Interview mit Autorin Katja Lange-Müller

Wie wahr muss Literatur sein?

28. August 2007 In „Böse Schafe“ flieht eine Ost-Berlinerin Mitte der Achtziger in den Westteil der Stadt und verliebt sich. Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller über ihren neuen Roman, der von einem Junkie erzählt und von einem Ort, den es nicht mehr gibt.

Ihr neuer Roman handelt von einer Frau und ihrer großen Liebe, die unglücklicherweise einem Junkie gilt. Er ist in der zweiten Person geschrieben, an den Geliebten gerichtet, der jedoch schon lange tot ist. Wie kamen Sie auf die Form?

Ich habe viel ausprobiert, wie ich es schreiben kann, und am Anfang hatte ich diese Form, erst mal nur für mich. Und dann hab' ich alles Mögliche versucht und gemerkt, dass ich das, was ich schreiben muss, in dieser Form am besten schreiben kann.

Ist das so beim Schreiben - wenn man erst mal den richtigen Tonfall hat, dann fließt es?

Jaja, klar. Ich habe mich gefragt, wie ich diese Intimitäten, um die es da geht, plausibel machen kann, und ich hab' mir gedacht, so eine Art Suada, ein langer Monolog, wäre passend. Ja, und irgendwann wollte ich dann dieses Du, weil es eben die intimste Form der Anrede ist und gleichzeitig den Leser ein bisschen zum Angesprochenen macht.

„Du“ - die zweite Person: eine mutige Erzählhaltung. Besteht da nicht Gefahr, dass es kitschig wird?

Dieser Gefahr war ich mir bewusst, und manchmal wird es schon sehr emotional, mit Binnenmetaphern und Details, die zeigen, dass es um einerseits intelligente, andererseits aber doch plebejische Figuren geht. So eine Figur ist auch Soja, die eine der beiden Hauptfiguren. Die hat Abitur, die fühlt sich zu Höherem berufen. Irgendwann nicht mehr, irgendwann ist das durch mit dem Höheren. Und natürlich glaubte sie auch, diesem Problem gewachsen zu sein.

Sie wusste ja auch lange Zeit gar nicht, mit was für einem Problem sie es zu tun hat.

Na, sie kommt ja aus dem Osten. Und das war für die aus dem Osten das Einzige, was sie überhaupt nicht auf der Rechnung hatten.

Drogen.

Ich kenne viele Frauen, deren Kinder in dieses Milieu abgeglitten sind und die unglaublich sauer auf sich selber waren, weil sie mit allem gerechnet hatten, mit Arbeitslosigkeit und sonst was, nur an Drogen hatten sie nicht gedacht. Das war so jenseits ihrer Erfahrung, dass sie darauf gar nicht kamen. Und mir ging es eigentlich genauso. Ich hab' ja in der Psychiatrie gearbeitet, in beiden Berlins - Sucht, Alkoholiker, Tablettenabhängige, das gab es auch in der Ost-Psychiatrie. Aber diese Hardcore-Drogis, die gab's da nicht.

Ihr Buch liest sich so wahr, dass ich kaum umhinkomme zu fragen, was ich auf keinen Fall fragen will.

Es ist nicht autobiographisch, das ist nicht meine Geschichte. Aber ich glaube, die Frage kann man schon stellen. Der erste Junkie, den ich getroffen habe, da hab' ich gedacht, was ist denn das? - Wenn man sich diese Begegnung zu Ende ausmalt, wenn man eine Phantasie davon entwickelt, wie wäre das wohl ...

Das war die Inspiration zu diesem Buch - Ihre erste Begegnung mit einem Junkie?

Ich habe auch die Frauen und Mütter, die Freundinnen, die Schwestern und die Geliebten von Abhängigen erlebt, das ging mir eigentlich viel näher als diese relativ coolen und emotionslosen Junkies.

Es gibt viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Soja und Ihnen. Beide sind ungefähr gleich alt. Beide aus der DDR, ein paar Jahre vor dem Mauerfall nach West-Berlin gekommen. Beide haben Schriftsetzer gelernt und eine hohe SED-Parteifunktionärin zur Mutter ...

