht, und fuehle mich betrogen.
Andererseits: lebe seit 10 Jahren in den USA, und das interessiert hier wirklich keine Sau. Die Amerikaner, die Welt, und auch die Deutschen, haben ganz andere Probleme als das Gestaendnis eines alten Luegners.

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18. August 2006 13:17
Schluss damit, Ihr Medien alle  
Silke Marx (barbarashm)

Herr Grass hat nicht gestanden!

er hat posaunt!!!!

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17. August 2006 21:43
Grass vorbei  
Martin Gutensohn (Gurnemanz)

Der Krieg ist aus. Die Nachkriegszeit ist vorbei. Der Blechtrommler hat seinen Einsatz verpaßt. Das haben wir längst gewusst. Nun trommelt er noch einmal für seinen alten Käse. Es reicht.

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17. August 2006 12:35
Günther Grass:"Wer ohne Sünden ist, werfe den ersten Stein ".  
Jan Eurelings (eurelings)

Dieses Zitat dringt sich immer wieder beim Lesen der Kommentare bei mir auf,um so mehr als es sich um einen 15-17 jährigen Knaben handelt, der sich in einer äusserst schwierigen Lage befand.Beglückend und treffend fand ich die Äusserung des Herrn Pourroy, die ich hier wiederholen möchte: "Beglückender ist es jedoch für unser Volk,die Aufgabe für die Zukunft heute zu erkennen und anzupacken". Wenn man die innen-und aussenpolitischen Bemühungen und Erfolge Deutschlands und den zügigen Demokratisierungsprozess nach dem Krieg verfolgt hat, kann man dieser Aussprache nur Beifall leisten. Gerade diese Auffassung hat das Bild von Deutschland und den Deutschen im Ausland zurecht ins positive verwandelt.Die Weltoffenheit und die politisch verantwortliche Haltung Deutschlands gegenüber Europa und den Weltmächten findet allenthalben grosse Anerkennung.Ich selbst bewundere die Weise, wie die Deutschen sich öffentlich in den Medien mit den Kriegsopfern und den schiksalhaften Folgen des Krieges auseinandergesetzt haben, wobei erst seit den letzten Jahren dem Leiden der eigenen Bevölkerung und dem Trauma der Nachkriegsgenerationen Aufmerksamkeit gewidmet wird.Vielleicht beeinträchtigt dieses Trauma nachträglich die Urteilsfindung insache Grass.

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17. August 2006 09:12
Das ist graz alder  
H. Lauter (Tattaya)

Who the Fuck is Grass?
Was ich eigentlich sagen wollte.... who cares?

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17. August 2006 08:55
Ein Kommentar zu manchem Kommentar  
Matthias Rietz (oekonom_de)

Mahner waren in der neuen BRD mehr als erforderlich (lesenswert: Die Prozesserinnerungen des Rechtsanwalts Heinrich Hannover). Einen Witz hingegen finde ich, dass die katholische Kirche als Moralinstanz ins Feld geführt wird. Wer hat denn mit den Nazies auf Schmusekurs gestanden? Es war die Amtskirche und Johannis Paul der II. hat sich dafür ja auch entschuldigt. Gegner gab es zwar viele aus dem kath. Lager, Franz von Gahlen war wohl der bekannteste von ihnen, nicht zu vergessen die Menschen aus dem katholischen Widerstand. Ein 17 jähriger Bengel wird in den Medien für eine Faszination gerichtet, obwohl er von Tätern (der Großteil des Deutschen Volkes) erzogen, ja manipuliert wurde und wovon selbst der Papst fasziniert war? Und die Gegner aus den Unterschiedlichen Lagern schlagen munter mit drauf ein. Die deutsche Gesellschaft war bis 1945 eine Gesellschaft der Mörder, Helfer und Dulder. Jeder hat etwas gewußt und wenn Sie nicht direkt daran beteiligt waren so haben sie zumindest geschwiegen. Als nach dem Kriege die Grausamkeiten veranschaulicht wurden, wurden wieder die Mahner angegriffen, denn die Altnazies saßen nach 5 min. Entnazifizierung wieder auf Ihren alten Stühlen und in der CDU (Kiesinger, Filbinger etc.). Rietz (1961)

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16. August 2006 23:54
Schirrmachers Pointe  
Gustav Adolf Pourroy (pourroy)

Die heutigen Kommentare der Feuilletons werden von Journalisten verfasst, die sich von dem Massenwahn im Staat, den der Mensch im kranken Staat ausgesetzt war, keinen Begriff machen. Ein Volk von lauter Stauffenbergs ist nicht vorstellbar - und selbst der hat einmal Heil Hitler gesagt.

Grass spricht offen von seinem Glauben an den Endsieg, für den er seinen Beitrag leisten wollte. Hieraus geht der Grad der Verführung eines jungen Menschen klar hervor.

Das Wühlen in der Vergangenheit und die Kunst der moralischen Ereiferung zu üben ist sicher sehr interessant. Beglückender ist es jedoch für unser Volk die Aufgaben für die Zukunft heute zu erkennen und anzupacken.

Gustav Adolf Pourroy, München

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16. August 2006 13:12
törichter starrsinniger alter Mann  
Thomas Hechinger (Hechinger)

Günter Grass eine moralische Instanz? Für mich 1960 Geborenen war er das nie. Mich empört weder, daß er als Jugendlicher bei der Waffen-SS war, noch daß er erst so spät zu einem Geständnis findet. Für beides gibt es Erklärungen. Vielmehr bin ich fassungslos erstaunt, mit welcher Unbelehrbarkeit, Verbohrtheit und ideologischen Verblendung er die Nachkriegszeit in Westdeutschland beurteilt. Von meinem Vater weiß ich, daß es auch ihn zu einer gewissen Zeit verlockt hat, bei der Hitler-Jugend mitzumachen. Nur ließen das seine Eltern, einfache Leute, Tagelöhner und Kleinbauern, nicht zu. Ihr fest im katholischen Glauben wurzelndes Selbstverständnis machte es denkunmöglich, ihren Buben den gottlosen braunen Horden zu überlassen.
Ich jedenfalls bin dankbar, daß der „katholische Mief“ im Westen Deutschlands den Aufbau einer funktionierenden Demokratie ermöglichte. Wohin es hätte kommen können, wenn 1945/49 die Weichen anders gestellt worden wären, dafür bietet die SED-DDR-Diktatur hinreichend Anschauungsmaterial. Glücklicherweise ist dem Westen der von Grass offenbar so ersehnte „sozialistische Mief“ erspart geblieben.

Für mich ist Konrad Adenauer der größte Deutsche.

Und Grass nur ein törichter starrsinniger alter Mann ...

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15. August 2006 12:29
Günther Grass  
Jan Eurelings (eurelings)

Die ganze Debatte über Grass' Bekenntnis, er sei bei der Waffen-SS gewesen, droht in eine mir unangenehme Richtung zu verlaufen. Die Neigung, bei dieser Angelegenheit selbst Richter zu spielen, ist unverkennbar, wird jedoch der Person Günther Grass und seinem unermesslich grossen Beitrag zur politischen, moralischen und geistigen Neuorientierung Deutschlands nach dem Krieg gar nicht gerecht.
Vielleicht könnte man behaupten, gerade seine nicht öffentlich eingestandene, jugendliche Fehlentscheidung habe ihm sein ganzes Leben die Motivation und die Kraft gegeben, das Thema Vergangenheitsbewältigung únd moralische,politische Neuorientierung auf so meisterhafte, national und international anerkannte Weise literarisch zu gestalten.
Ich möchte davor warnen ,dass man nicht den historischen Kontext, in dem Grass zu seinem Fehlschritt kam, und sein jugendliches Alter aus dem Auge verliert.
Verübelt man ihm seine Tat nicht ,gerade weil er später zu solch einer weltbekannten, einflussreichen Persönlichkeit herangewachsen ist, während man einen gleichen Fehltritt anderer Zeitgenossen leicht als verständlich betrachtet?
Der Zeitpunkt des Geständnisses ist richtig, da seine erbrachte Leistung schon längst seine Schuld getilgt hat.

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15. August 2006 12:13
Ich kann Grass gut verstehen  
Matthias Rietz (oekonom_de)

