Von Patrick Bahners
05. November 2005 Diese Geschichte ist also nun doch keine unendliche geblieben, sondern hat ein Ende gefunden, ohne das von einer Geschichte ja gar nicht die Rede sein könnte, die es eben nur gibt, wenn sie vorüber ist. Ein gutes Ende: Brigitte Kronauer erhält den Georg-Büchner-Preis.
Viel länger hätte man dieser Schriftstellerin den Kranz nicht mehr vorenthalten können, irgendwann hätte sich die Irritation darüber, daß ausgerechnet Brigitte Kronauer ausgerechnet einer Institution mit Namen Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nicht preiswürdig erschien, in einem homerischen Gelächter der Musenfreunde Bahn gebrochen und alle Darmstädter Verlautbarungen über fast noch richtige und nicht so furchtbar falsche Schreibungen vom Tisch gefegt. Denn was, hätte man sich fragen müssen, können die über Brigitte Kronauer hinwegsehenden Herren und Damen verstehen von Dichtung, Sprache, Akademischem und Deutschem?
Beflügelndes Elixier
Dichtung: Brigitte Kronauers Prosa untersteht einem poetischen Gesetz, vollzieht und vollstreckt eine so unerbittliche wie befreiende Logik der Form. Literatur ist sich selbst genug, gehorcht in herrlicher Souveränität der schöpferischen Laune, löscht die Wirklichkeit komplett aus, um sie in allen Einzelheiten auferstehen zu lassen.
Sprache: Brigitte Kronauer gehört zu den in unserer Literatur nicht seltenen schwer übersetzbaren Autoren. Unsere Nation, jahrhundertelang wegen ihrer Schwermut, Schwerfälligkeit und schwer begreifbaren Verfassung der Spott Europas, hat aus der Not eine Tugend gemacht und aus den schwerverständlichen Elementen ihrer Schriftsprache ein beflügelndes Elixier gemixt, dessen Genuß das Leben kinderleicht erscheinen läßt: Er kann schwer zu Kopfe steigen, ein richtig langer deutscher Satz mit schönen zusammengesetzten Wörtern. Musikalität und Farbenreichtum der Sprachlandschaft dokumentiert Brigitte Kronauer auch durchs Einkleben und Anbauen des Weggeworfenen und Schnoddrigen.
Akademisch: Nicht nur als Sammlerin von Sprachblüten ist sie eine Gelehrtennatur von idealistischem Fleiß und positivistischem Systemdrang. Wie bei allen geborenen Philologen muß man vor ihrem polemischen Talent auf der Hut sein.
Deutsch: Daß man zur Charakteristik von Brigitte Kronauers Stil unwillkürlich Begriffe aus den anderen Künsten gebrauchen wird, ihre Melodien und ihr Kolorit rühmen muß, ist der in Augen und Ohren fallende romantische Zug ihres Werkes.
Nachtigall, Kuckuck und Falke
Man mag sie die teutsche Nachtigall - den Vogelfrauennamen nannte sie in der Umfrage des vergangenen Jahres als ihr zweitliebstes Wort - unseres Zeitalters taufen. Gekreuzt mit Kuckuck und Falke. Ihr inniges Verhältnis zur mutterländischen Tradition ist denn auch landauf, landab mit Preisen gewürdigt worden, die der Natur dieser Überlieferung gemäß in der Provinz vergeben werden. So hat Brigitte Kronauer den Grimmelshausen- und den Mörike-Preis erhalten und sich mit klugen Auslegungen und Selbstauslegungen bedankt. Nur in dem kleinen Ort in der Mitte des Landes, der sich für die Hauptstadt in Preisfragen hält, brüteten die Tempelherren weiter darüber, ob nicht doch vielleicht alles Gaukelei ist und Kunstfürkunst und blaue Theorie, ob die Universalpoetin zur Nationaldichterin gekrönt werden durfte.
Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, lebt in Hamburg. Sie arbeitete als Lehrerin, bevor sie sich in die Freiheit des Schriftstellerberufs hinauswagte, und hat jüngst in ihrer Dankesrede für den Bremer Literaturpreis die Zuweisung der pisanischen Schuld an die Pädagogen als "prosaisches Beispiel" für die jedermann juckende Dämonisierungslust angeführt, die zur Zweiteilung der Welt in Gute und Böse führt und zum Erzählen von Geschichten mit Anfang und Ende. Das wollte sie übrigens wie alle Sätze der Rede als Hinweis zur Interpretation ihres im vergangenen Jahr erschienenen Romans "Verlangen nach Musik und Gebirge" verstanden wissen.
Von der verjüngenden Magie der Literatur
Die im Sinne der romantischen Poetik durchgehaltene Selbstbezüglichkeit aller Äußerungen dieser Autorin scheint auf den ersten Blick den Zugang zu ihren Büchern zu erschweren. Tatsächlich sagt sie selbst und hat es indirekt auch in der Bremer Rede ausgesprochen, daß die erste Seite eines Romans nicht auf Anhieb verständlich sein soll. Mit dem nach diesem Prinzip gearbeiteten Roman "Teufelsbrück" von 2000 feierte sie dann aber einen Triumph nicht nur beim Publikum, der die wechselseitige Treue der Dichterin und ihres Verlages Klett-Cotta in schönster Weise belohnte. Man weckte falsche Assoziationen, wollte man von Brigitte Kronauers Literatur sagen, was man sich von der deutschen Sprache erzählt: Ihre Schönheiten erschlössen sich erst auf den zweiten Blick.
Der erste Blick, der in diese Bücher fällt, spürt die Verlockung des zweiten Hinsehens, und dem zweiten Blick kann dann das Glück zuteil werden, daß das Buch sich liest, als läse man zum erstenmal. Von den frühen Kurzprosaexperimenten über die cartesischen Wunderwerke der durchkonstruierten Romane "Frau Mühlenbeck im Gehäus" und "Rita Münster" bis zum manieristischen Teppich der "Frau in den Kissen" hatte Brigitte Kronauer die von einem Lebenswerk erwartete organische Entwicklung schon einmal zurückgelegt. Dann fing sie wieder an.
Von der verjüngenden Magie der Literatur handeln Brigitte Kronauers Erzählungen und scheint auch die sprühende Erscheinung der Schriftstellerin zu künden. Ungeschrieben bleibt dank Darmstädter Einsicht das romantische Märchen von der großen deutschen Dichterin, die erst im Alter von hundert Jahren den Büchnerpreis empfing und die alten Akademiker durch ihr feenhaftes Wesen beschämte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa/dpaweb