Peter Hacks und Thomas Mann

Er gehört zu mir

Von André Thiele

Er konnte auch aufschauen: Peter Hacks in einem Porträt aus dem Jahr 1963

Er konnte auch aufschauen: Peter Hacks in einem Porträt aus dem Jahr 1963

25. August 2008 Unser Bild von Hacks ruht auf unsicherer Grundlage. Der Geheimnisse und unbekannten Größen in seinem Leben und Schaffen sind viele. So scheint er 1955 am Ufer der Spree direkt am Schiffbauerdamm in einem Weidenkörbchen angetrieben worden zu sein, wo ihn Bertolt Brecht im Schilf fand, an Sohnes statt annahm und großzog. Man wusste wohl, dass der kleine Poet ein Vorleben gehabt hatte, gerüchteweise in München, aber die neuen Familienmitglieder sprachen nicht so gern darüber, und die alten vermieden lieber, über den Verlust zu sprechen.

In seinem Todesjahr 2003 veröffentlichte Hacks unter dem Pseudonym Pasiphae einen Band Hacks-Anekdoten. Die erste Anekdote ist eine aus der frühesten Kindheit, auch die zweite betrifft nicht „Ziehvater“ Brecht, sie betrifft Thomas Mann. Seltsam. Ausgerechnet Thomas Mann! Erst die fünfte Anekdote kommt auf Brecht und schließt mit den Worten: „Es war dies das erste Mal, sagt Hacks, daß ich mehr Verstand zeigte als Brecht.“ Nicht eben eine Empfehlung. Sollte Hacks selbst seine Beziehung zu Mann wichtiger gewesen sein als die zu Brecht?

Nebensächliche Nähe

Beide scheinen sich ausschließende Gedankensphären zu vertreten, der Bürger Mann und der Kommunist Hacks. Die bestimmenden Philosophen für Mann waren Schopenhauer und Nietzsche, für Hacks waren es Kant und Hegel. Lebensverlauf, Bekenntnis, Ausbildung, Herkunft - alles liegt so offensichtlich konträr, und vor allem das Handwerk: Mann der Romancier, Hacks der Dramatiker, das sind vollkommen verschiedene Schaffenswelten.

Gut, da ist Goethe, für den hatten beide eine stete Narrheit und für das, wofür Goethe immer steht: die Perpetuierung des Bürgerlichen durch die fortgesetzte Überwindung des Bürgerlichen. Der positive Bezug auf das Erbe der Klassik, auf den Humanismus, ihre fast aggressive Verteidigung, auch das eint. Die unbedingte Liebe zur Qualität mag man anführen, die Orientierung auf den gesellschaftlichen Erfolg, die Verachtung für die Klöterjahns und Hagenströms, den Ekel vor der Entbürgerlichung und das Haltungskünstlertum, das keine plötzlichen Ausbrüche der Kreativität duldet, sondern Kunst als Resultat disziplinierter Arbeit schafft. Auch hatten beide ähnliche Jugendticks, Mann war Dandy, Hacks ein „Swingbubi“. Beide entstammten starken bürgerlichen Dynastien, Mann der bekannten, Hacks einer profilierten Familie von Gelehrten.

Von der Eindeutigkeit weltanschaulicher Zuordnung

Es gibt Kuriositäten wie die, dass beide ihr schriftstellerisches Dasein mit einem anderen Ironiker antraten: Thomas Mann debütierte 1893 in der von ihm selbst herausgegebenen Schülerzeitung „Der Frühlingssturm“ mit dem Aufsatz „Heinrich Heine, der Gute“, Peter Hacks' erster gedruckter Text trug den Titel „Heinrich Heine“ und stand 1948 im „Obersdorfer Jugendecho“. Die Wohlinformierten wissen zu ergänzen, dass bei beiden die betonte Eindeutigkeit der weltanschaulichen Zuordnung nicht recht zuverlässig ist: dass es bei Mann, vor allem nach 1933, eine stete Inaugenscheinnahme der Möglichkeit Kommunismus gab, und bei Hacks inmitten des DDR-Sozialismus eine sehr deutliche „Ambivalenz des Bürgerlichen“ (Ingo Way).