Klar, diese Momente wollte ich mit hineinbringen ... Das ist eine Sache, die beim Schreiben extrem wichtig ist. Man kann sehr viel recherchieren und wird der Geschichte dennoch kein Leben einhauchen, wenn man von Dingen schreibt, die durch die eigene Erfahrung nicht geerdet sind.

Kann man nur über das schreiben, was man kennt?

Nicht nur. Aber es wird meist sehr viel glaubwürdiger.

Zum ersten Rendezvous bringt Harry, der Junkie, Soja eine Clownspuppe mit, eine furchtbar kitschige, scheußliche Harlekinpuppe. Sie ist fassungslos. So etwas Hässliches hat sie noch nie gesehen. So etwas kann man sich doch gar nicht ausdenken.

Doch, doch. Diese Puppen waren mal mächtig Mode. Die sind irgendwie völlig verschwunden. Das ist ja auch komisch, dass dieses ganze West-Berlin, wie ich es beschreibe, ein dermaßen untergegangenes Vineta ist. All diese Zustände - in 'ne Kneipe gehen, mit einem Job wieder rauskommen - das waren paradiesische, um nicht zu sagen kommunistische Zustände letztlich. Aber mit diesen Harlekinpuppen, wie war das? Ich habe die auf dem Winterfeldtmarkt gesehen, da gab's so Stände, die hatten die. Und da hab' ich mal erlebt, wie zwei völlig bedröhnte Junkies sich so eine Puppe anguckten und ganz begeistert von der waren. Dieses Bild fiel mir beim Schreiben wieder ein.

Ihr Buch spielt in West-Berlin. Erst vor dem Mauerfall, dann fällt die Mauer. Reichte die Erinnerung, oder mussten Sie recherchieren?

Nee, Recherche war nicht viel nötig. Das war für mich das Schöne, ich hab' es richtig genossen, mich an das alte West-Berlin zu erinnern. Ich frage mich, warum außer Sven Regener kaum einer unter den West-Berliner Schriftstellern mit dem Reflex des Verlustes reagiert auf das, was nicht mehr da ist. Als ob da nichts verschwunden wäre! Und zwar viel schneller als die ehemalige DDR. Das gute alte West-Berlin gab es schon ein halbes Jahr nach dem Mauerfall nicht mehr. Das ist komplettemang weg. Selbst in Zehlendorf oder Dahlem. Gibt's nicht mehr.

Sie empfinden das als Verlust?

Schon, ja. Ich wollte ein Buch schreiben, das das alte West-Berlin als Folie hat. Diese kleinen improvisierten Cafés, diese schwäbischen Schupfnudelbratereien, dieses In-den-Tag-hinein-Leben, diese ewigen Studenten, die mit dem Taxi durch die Gegend kurvten oder Blumen verkauften . . . Und zu diesem alten West-Berlin, das wirklich das Dorado der Junkies war, wie Amsterdam, gehören diese Figuren, die Junkies. Die sind geradezu ein Wahrzeichen dieses West-Berlins gewesen.

Ihr eigenes Leben klingt eigentlich wie ausgedacht: Sie waren Hilfsschwester in der psychiatrischen Klinik, haben in Ulan-Bator in einer Teppichfabrik gearbeitet. Haben Sie je darüber geschrieben?

Nee. Das ist zu exotisch. Das interessiert mich auch nicht wirklich. Das wäre nur Oberfläche, das ist so komplex anders, ich bin keine Reiseschriftstellerin.

Haben Sie je etwas extra erlebt, sich einer Erfahrung ausgesetzt, um das nachher literarisch zu verwenden? Sich selbst für die Arbeit zur Verfügung gestellt?

Nee. Jedenfalls nicht vorsätzlich.

In der Musik heißt es, die wichtigsten Noten seien die, die nicht gespielt werden. Gilt das auch für Worte in der Literatur?

Auf jeden Fall.

Besteht Ihre Arbeit viel aus: wieder wegstreichen?

Das ist ein bisschen wie Häkeln. Ich streiche immer wieder sehr viel beim Schreiben. Und am Ende noch mal. Streichen ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Das hat vielleicht mit meiner Vergangenheit als Schriftsetzer zu tun. Ich war ja mal Handsetzer, ich habe mir hinterm Setzkasten die Beine in den Bauch gestanden und, weil das eine Scheißarbeit war, gegen Redundanzen, Wiederholungen, Weitschweifigkeit einen physischen Widerwillen entwickelt. Da kann ich nichts dafür. Sobald es allzu episch wird, verliere ich die Geduld. Es gibt, meine ich, so viel gute Literatur, dass jeder Schriftsteller versuchen sollte, das, was er zu sagen hat, so konzentriert wie möglich zu sagen. Weil der Leser ja nicht alle Zeit der Welt hat. Der will ja auch noch was anderes lesen als etwa Lange-Müller. Daher meine Skepsis gegen 800-Seiten-Romane, die das nicht rechtfertigen ... Ich meine, bei „Moby Dick“ möchte ich keine einzige Zeile missen, aber sonst ... Das verstimmt mich, Bücher, die mit Absicht, also einfach aus Eitelkeit dick sind, weil jemand den Leser nur mit sich beschäftigen will, sich von seinen Geschöpfen nicht trennen kann, die Suada nicht unter Kontrolle hat. Das regt mich alles furchtbar auf.

Schreiben Sie schnell und arbeiten anschließend daran herum? Oder langsam, Satz für Satz?

Langsam, sehr langsam. Dieser Prozess des ständigen Reduzierens immer wieder ... Es gibt ja diesen berühmten Satz von Marx, der an Engels schrieb: „Entschuldige bitte, dass mein Brief so lang geworden ist, ich hatte keine Zeit.“ Das ist schon ein toller Satz.

Haben Sie nach einem Buch Angst, dass Sie nie wieder eines schreiben werden, weil Sie nicht wissen, worüber?

Nee, die Angst hab' ich nicht. Doch ich brauch' Zeit dazwischen, um mich zu verändern. Da muss auch immer was passiert sein vor dem nächsten Buch.

Sie haben 1986 den Bachmannpreis bekommen. Sie waren als Letzte dran, und der Saal lachte schon, nachdem Sie den ersten Satz gelesen hatten. Sie haben mal gesagt, Sie glauben, Sie hätten den Preis deshalb bekommen.

Ich hab' die aufgeweckt, ja. Aber Lachen allein reicht ja nicht. Es kommt darauf an, an welcher Stelle es einem im Halse steckenbleibt. Doch ich glaube, dass inzwischen auch deutsche Literatur komisch und sogar unterhaltend sein darf. Auch deutsche Literatur darf den Leser amüsieren oder zu Tränen rühren, das ist alles möglich, und das finde ich richtig und gut.

Sie haben keine Angst vor drastischen Beschreibungen der Realität, auch was Sex, was Körper angeht, sind Sie nicht zimperlich.

Nee, wenn man schon über Sex schreibt, dann sollte man, meine ich, die Scheu auch überwinden. Und ich hab' halt so darüber geschrieben, wie ich es vermag. Das waren knifflige Stellen, muss ich schon sagen, also, die sind mir nicht leichtgefallen.

Sojas Selbstbeschreibungen sind ja nicht sehr begeistert, sondern eher skeptisch. Und ich glaube, sie erscheint auch dem Leser nicht als ausgemachte Schönheit. Das spielt sicherlich auch bei Ihrer Art, Sexuelles zu beschreiben, eine Rolle. Das ist ungewöhnlich für eine deutsche Schriftstellerin. Es ist so beiläufig. Normal. Manchmal erbärmlich normal. Sonst ist doch meist gleich von Lustgrotten und Zauberstäben die Rede, wenn Frauen über Sex schreiben.

Ja, furchtbar, schrecklich. Aber ich hab' an verschiedenen Stellen schon sehr überlegt, ob ich Schlüpfer oder Unterhose schreibe. Weil, zwischen Schlüpfer und Unterhose liegen Welten.

Das Interview führte Johanna Adorján.

Katja Lange-Müller: „Böse Schafe“. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 16,90 Euro. Erscheint am 27. August.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.2007, Nr. 34 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Christian Thiel, Kiepenheuer & Witsch

 
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