03. September 2007 Im Reisen fand er zu sich selbst. 1899, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, fuhr er endlich in die Länder, die er in seinen Abenteuerromanen aus dem Orient und Nordafrika beschrieben hatte, und von da an wollte er kein Populärschriftsteller mehr sein. Zwar posierte er, wie jeder Orientreisende jener Zeit, auf einem Kamel vor den Pyramiden, vor ihm seine Ehefrau Emma, neben ihm die Freundesgattin Klara Plöhn, die er drei Jahre später heiraten sollte. Aber sein Blick vom Kamelrücken herab auf die Welt rückte die Fiktionen zurecht, mit denen er sich seine Position erschrieben hatte.
Feierlich, mit großer Ceremonie, verabschiedete er sich in Ägypten von seinem früheren Ich, mit Schiffssteinkohlen versenkte er den alten Karl May, den Vielgelesenen, im Roten Meer. Von seiner Reise brachte er ein Heft voller Verse mit, einen Gedichtband, dem er den Titel Himmelsgedanken gab. Ich sehe Berge ragen / Dort an der Steppe Rand. / Es soll mein Fuß mich tragen / Hinauf ins bess're Land. Es wurde sein erster Flop.
Der Erfolg selbst
Andere Schriftsteller haben Erfolgsgeheimnisse, Karl Mays Geheimnis ist der Erfolg selbst. Hunderte Millionen Leser haben seine am Schreibtisch erlebten Abenteuer verschlungen, seine in Ich-Form erzählten Reisegeschichten aus einem Wilden Westen, einem Afrika und Arabien, die es niemals gab. Noch als Erwachsener wird man, wenn man die Winnetou-Serie oder den Orientzyklus an beliebiger Stelle aufschlägt, sofort in den Text gesogen, widerstandslos wie ein Süchtiger vor seinem Stoff. Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? Da spricht ein Greenhorn zum anderen, aber der Leser weiß es nicht, er lässt sich mitziehen, und der Verführer lohnt es ihm mit immer neuen Aufschneidereien, Phantastereien, moralischen Belehrungen.
Das Ende des Kaiserreichs hat diese Texte nicht angekratzt, die Nationalsozialisten, von Mays Witwe Klara tatkräftig unterstützt, bissen sich an ihnen die Zähne aus, und selbst die DDR gab nach dreißig Jahren Druckverbot klein bei, weil Old Shatterhand nicht totzukriegen war. Zuvor hatten viele ihrer Bürger in Handarbeit die zerfledderten May-Bände abgetippt, um den Inhalt für ihre Nachkommen zu bewahren. Eine Liste solcher Tipp-Arbeiten, Dokument erbitterten Fleißes, hängt jetzt hinter Glas im Deutschen Historischen Museum Berlin.
Die Untiefe der Nation
Die Ausstellung im DHM versucht nicht, das Rätsel dieser Faszination zu lösen. Sie liest Karl May nicht, sie zeigt ihn nur. Das hat seine Vorteile, etwa den der Übersichtlichkeit. Wollte man ernsthaft über Mays Wirkung reden, müsste man eine Kulturgeschichte der Deutschen erzählen, deren Umfang die Räume des Pei-Baus sprengen würde. Die Untiefe Mays ist die Untiefe der Nation, das hat Kafka, Arno Schmidt und Heiner Müller zu ihm hingezogen und reizt noch heute zum Wiederlesen. Der deutsche Drang nach Ordnung und Erlösung, bei größeren Künstlern formbewusst versteckt, sprudelt bei May wie eine Ölquelle aus jedem Satz: Empor ins Reich der Edelmenschen hieß sein letzter Vortrag, gehalten in Wien acht Tage vor seinem Tod. Der Veranstalter war sich seiner Sache nicht ganz sicher und gab eine Umfrage unter literarischen Berühmtheiten in Auftrag. Max Brod gestand seine Bewunderung für den Mann, der so vielen Leuten einen Balkan und ein Syrien seiner Phantasie vorgezaubert habe, und auch Thomas Mann freute sich auf den gar nicht uninteressanten Charlatan aus Radebeul. Soll er nicht Räuberhauptmann gewesen sein? Ich glaube, ich würde mir ein Billet kaufen.
