Interview: Roberto Saviano

„Deutschland lässt die Mafia gewähren“

“Ich freue mich, von den Mafiabossen zu hören“: Robert Saviano

"Ich freue mich, von den Mafiabossen zu hören": Robert Saviano

14. September 2007 Roberto Savianos Erfolgsbuch über die neapolitanische Mafia, „Gomorrha“, kommt jetzt nach Deutschland. Die ehrenwerte Gesellschaft ist schon lange da. Ein Gespräch mit dem bestbewachten italienischen Autor über das neue organisierte Verbrechen, die Vorfälle in Duisburg und die Wahrheit der Mafia-Filme.

Seit Ihr Buch „Gomorrha“ in Italien erschienen ist, können Sie keinen Schritt mehr ohne Leibwächter tun. Wie lebt man da?

Man lebt nicht. Wenn ich meine Wohnung verlasse, steige ich in ein gepanzertes Auto. Wenn ich unter Leute gehe, sind meine beiden Leibwächter bei mir. Das geht jetzt ein Jahr so. Ich werde rund um die Uhr bewacht und kontrolliert.

Haben Sie Angst vor dem Unbekannten, der in der Dunkelheit auf Sie lauert?

Im Gegenteil. Ich freue mich, von den Mafiabossen zu hören. Sie schreiben mir Postkarten mit Drohungen und Beschimpfungen. Wenn ich in Italien öffentlich auftrete, sehe ich immer viele Mitglieder der Camorra im Publikum. Und Camorra-Anwälte, die herausfinden wollen, was eigentlich los ist, was passiert ist, warum sie die Wahrheit über ihre Klienten nicht mehr unter dem Deckel halten können.

Wie erkennt man diese Leute?

Sie wirken ausgeglichener als ich (lacht). Nein, es sind ganz normale Menschen, Anwälte, Angestellte, Unternehmer, Leute wie Sie und ich. Manche erkenne ich, weil ich sie von meiner Recherche her kenne. Als ich vor kurzem in einem Restaurant in Tarent war, hatte ich mich kaum an den Tisch gesetzt, als ich schon von Dutzenden von Kriminellen aus dem Viertel umringt war. Sie waren gekommen, um mich zu sehen, aus Neugier. Sie wollten wissen, wie ich es geschafft habe, alle diese Dinge herauszufinden.

Hat sich die Mafia verbürgerlicht?

Absolut. Viele jüngere Bosse der Camorra sind Söhne von Unternehmern. Sie haben den Weg des organisierten Verbrechens gewählt, weil es der Weg des erfolgreichen Unternehmertums ist. Ob sie mit Kokain handeln oder Baustoffen, ist ihnen egal. Nur auf der niedrigsten Befehlsebene, bei den Killern, Geldeintreibern, Handlangern, besteht das Personal noch aus kleinen Leuten.

Also hat sich die alte Mischung aus Aristokratie und Proletariat, die man in den Mafia-Filmen von Francesco Rosi oder Francis Coppola sieht, erledigt.

Stattdessen kann man heute von einer Kriminalbourgeoisie sprechen. Nur die billigen Arbeitssklaven, die für diese Leute schuften müssen, kommen noch aus dem einfachen Volk. Einer der Camorra-Bosse von Mondragone ist Psychoanalytiker, ein Experte für Freud und Lacan. Er hat sechzig Leute auf dem Gewissen. Um die Ausbreitung von Aids in seiner Gegend zu stoppen, hat er eine Todesliste mit HIV-Infizierten zusammengestellt. Sie wurden alle umgebracht.

Was ist Ihrer Meinung nach in Duisburg passiert? Ein Machtkampf zwischen verschiedenen Clans?

Mein erster Eindruck war: Diese Leute haben einen Fehler gemacht. Deutschland hat geschlafen, sie haben es aufgeweckt. Aber vielleicht haben sie das auch einkalkuliert. Was mich an der Sache interessiert, ist eine Mitteilung, die von den deutschen Ermittlungsbehörden kam: dass nämlich die Camorra schon am Tag nach den Morden bei den Bossen der 'Ndrangheta von San Luca nachgefragt hat, warum diese Dummheit passiert ist. „Das hier ist unser Territorium, terra nostra!“

Was heißt „Territorium“ in diesem Fall?

Das bedeutet, dass es eine Basis ist, ein sicherer Hafen. Deutschland konzentriert sich auf den islamischen Terrorismus, es lässt die Mafia links liegen. Der Terrorismus spielt der Mafia in die Hände.

Wann hat die Ausbreitung der Mafia in Deutschland begonnen?

Nach dem Fall der Berliner Mauer. In Ostdeutschland gab es kaum Kontrollen, jeder konnte eine Firma gründen. Die erhofften Gründer aus Westdeutschland sind ausgeblieben, stattdessen kamen viele Ausländer, besonders Italiener. Es waren Neapolitaner, die die Westwaren in den Osten importierten. Die erste italienische Baufirma, die in der Ex-DDR tätig wurde, war die Alba Nova s.r.l., ein Unternehmen der Camorra. Sie hatte schon Verbindungen zum alten Regime gehabt. Für die Mafia war Ostdeutschland das Einfallstor nach Osteuropa. Ein Mafiaboss, der kürzlich in Polen verhaftet wurde, hatte rumänische Hotels aufgekauft. Ein anderer, den sie in Frankfurt geschnappt haben, war in Rümanien in mehreren Geschäftszweigen tätig. Eine der wichtigsten Anti-Mafia-Aktionen in Italien führte nach Chemnitz, wo der Hauptverdächtige untergetaucht war. Er besaß dort ein Kleidergeschäft.