Ein 17 Jähriger war und ist damals wie heute unreif und kann die Konsequenzen seines Handelns nicht selbständig erfassen, das wird sogar im Strafrecht berücksichtigt. In einer Zeit, in der Aufklärung und Informationen bekämpft bzw. kanalisiert wurden, mehr als heute in unserer sogenannten Informationsgesellschaft. Ich wundere mich über die Kommentare in unseren Medien, in denen ein 17jähriger, denn Grass war damals in der SS, verurteilt wurde. Umso angenehmer ist der ausgeglichene Kommentar des Herrn Schirrmacher. Grass hat sich seines Makels zu tiefst geschämt. Aber was wäre passiert, wenn er nicht geschwiegen hätte. Er hätte niemals kritisieren können. Die rechtspopulistische Springerpresse hätte sich auf ihn gestürzt. Diese Generation gehört auch zu den Opfern des NS-Regimes. Sie wurden ihrer Jugend beraubt und am Ende des Krieges als Kanonenfutter in die Linien geworfen. Diese Generation war und ist traumatisiert. Wieviele Jahre bedarf es um sich selbst zu therapieren? Und mit wem darüber sprechen? Mit den Alt-Nazies, die in der jungen BRD wieder das Sagen hatten? Mit den heldenhaften Wehrmachtsangehörigen, die nie Verbrechen begangen, sondern uns gegen die Polen verteidigten? Oder mit den alle Deutsche Pauschalverurteilern?

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15. August 2006 10:56
Verdrängung und Shizophrenie  
Eckhard Schmidt (eckhard43)

Ich bin Jahrgang 1943 also viel zu jung um mich an diese Zeit zu erinnern. Was ich also aus dieser Zeit weiss, stammt aus Büchern, Filmen und vom Hörensagen.
Gott sei Dank hat das 1000 jährige Reich nur 12 Jahre gedauert, so dass die meisten Mitläufer und Begeisterten schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück kamen. Mir ist auf jeden Fall ein geläuterter Paulus lieber als ein Saulus.
Vergessen wir nicht, dass es in der Nachkriegszeit auch noch genügend Menschen gab, die jemanden der nach der Umerziehung durch die Allierten und dann gegen rerchts wetterte, als Verräter galt und Repressalien rechnen musste.
Mit 17, also 1960, wurde ich als Deutscher in Irrland noch mit Heil Hitler begrüßt, was damals Empörung bei mir auslöste, wurde dann aber von Engländern aufgeklärt dass es eben auch Leute gab die jeden Feind Englands als Freund betrachteten.
Ich habe 1961 auf Kreta die Gebeinhäuser gesehen und doch mit den Söhnen der masakrierten und deren Angehörigen Freundschaft geschlossen und in Belgrad mit den Kindern hingerichteter Partisanen Geschichte aufgearbeitet.
Für die, die die 12 Jahre erlebt, gelebt und mit dabei waren blieb nach dem Krieg nur verdrängen übrig und dazu muß man in schon Schizophren sein.


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15. August 2006 10:08
An alle Verteidiger des Herrn Grass!  
Janos Sin (Janos_Sin)


Es ist schon beachtlich, mit welchem Eifer Sie hier um Verständnis für Ihr Idol werben.
Sie fordern Nachsicht, die Sie selber einem anderen nie einräumen würden, siehe Martin Walser.
In einem Kommentar war die Rede von einer "engstirnig- konservativen" Gesellschaft, man muß schon selber sehr engstirnig sein um der deutschen Gesellschaft einen solchen Vorwurf zu machen.

Sehen wir das Geständnis als das was es wirklich ist, Publicity für sein neues Buch. In aller Munde, man wird sich eine Zeit lang mit dem Thema beschäftigen und dann ist es auch wieder vorbei.

An der Doppelmoral des werten Nobelpreisträgers wird das nichts ändern. Er wird weiterhin den "Mahner der Nation" geben. Nach dem Motto:

Jetzt erst recht!

Ob sich jemand dann auch dafür interessiert ist eine andere Frage.
Gott sei dank, hat sich Herr Grass selbst aus der Öffentlichkeit eliminiert. Danke hierfür.

Seine Werke werden trotz alledem ein wichtiger Bestandteil deutscvher Literatur bleiben. Ob man ihn nun mag oder nicht.

In diesem Sinne

János R. Sin, Budapest

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15. August 2006 09:10
die Pointe des Herrn Grass  
Peter Brinkmann (peter.brinkmann)

Das nun Herr Grass dunklere Seiten seiner Vergangenheit auskehrt und dies vielleicht auch etwas spät, ist meiner Meinung nach gar nicht der Punkt: viel erstaunlicher ist, dass ein Aspekt in seiner Lebensbeichte nicht erscheint: Der im Glashaus sitzt, sollte nicht oberster Moralapostel sein. Weniger Moralin wäre überaus wohltuend und angemessen. Insofern könnte für die Kritiker des Kritikers auch durchaus gelten: Nichts ist wie es scheint. Und von der erhobenen Hand zeigen drei Finger immer auf den Moralisten.
Dr. Peter Brinkmann (Dortmund)

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