Eine Anekdote, die Hacks in seinem Todesjahr 2003 unter Pseudonym veröffentlichte, gibt Hinweise auf weitere Berührungspunkte:

Eine Pinselei

Peter Hacks wollte eine Lesung von Thomas Mann in München besuchen und fand sie ausverkauft. Er bezog an der Eingangstür Posten, und als der Dichter erschien, hielt er ihm das Couvert eines Briefes entgegen, das er für den Notfall eingesteckt hatte. Sie lassen mich nicht hinein, klagte er, beleidigt, wie er sich fühlte.
Was ist das? fragte Thomas Mann.
Ein Brief, den Sie mir geschrieben haben!
Wenn es irgendeine Sache gab, die Thomas Mann nicht beeindruckte, waren es Briefe, die er irgendwem geschrieben hatte, aber er erkannte, daß er den Auftritt am reibungslosesten beendete, indem er dem Türsteher erklärte: Er gehört zu mir, und für Hacks öffnete sich die Pforte und der Himmel. Es ist kaum zu sagen, zu welchem Grad der Hingebung Hacks als Halbwüchsiger fähig war.

Eine nicht sehr sublime Zufriedenheit

Hacks präsentiert sich hier als jugendlicher Fan, als Groupie. Sein Pathos ist das Understatement: Einerseits spielt er die Bedeutung der zentralen Elemente der Anekdote herunter und bezeichnet sein eigenes Verhalten - oder doch das Manns? - als „Pinselei“, als töricht. Andererseits ist da ein Zittern im Text über dieses „Er gehört zu mir“, eine nicht sehr sublime Zufriedenheit, ein Stolz noch des greisen Dichters in seinem letzten Lebensjahr, schon früh und von diesem Großen erkannt worden zu sein.

Wusste Thomas Mann wirklich nicht, mit wem er es da zu tun hatte, oder war jener Zuruf an den Türsteher zumindest auch einer der Anerkennung? - So sicher ist, dass es Hacks mehr als um Tatsachen um die Haltung den Tatsachen gegenüber ging, so sicher ist, dass diese Anekdote solide Tatsachen enthält.

Ironisch, spitzfindig, bizarr, provozierend, aber zweifelsohne tief

Hacks kam im Sommer 1946 nach dem Abitur in Wuppertal nach München, im Wintersemester begann sein Hauptstudium der Neueren deutschen Literatur und der Theaterwissenschaft bei Borcherdt, Kutscher und Badenhausen. 1948 fertigte er bei Kutscher ein Referat „Über den Stil in Thomas Manns ,Lotte in Weimar'“, das er am 29. Dezember 1948 nach Pacific Palisades schickte. Mann quittierte den Eingang im Tagebuch für den 5. Februar 1949 mit den Worten „Bemerkenswert gescheit“ und antwortete Hacks am nächsten Tag, im Tagebuch kommentiert mit „zu mitteilsam“. Am 29. Juli 1949 kam Mann im Rahmen seiner ersten Deutschland-Reise nach München und hielt am Nachmittag im Großen Saal des Wirtschaftsministeriums auf einer Veranstaltung der Münchener Stadtverwaltung und des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller den Vortrag „Goethe und die Demokratie“. Es gab zwar noch 1952 zwei Besuche Manns in München, aber gute Gründe sprechen dafür, 1949 als das Jahr des Treffens anzunehmen.

Nun, dies alles ist anekdotisch, aber inhaltlich ist es nicht. In der kanonischen Ausgabe der Hacks-Werke letzter Hand von 2003 (HW; Berlin 2003) findet sich Thomas Mann immerhin sieben Mal; sein Bruder Heinrich, der Hacks doch so viel näherstehen müsste, wenn die ungeprüfte Einordnung Hacks' auf der Linken zutreffend wäre, wird hingegen nicht erwähnt. Die Stellen zu Thomas Mann sind dies und sind das, signifikant sind sie nicht: Einmal wird Mann als Dichter dargestellt, der sich der Medien bediente, während Hacks sich selbst in Arno Schmidt wiederzufinden scheint; wobei Schmidt sich aber nicht gegen die Medien und für die Heide entschieden hatte, sondern einfach nicht vorkam.

Hacks übrigens beherrschte beide Methoden: Er spielte die Medien, wenn er sie spielen wollte, und zog sich in die Heide zurück, wenn er zurückgezogen sein wollte. Sein Bargfeld hieß „die Fenne“, lag in Brandenburg und war immerhin etwas luxuriöser als Schmidts Hüttchen. Dann findet sich das hübsche Aperçu „Manchmal formuliert Goethe wie Thomas Mann, wenn er Goethe nachmacht“ (HW 13, 507). Typisch auch folgende Stelle: „Die romantische Kunstauffassung lautet: Ordnen, ohne zu ordnen; Thomas Mann hat seinen dicken ,Faustus' dieser einen Erkenntnis gewidmet“ (HW 15, 286). - So ist Hacks: ironisch, spitzfindig, bizarr, Widerspruch provozierend, aber zweifelsohne tief.

Ein großer Künstler - und in politicis ein Trottel

Aussagekräftiger sind schon die von André Müller sen. notierten „Gespräche mit Hacks“ (GmH; Berlin 2008). 1972 gilt Hacks Thomas Mann als „der beste Romanschriftsteller“ Deutschlands. 1975 diagnostiziert er einen Höhepunkt der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts um 1919 bei Thomas Mann und Shaw. 1919, das ist bei Thomas Mann das Jahr von „Herr und Hund“; wie gesagt, manchmal ist Hacks bizarr. 1975 greift Günter Kunert Mann als oberflächlichen Causeur an; Hacks reitet daraufhin eine seiner Attacken: „Ich werde jetzt ganz intim. Wenn ich Kunerts Romane geschrieben hätte, würde ich mit meinem Urteil über Thomas Mann zurückhaltender sein.“

Drollig ist, wie Hacks ab 1978 mehrfach Thomas Manns Antikommunismus unerträglich findet und darauf reflektiert, wie man ein großer Künstler und gleichzeitig in politicis ein Trottel sein könne; eine Fragestellung, die klüger angelegt gewesen wäre, hätte sie berücksichtigt, dass nicht nur Manns Meinungen gegen den Kommunismus zweifelhaft waren, sondern auch die für ihn. 1979 leitet Hacks von Mann das Genre des „dramatischen Romans“ her, das er auf „Am Rubikon“ von André Müller sen. anwendet. Erst 1997 stoßen wir wieder auf Mann (GmH 387 f.), dort behandelt Müller sen. Hacks' Theorie der Liebe, wie er sie im Stück „Genovefa“ findet. Hacks antwortet: „Liebe und Verachtung. - Ich habe in meinem Thomas-Mann-Referat die Behauptung aufgestellt, daß Liebe und Bewunderung einander ausschlössen und daß folglich Liebe auf Verachtung sich gründen müsse. Ich habe mich wohl nicht stark geändert.“

Wer bleibt ungeliebt?

Vielleicht hatte er doch: Rund fünfzig Jahre später will Hacks 1948 gesagt haben, dass Liebe auf Verachtung sich gründen müsse, so wie er es in der „Genovefa“ von 1998 tatsächlich sagt. Hacks aber erinnert falsch. Sein Referat wurde nicht in die Werkausgabe aufgenommen, es findet sich jedoch in „Sinn und Form“, und zwar im Sonderheft zu Thomas Mann von 1965 (SuF). Hier setzt Hacks, aus „Lotte in Weimar“ folgernd, Ironie und Liebe zueinander in sehr feinsinnige Beziehung: „Ironie ist nicht Spott, das Finden von Schwächen kein Akt der Lieblosigkeit; ganz umgekehrt können Abneigungen und Mitleid, Verachtung und Liebe in innig-hintergründigem Zusammenhange gepaart sein. Liebe ist ja letzten Endes freudiges Anerkennen von Unvollkommenheiten, freiwillige Unterwerfung - und freiwillig kann man sich nur Geringerem unterwerfen. Hohes, Glanzvolles, Überragendes nötigt uns Unterwerfung ab; das ergibt dann Respekt und Bewunderung, aber sicher nicht Liebe.“

Diese These ist dubios: Wenn man nur Geringere lieben könnte, dann bliebe den Geringeren nichts zu lieben übrig, es blieben ihnen nur Respekt und Bewunderung. Die überragenden blieben ungeliebt.

Ein Denk-Programm zu Hacks' gesamtem Dichterleben

Nimmt man der These, die so wirkt, als habe Hacks sich für eine Eigenart seines Wesens eine Philosophie zurechtlegen wollen, die Spitze, dann erhält man, was Hegelianer wohl die „Dialektik der Liebe“ nennen würden. Aber dass, wie der halbwüchsige Klassikerlehrling sagt, „Verachtung und Liebe in innig-hintergründigem Zusammenhange gepaart“ sind, bedeutet jedenfalls noch lange nicht, dass „Liebe auf Verachtung sich gründen müsse“, wie es der greise Dichter fünfzig Jahre später gesagt haben will. Und so findet sich denn im Text von 1948 auch, direkt im Anschluss an die zitierte Stelle, dies: „Liebe heißt: miteinander schwach sein, und die Ironie dient zur Lampe, die Liebens-Würdigkeit jedes Geschöpfes aufzuhellen.“

Der frühe Hacks ist in dieser Sache schon der ganze Hacks, der späte Hacks dagegen nur noch der halbe. Thomas Mann aber durchschaut in seinem Brief vom 6. Februar 1949 den ganzen Hacks im frühen Hacks sofort. Nach einigen unbedeutenden Freundlichkeiten sagt er: „Manches ist ein bißchen über-formuliert und dadurch verdunkelt“ - wer Hacks liest, kennt das. Weiter schreibt Hacks: „Aber ein lebhafter Wille zu kritischer Erkenntnis, ja zur ,Kühnheit im Schicklichen' ist da, und vieles, was in dem Roman halb vexatorisch und mit der Neigung sich zu entziehen herumschwebt, ist mit großer Entschiedenheit festgehalten, um nicht zu sagen: festgenagelt; - wodurch es dann freilich immer etwas verliert, aber, unterm Gesichtspunkt der Tapferkeit, auch wieder gewinnt.“

Überhaupt liest sich die Stil-Studie zu „Lotte in Weimar“ heute wie ein Denk-Programm zu Hacks' gesamtem Dichterleben.

Die Brecht-Periode war nur eine Unterbrechung

Es ist in gewisser Weise das Ur-Ei des Hacksschen Werkes, in dem viele wesentliche Momente späterer Auseinandersetzung und vor allem: viele später gänzlich neu scheinende Ergebnisse bereits vorhanden sind und unvermittelt nebeneinander liegen. Der Essay liest sich wie eine Quintessenz im Anfang: „Bei Mann aber ist es der Stil der restlosen Beherrschung des Ausdrückbaren, der Stil der endgültigen Ausgewogenheit und progressiven Bewegung; der Stil der modernen Klassik.“

Noch sind für Hacks Moderne und Klassik zusammen denkbar, und ist Klassik schon etwas, was in der Gegenwart stattfinden kann. Er wird sich etwa 1951 für Brecht entscheiden und der Moderne annähern, es liegt aber auf der Hand, warum er nie eine vorbehaltlose Beziehung zu Brecht haben konnte, so tief wie sein Denken von Anfang an im Erbe der Klassik wurzelte. Wenn Hacks zu Beginn der sechziger Jahre endgültig zum Klassiker wird, dann erscheint das, wenn man diesen ersten Essay bedenkt, nicht mehr als Wende zu etwas völlig Neuem, sondern als Wiederaufnahme von etwas, das von der Brecht-Periode nur unterbrochen worden war, als die Rückkehr zu einem Ursprung: „zurück zu ,Kühnheit im Schicklichen'. Es ist dies ein Bekenntnis zu maßvoller Verhaltenheit und skeptischer Stille, zu willkommener Einschränkung und Freiheit der Entsagung; darüber hinaus eine Verpflichtung zum faßbaren Wirklichen gegenüber der Verlockung durch fragwürdig sich anbiedernde Verschwommenheiten. Kunst ist erst erlaubt nach ordnendem Eingriff des Verstandes; Unbeständiges wird durch Benennung gebändigt, weil Name Macht ist.“ (SuF 245)

Eine produktive Nähe

Hacks ist mit knapp zwanzig Jahren unterwegs auf der Via antiqua, die er nicht mehr verlassen wird; der Realismus ist schon im Beginn ganz fertig. Seine Begrifflichkeit und seine Methode sind unmarxistisch, und tatsächlich weisen seine Leselisten und Literaturverzeichnisse aus, dass Hacks bis 1951 für einen Akademiker seiner Zeit und Lage erstaunlich wenig marxistische Autoren rezipiert. Sein vagabundierendes Frühwerk ist geprägt von einem Systempluralismus, der zum Teil der allgemeinen Methodenunsicherheit nach dem Kriege geschuldet ist, aber in dem Nebeneinander von metaphysisch-zentristischer Weltanschauung, mit der Konsequenz einer autokratischen Perspektive, und kritisch-relativistischer Weltanschauung, mit der Konsequenz einer demokratischen Perspektive, seine vornehmste Ursache hat. Weite Teile seines Weltbildes hatte Hacks abschließend erworben, bevor er mit dem Studium des Marxismus überhaupt begann, und es waren, wie sich nach dem Wegfall der kritisch-relativistischen Position, die er mit Brecht ablegte, zeigen sollte, die zentralen und beständigsten Teile.

Anekdotisches, Bezüge auf Mann, Aspekte der Entwicklung des Weltbildes - das alles spricht für eine produktive Nähe von Hacks zu Thomas Mann. Aber der Ort, an dem ein Einfluss auf einen Dichter seine Wirkung tut, ist das Werk. Kann ein Einfluss von Thomas Mann auf das Werk von Peter Hacks nachgewiesen werden?

Meditationen zu der Frage, ob der große Mann ein öffentliches Unglück sei

Auch wer sonst mit beiden Dichtern wenig vertraut ist, würde wohl mit der auffälligen Parallelität von Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ und Hacks' Monodrama „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ zu argumentieren versuchen. Beide Werke stellen Goethe durch die Vermittlung von Weimarer Personen vor. Beide Hauptfiguren heißen Charlotte. Beide Frauen sehen sich mit Goethe „in Verlobtheit“. Beide Werke bedienen sich des Liebesverrats als Zentralmotiv, beide sind außerordentlich handlungsarm und in weiten Teilen offensichtlich Selbstanalysen.

Beide Werke sind Meditationen zu der Frage, ob der große Mann ein öffentliches Unglück sei. Dies Problem ist kein abseitiges, das etwa nur die Genies Mann und Hacks beträfe; vielmehr zielt es auf das Verhältnis von Leistung und Demokratie, also von Privileg und Partizipation, und stellt ein zentrales Problem für jedes denkbare Staatsgebilde dar.

Beide Werke konkretisieren die Frage nach dem Genie in der Frage nach dem Zugang zum Genie: Die Mittleren nehmen teil an der Absetzung von den Übrigen, ohne notwendig anders als die Übrigen zu sein. Die Teilhabe am Privileg endet in beiden Werken unglücklich, die naive Lottes ebenso wie die manipulative der Frau von Stein. Nicht nur ist Goethe in beiden Werken zugleich Weimar, was die für die Klassik konstituierende Frage nach dem Staat aufwirft, sondern er hat seine Macht auf eine seltsame Weise, und wie bei der Macht des Staates das Verhältnis von Konsens und Legitimität verwickelt ist, so beim Genie selbst das Verhältnis von Arbeit und Gnade.

Geschlossen wegen Todesfalls

Das zentrale Bindeglied zwischen beiden Werken aber findet sich in Thomas Manns Brief an Hacks vom 6. Februar 1949: „Dieses Schlussgespräch“ (Mann meint den Moment des neunten Kapitels, wenn Lotte in Goethes Landauer nach dem Theaterbesuch nach Weimar gefahren wird) „- es kommt bei Ihnen nicht heraus, daß es irreal, durchaus Geisterbegegnung ist.“ (SuF 239) Hacks hatte in seinem Essay tatsächlich das Zusammentreffen zwischen Goethe und Lotte für real gehalten und als inneren Höhepunkt (SuF 241) bezeichnet. Nun musste er lernen, dass das Treffen von Lotte nur imaginiert wird. Es ist: Ein Gespräch mit dem abwesenden Herrn von Goethe.

Der Indizien sind viele, und sie verdichten sich. Mann zitiert in jenem Brief an Hacks aus Goethes „Zahmen Xenien“: „,Wohl kamst du durch; so ging es allenfalls. -' / Mach's einer nach und breche nicht den Hals!“ Die folgende Zeile beginnt Thomas Mann mit einem Ausruf: „Eine Grabschrift!“

Unter den Couplets, die aus der letzten Schaffensphase von Hacks stammen, findet sich ein Zweizeiler (HW 1, 328): „Nur fort so, einmal brichst du dir den Hals! / Dann schreibt: Geschlossen wegen Todesfalls.“ Es klingt nicht nur wie eine Antwort, es ist auch überschrieben mit: „Grabschrift“.

Genies lernen nicht, sie wachsen

Die frühe Prägung von Peter Hacks durch Thomas Mann wirft ein neues Licht auf Hacks' 1955 getroffene Entscheidung für den Sozialismus und für die DDR, die eine Entscheidung aus konservativer Grundhaltung gewesen sein könnte. In der DDR meinte Hacks, das Nebeneinander zweier verschiedener Systeme der Produktion vorzufinden, des bürgerlichen und des kollektivistischen, und sein Zentrismus, der sich in der Machtfrage gegen eine Alleinherrschaft des Bürgertums, damit aber noch lange nicht für eine Alleinherrschaft des Proletariats positionierte, schuf nach 1961 eine ganz eigene Staatstheorie, die in der Staatsführung der DDR einen Absolutismus als dritte Kraft zu finden glaubte, die geeignet sein sollte, die Antagonismen der Klassen und Systeme produktiv aufzuheben. Die DDR blieb Hacks bis zuletzt ein Staat, der dem Konsul Buddenbrook und dem Carl Smolt gleichermaßen hätte gefallen können müssen.

Hacks mag von Brecht sehr wohl dies oder jenes Handwerkliche gelernt haben und war in diesem faden Sinne also ein Brecht-Schüler. Aber Genies lernen nicht, zumindest nichts, was ihnen wesentlich ist; Genies wachsen. Ob Peter Hacks von Mann gelernt hat, ist fraglich. An Thomas Mann aber ist Hacks gewachsen.

Der Autor arbeitete von 1997 bis 2003 als freier Adlatus für Peter Hacks. Seit 2007 ist er Herausgeber des Journals „ARGOS. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt von Peter Hacks“ und verantwortet unter www.peter-hacks.de die zentrale Seite zum Dichter im Internet. Derzeit bereitet er die Biographie „Der junge Hacks (1928-1961)“ vor.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/Pisarek

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