In Berlin erscheint der Räuberhauptmann May, der wegen mehrerer kleiner Diebstähle und Betrügereien fünf Jahre im Gefängnis saß, als wilhelminischer Selfmademan in den Farben der Zeit. Die soziale Frage, die den Sohn einer Weberfamilie aus dem sächsischen Ernstthal zeitlebens verfolgte, tritt in den Hintergrund; die Bühne der Ausstellung gehört den Formen des Fernwehs, die im Kaiserreich blühten und unter denen die Karl-May-Lektüre eine der menschenfreundlichsten war. Während May, zuerst als Zeitschriftenredakteur für den Verleger Münchmeyer und ab 1878 als freier Schriftsteller, in Kolportagegeschichten und Romanen die Welt der Indianer, der Gauchos, der Berber, der Araberstämme und Balkanvölker besichtigte, gastierte Buffalo Bills Wildwestschau in Dresden und eine Truppe tanzender Derwische in Hamburg.
Exotismus als Volkskrankheit
Der Exotismus wurde zur Volkskrankheit, und Karl May, der wie sein Publikum seine Weltkenntnisse aus Lexika und Hauspostillen bezog, fütterte ihn geschickt mit einer Mischung aus Klamauk und Volksfrömmigkeit. Scharlih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ! Eine Sektion über den Pietismus in Sachsen hätte der Ausstellung gut angestanden, doch der vorhandene Platz wurde für die vielen schönen Leihgaben aus Radebeul gebraucht, die Silberbüchse, den Bärentöter, das Jagdhemd Old Shatterhands, den Tropenhelm Kara Ben Nemsis, allesamt sächsische Wertarbeit, keine Importware aus Fernwest.
Eine Ausstellung, die wie diese vor allem aus Abbildungen besteht, aus Fotos, Gemälden, Plakaten, Bucheinbänden und Filmausschnitten, bringt sich um ein klares Bild ihres Gegenstands. Karl May war Schriftsteller, aber für einen oberflächlichen Betrachter der Berliner Schau hätte er auch Archäologe, Entdecker oder Philanthrop sein können, die visuelle Ausbeute wäre nahezu die gleiche.
Zwischen Goethe und Cobain
Das Besondere dieses Autorenlebens wird interessanterweise an einer Stelle sichtbar, an der die Bebilderung ins Textartige kippt, auf einer Wand mit Fotos aus Mays Leseralbum, das er aus den Einsendungen seiner Verehrer bestückte. Vom rauschebärtigen Hospizdirektor über Münchner Mädel mit Platzpatronengewehr bis zum Junker aus Charlottenburg sind alle Typen in diesem Fanclub vertreten, und man ahnt, was es einmal bedeutet hat, Volksschriftsteller zu sein: etwas zwischen Goethe und Kurt Cobain, eine Erscheinung der Moderne, die im Zeitalter des Bildschirms schon nicht mehr möglich ist. Karl May hätte keine Talkshow überstanden, so wie er auch bei den Prozessen keine gute Figur machte, die er nach der Rückkehr aus Ägypten um die Rechte an seinem Frühwerk und seinen Ruf als Künstler führen musste. Der alternde May war kein Olympier, sondern ein Getriebener, der mit Verleumdern und Verlegern im Clinch lag.
Auf dem späten Weg der christlichen Esoterik, die ihn vom Reich des silbernen Löwen ans Jenseits und nach Ardistan und Dschinnistan führte, ist die Mehrzahl von Karl Mays Lesern ihrem Autor nicht mehr gefolgt. Das Kino, dessen Karl-May-Rezeption am Schluss der Ausstellung dokumentiert wird, hat sich bei den Wildwest- und Wüstenabenteuern bedient, ohne sich lange mit ihren ideologischen Obertönen aufzuhalten, es hat den Edelmenschen wieder zum edlen Wilden gemacht. Und doch haben die Bücher das alles überlebt. Dass sie in Amerika nie verfilmt wurden, hat neben allen kulturellen Differenzen auch einen ganz praktischen Grund: Es gibt schon einen Old Shatterhand in Hollywood. Er heißt Indiana Jones.
Karl May - Imaginäre Reisen. Deutsches Historisches Museum bis zum 6. Januar 2008. Der Katalog kostet im Museum 25, im Handel 36 Euro.
Text: F.A.Z., 03.09.2007, Nr. 204 / Seite 35
Bildmaterial: Bamberg, Archiv Verlegerfamilie Schmid, Bamberg, Karl-May-Verlag, Berlin, Deutsches Historisches Museum, Berlin, Privatsammlung Kißner, Deutsches Historisches Museum