Literatur

Ulrich Plenzdorf ist tot

Von Sabine Brandt

Ulrich Plenzdorf, 1934 - 2007

Ulrich Plenzdorf, 1934 - 2007

09. August 2007 Wir haben den Schriftsteller Ulrich Plenzdorf immer als jung empfunden. Er hat sich in jenen Zeiten, da wir ihn als schreibenden DDR-Bürger kannten, seinen Lesern vor allem als Stimme der Jugend ins Gedächtnis geprägt, als Sprecher jener Generation, die in Deutschlands Osten aufwuchs und nicht gefragt wurde, ob ihr die Daseinsbedingungen dort gefielen oder nicht.

Als Plenzdorf sich 1972 in dieser Sache zum ersten Mal äußerte, war er achtunddreißig Jahre alt. „Die neuen Leiden des jungen W.“ heißt das Stück, das in Ost wie West seinen Ruf begründete. Es erschien zunächst in Ost-Berlins Kulturzeitschrift „Sinn und Form“, ein Jahr später in beiden Teilen Deutschlands als Buch, das sich mehr als vier Millionen Mal verkaufte und in dreißig Sprachen übersetzt wurde. Jeder Schüler kennt es. Plenzdorfs Held, der siebzehnjährige Edgar Wibeau, flüchtet vor der sozialistischen Realität in eine Wohnlaube, sucht dort auf allerlei Weise den Sinn seines Lebens und stirbt bei technischen Versuchen einen Unfalltod.

Sturm und Drang

Ulrich Plenzdorf im Jahr 1974

Ulrich Plenzdorf im Jahr 1974

Man kann sich heute noch wundern, dass die DDR-Zensoren eine Veröffentlichung überhaupt erlaubten; aber damals schien eine neue Zeit angebrochen. Honecker hatte Ulbricht abgelöst und in seiner Parteitagsrede von 1971 versprochen, es werde, „wenn man von festen Positionen des Sozialismus ausgeht, auf dem Gebiet von Literatur und Kunst keine Tabus geben“. So wurde der Sturm und Drang von Plenzdorfs raffinierter Goethe-Adaption geduldet. Aber schon 1973, als die Buchausgabe der „Neuen Leiden“ erschien, mahnte Honecker, man dürfe nicht versuchen, „eigene Leiden der Gesellschaft zu oktroyieren“.

Und wie nicht anders zu erwarten, hing die Zensurramme der SED weiter über Plenzdorfs Schaffen. So zum Beispiel über der Erzählung „kein runter, kein fern“. Der Autor lässt hier einen Ost-Berliner Jungen reden, dessen Mutter in den Westen flüchtete und dessen Vater, ein ideologiefrommer DDR-Bürger, den Sohn erbarmungslos drillt. Er darf nicht auf die Straße, nicht vor den Fernseher, er darf gar nichts. Das Kerlchen reißt aus, weil, so wird gemunkelt, auf dem von Osten her sichtbaren Dach des Springer-Verlagshauses die „Rolling Stones“ auftreten würden. Er gerät in die Demonstrationen zum zwanzigsten Jahrestag der DDR und wird als Störer zusammengeprügelt. Die Geschichte erschien nur im Westen.

Glänzende Beiträge zum deutschen Filmschaffen

Aber nicht nur als Buchautor hat Plenzdorf sich in die deutsche Kulturgeschichte eingeschrieben. Mehr als ein Jahrzehnt vor seinem Start als Schriftsteller absolvierte er ein Studium an der Filmhochschule Babelsberg, und er hat in der Folgezeit eine Reihe glänzender Beiträge zum deutschen Filmschaffen geleistet - nicht nur zu dem der DDR, auch wenn, wie nicht anders möglich, im Ost-Staat das Zentrum seiner Arbeit lag. Unter den Filmen, die in der Bundesrepublik entstanden, waren zum Beispiel „Der König und sein Narr“ nach dem Roman von Martin Stade, „Ein fliehendes Pferd“ nach der Novelle von Martin Walser, „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ nach Erich Loests Roman, „Der Fall Ö.“ nach Franz Fühmanns Erzählung „König Ödipus“.

Vollends machten ihn seine Filmdrehbücher zu einer gesamtdeutschen Erscheinung, etwa für „Liebling Kreuzberg“ als Ersatz für Jurek Becker, „Abgehauen“ von Frank Beyer, die Fallada-Bearbeitung „Der Trinker“ und den Fernsehdreiteiler „Der Laden“. Den nachhaltigsten Eindruck aber machte schon 1973 die Plenzdorf-Verfilmung „Die Legende von Paul und Paula“, die Geschichte zweier Liebender, die ihre pflichtgetränkte Wirklichkeit verlassen. Das Glück zerbirst, als Paula während der Geburt von Pauls Kind stirbt.

Ein politisches Drama

Eine Gefühlstragödie? Gewiss, aber nicht nur. Es ist auch, und das in hohem Maße, ein politisches Drama. Denn obwohl die Empfindungen im Vordergrund stehen, kann niemand darüber hinwegsehen, dass es hier ganz wesentlich um die Rechte menschlicher Gefühle, ja des Menschentums überhaupt gegenüber staatlichen Ansprüchen auf Meinen und Handeln der Untertanen geht. War Ulrich Plenzdorf ein politischer Autor? Er konnte gar nichts anderes sein, wenn er in einer bis ins Letzte politisch bestimmten Welt seine Stimme erheben wollte. Das Politische war keine Zutat zur Kunst. Hätte die Faust der SED nicht ihn, wie alle seine Kollegen, ständig im Genick gepackt, er hätte wohl einfach seine Sache gemacht, seine Geschichten erzählt, seine Meinung kundgetan, mal im Buch, mal im Film, hin und wieder auch auf der Bühne. Er teilte ja eigentlich nie etwas mit, was von sich aus extrem sensationell gewesen wäre. Das wurde es immer erst, weil sein Staat auch in der privaten Äußerung, ja gerade in ihr eine Rebellion witterte.

Einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR

Einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR

Auf eine gewisse umständliche Art, in der das Leben eben oft verläuft, hat aber gerade diese staatliche Anmaßung dazu beigetragen, dass der Künstler Plenzdorf der Welt sich und seine Begabungen offenbaren konnte. Denn die bestanden nicht nur darin, dass er sich in seinen Metiers auskannte und interessante, anrührende Leistungen ablieferte. Zu seinen Erfolgen trug maßgeblich bei, dass er niemals einknickte, egal, was sich ihm in den Weg stellte. Er hatte sich seine eigenen Wahrheiten erobert, und denen blieb er treu. Das allein würde genügen, um seiner mit Respekt zu gedenken. Am Donnerstagmorgen ist Ulrich Plenzdorf im Alter von zweiundsiebzig Jahren in einer Klinik bei Berlin gestorben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Henschel Theater-Archiv, ddp, Linke/FilmmuseumPotsdam/Cinetext, picture-alliance / dpa/dpaweb

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