Die Deutschen sehen sich gern als ehrlich und fleißig. Die Mafia verkörpert das Gegenteil. Wieso konnte sie bei uns dennoch Fuß fassen?

Ein deutscher Unternehmer zahlt kein Schutzgeld, das ist klar. Aber auch die deutschen Firmen haben nichts gegen Investoren. Solange sie nicht zu wissen brauchen, woher das Geld stammt, nehmen sie es gern. Ein Beispiel: In Deutschland ist Kokain billig, der Markt ist vor ein paar Jahren zusammengebrochen. Warum ist es so billig? Weil Deutschland nach Spanien das zweitwichtigste europäische Einfuhrland für Kokain ist. Die Droge wird in Rostock angelandet. Bei Inspektionen kann man sie nicht entdecken, weil man sonst das Schiff auseinandernehmen müsste. Das Kokain ist in Zwischenwände eingeschweißt, das Schiff wird verschrottet und die Ware entnommen. Es gibt viele ganz legale deutsche Firmen, in denen das Geld aus dem Drogenhandel gewaschen wird.

Soll man die Mafia mit den Islamisten gesetzlich gleichstellen?

Auf der Ebene der Wirtschaftskriminalität und des Drogenhandels, ja. Das wäre eine Lektion aus dem Blutbad von Duisburg. Leider ist das Interesse an den Hintergründen der Tat schnell wieder abgeflaut. Es gibt hier eine gewisse Neigung, die Sache beiseite zu schieben, sie den Italienern zu überlassen. Dabei hat das Problem längst eine europäische Dimension. Wenn man es nicht anpackt, wird es noch größer werden.

Ihr Buch handelt auch von den Posen und Kino-Vorbildern der Verbrecherkartelle aus Neapel. Warum ist gerade Brian De Palmas Film „Scarface“ bei der Camorra so beliebt?

Weil das Verbrechen in ihm am stärksten leuchtet. Es gibt keinen Film, der so genau die Konstruktion des Ichs in der Mafia zeigt. Es ist eine Konstruktion zum Ende, zum Tod hin. Tony Montana weiß, dass er sterben wird, aber vorher zerstört er alles um sich herum, selbst seine Familie. Das Kokain macht ihn verrückt. Das lieben die Camorra-Jungs. „Scarface“ ist ihre Ilias, das Epos ihres Lebens. Diese absolute Gier nach Häusern, Frauen, Geld, Macht: „Ich nehme mir die Welt und alles, was dazugehört.“ Das Vorbild für den Helden in dem alten, schwarzweißen „Scarface“-Film von Howard Hawks war Al Capone, ein Neapolitaner. Also gibt es auch eine Verbindung nach Italien, obwohl der Held bei De Palma Kubaner ist.

Und andere Mafiafilme wie „Der Pate“, „Good Fellas“ oder „Casino“?

Auch die mögen sie. Was sie nicht mögen, sind Filme wie „Carlito's Way“, in denen der Held die Mafia verlassen will.

Diese Heldenverehrung ist die Umkehrung der Moral, die die Filme selbst formulieren.

Die Bilder sind stärker als die Moral. Die Gesten, die Kleider, das Gehabe wirken direkter als die Dialoge. Deshalb sind auch die Filme von Quentin Tarantino, „Pulp Fiction“ oder „Kill Bill“, in denen es vor allem um Stil und Posen geht, bei der Camorra so beliebt. Sie zeigen, dass es cool ist, als Killer zu leben. Die Faszination, die von der Mafia ausgeht, ist auch ein Produkt des Kinos. Es gibt dem Verbrechen eine Grammatik, eine Form. Der Camorra-Boss Cosimo di Lauro, der in meinem Buch eine zentrale Rolle spielt, zieht sich an wie Brandon Lee in dem Fantasy-Thriller „The Crow“. Als er vor Gericht geführt wurde, riefen die Jungen an der Straße: „The Crow! The Crow!“

Wird auch Ihr Buch zur Vorlage für einen Film?

Ja, es gibt ein Filmprojekt von Matteo Garrone, einem Regisseur, der in Italien ziemlich erfolgreich ist.

Wer spielt den Helden, also Sie?

Es gibt keinen Helden. Es gibt ein paar Haupt- und sehr viele Nebenrollen. Die werden alle von Camorristi gespielt (lacht).

Warum hat die Faszination des Verbrechens bei Ihnen eigentlich nicht gewirkt?

Mich hat von Anfang an die Mechanik der Mafia interessiert. Wie sie funktioniert, was sie mit den Menschen macht. Das hat mich davor bewahrt, auf ihre Versprechungen hereinzufallen.

Das Gespräch führte Andreas Kilb.



Text: F.A.Z., 14.09.2007, Nr. 214 / Seite 44
Bildmaterial: F.A.Z. - Christian Thiel

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben