Von Peter Thomas
30. November 2001 Das Markenzeichen "Walt Disney" überragte längst den Menschen, als Walter Elias Disney 1966 im Alter von 65 Jahren starb. Die naiv-elegant geschwungene Unterschrift suggeriert bis heute die künstlerische Omnipräsenz des am 5. Dezember 1901 in Chicago geborenen Sohns eines Obstfarmers: Uncle Walt schimmert bis heute hinter all den Comics, Zeichentrickfilmen, Freizeitparks und bunten Merchandising-Artikeln durch, auf denen Mickey, Donald und Co. prangen.
Erst seit den 70-er Jahren hat diese Fiktion massive Risse bekommen. Geniale Zeichner wie Carl Barks, die jahrelang anonym (von den Fans wurde Barks immerhin als the good duck man erkannt) hinter dem Phantom des gottähnlichen Schöpfers Walt standen, wurden von den Comic-Lesern als individuelle Künstler erkannt.
Für die Comic-Sparte der Disney-Industrien erwies sich die Renaissance des großen Erzählers als ökonomischer Erfolg: Die Barks Library, Gesamtausgabe der Werke des geistigen Vaters von Figuren wie Scrooge McDuck (Onkel Dagobert), Gyro Gearloose (Daniel Düsentrieb) und Magica de Spell (Gundel Gaukeley) ist - auf deutsch bei Ehapa erschienen - zu einem Flaggschiff der Disney-Comics geworden.
Die Namenlosen
In ähnlicher Aufmachung wie die Barks-Alben erscheinen die Geschichten von Zeichnern wie Don Rosa (Schöpfer einer minutiös bei Barks recherchierten Comic-Biographie des ScroogeMcDuck, Sein Leben, seine Milliarden), William van Horn (Neue Abenteuer der Ducks) und seit Oktober 2001 auch Daan Jippes (Duck Stories). Aber auch in den Comic-Books wie der 50 Jahre alten Micky Maus oder den Lustigen Taschenbüchern haben die Geschichten mittlerweile einen Nachweis für Autor und Zeichner bekommen.
Barks war der Mann, der aus einer cholerischen Ente den liebenswerten Charakter Donald Duck mit seinen allzu menschlichen Zügen machte. Er wurde im gleichen Jahr wie Disney geboren und beendete in dessen Todesjahr 1966 seine Karriere als Zeichner bei Western Publishing. Barks starb im August 2000. Für die deutschen Entenhausen-Fans ist das Werk des Guten Zeichners nicht von seiner Übersetzerin zu trennen: Die 1907 geborene Dr. Erika Fuchs prägte seit dem Erscheinen der Micky Maus 1951 den einzigartigen Sprachstil der Barks-Comics, die in dem Heft abgedruckt wurde. Vielen Figuren verlieh sie neue Namen, spielte dabei mit Alliterationen und den etwas staubigeren grammatischen Formen deutscher Sprache (korrektes Präteritum zweiter Person singular, Konjunktiv).
Der Zauberer
Auch die im Vergleich zu Donald Duck blasse Maus in der roten Badehose entwickelte nicht Disney zum Weltstar, sondern sein Freund und Mitarbeiter Ub Iwerks. Trotzdem ist die internationale Faszination für den Mann, der sich selbst als König seiner populären Mythenwelt sah, verständlich. Der Farmerssohn, der als Kind vor der Schule Zeitungen austragen musste und um die Rechte an seiner ersten Trickfilm-Figur Oswald the Rabbit betrogen wurde, blieb seinem Traum treu. Gegen alle Widerstände baute er das Traumreich auf, dessen Fundamente auf einer Maus mit großen Ohren stehen.
1928 entdeckte Disney mit Steamboat Willie den Ton für das Genre des Zeichentrickfilm. Und mit seinem abendfüllenden Zeichtrickfilm Snow White demonstrierte er im Dezember 1937 den Besuchern amerikanischen Lichtspieltheater endgültig seine Kunst: Walter Elias Disney war der Mann, der das Orchester aus 750 Zeichnern, Tuschern und anderen Mitarbeitern dirigierte, das diesen Meilenstein der Zeichentrick-Kunst realisierte.
Vom Königreich in die Welt
Dann folgte das wirkliche Königreich des konservativen Hollywood-Moguls (eine Rolle, in die Disney letztlich die Abneigung gegen den Verleih seiner Filme durch die grossen Gesellschaften gedrängt hatte): In einer Epoche, in der die klassischen amerikanischen Vergnügungsparks schließen mussten, begannen 1952 die Bauarbeiten für Disneyland bei Los Angeles. Hier setzte sich Disney schon mal in glitzernden Cowboy-Stiefeln auf dem Kutschbock in Szene - die Eitelkeit dessen, der sich werbewirksam als Durchschnitts-Amerikaner präsentiert.
1971, erst nach dem Tod ihres Schöpfers, öffnete schließlich Disneys eigene Welt ihre Pforten: Walt Disney World in Florida, ein Fantasiereich, doppelt so gross wie Manhattan. Der kolossale Park ist vielleicht das größte Werk Disneys, der Pop-Architektur gewordene Traum eines Mannes, dessen Traumfabrik die Nation mit populären Mythen versorgte.
Mit "Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt" läuft am 6. Dezember 2001 bundesweit Disneys 41. abendfüllender Trickfilm in den Kinos an.
Text: @pths
Bildmaterial: dpa, Ehapa