17. Februar 2006 Stadt Land Fluß hieß der Roman, mit dem der Schriftsteller Christoph Peters bekannt wurde, ein Roman über die deutsche Provinz. In seinen Erzählungen schickte er seine Figuren dann hinaus in die Welt: nach Ghana, nach Israel oder nach Ägypten. Jetzt schreibt er an einem Roman über islamischen Fundamentalismus, der im Herbst erscheinen wird und wieder in Ägypten spielt. Wir besuchen Christoph Peters zu Hause in Berlin, in seiner Wohnung am Prenzlauer Berg. Auf seinem Schreibtisch liegen sieben verschiedene Übersetzungen des Korans. Es gibt japanischen grünen Tee.
F.A.Z.: Sie schreiben seit fast zehn Jahren an einem Roman über islamischen Fundamentalismus. Worum geht es genau?
Der Roman erzählt die Geschichte eines Deutschen, der Ende der achtziger Jahre zum Islam konvertiert und sich zu Beginn der Neunziger einer ägyptischen Terrororganisation anschließt. Er gehört zu einem Kommando, das den Luxor-Tempel zerstören und möglichst viele Besucher töten will. Der Plan wird aber verraten und der Anschlag durch einen massiven Militäreinsatz vereitelt. Die meisten der Kämpfer sterben, einige, darunter auch der Deutsche, werden festgenommen. An diesem Punkt kommt im Roman der deutsche Botschafter ins Spiel. Wenn ein deutscher Staatsbürger im Ausland inhaftiert wird, muß der Botschafter sich um ihn kümmern. Mein Botschafter stammt geistig aus der 68er-Bewegung, gehörte zum erweiterten Sympathisantenkreis der RAF, hat sich aber relativ früh von der Gewalt distanziert und den langen Marsch durch die Institutionen angetreten. Er ist Teil des Systems geworden, das er früher gehaßt hat.
Sie konfrontieren also einen islamistischen Terroristen mit einem Aufklärer?
Genau. Den Botschafter fasziniert dieser Mann, der bereit ist, für eine Idee nicht nur zu leben und zu sterben, sondern auch zu töten. Dadurch bricht in ihm wieder auf, was er selbst an Idealen hatte, und er ist mit der Frage konfrontiert, was im Laufe seiner Diplomatenkarriere davon übriggeblieben ist. Diplomatie basiert ja auf Kompromissen, es geht dort nicht um Wahrheit, sondern um Machbarkeit. Insofern ist ein Diplomat ja der personifizierte Kompromiß und damit das krasse Gegenbild zum Terroristen, der um jeden Preis das, was er glaubt, durchsetzen will. Es geht um die Begegnung dieser beiden Männer. Auf den Terroristen wartet die Todesstrafe, der Botschafter muß alles daransetzen, sie zu verhindern.
Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Ich schreibe schon seit 1997 an dem Roman. Damals war gerade der Deutsche Steven Smyrek in Tel Aviv festgenommen worden, weil man wußte, daß er ein Selbstmordattentat für die Hizbullah in Israel durchführen wollte. Er saß dort lange im Gefängnis, kam voriges Jahr im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei und wurde ausgewiesen. Zur Zeit darf er Deutschland nicht verlassen.
Sie haben ihn kennengelernt?
Nein, das nicht. Ich war 1993 und 1995 länger in Ägypten, also während der Hochzeit des islamistischen Terrors gegen Touristen. Der Terror war dort in allen Gesprächen präsent. Wo man hinkam, wurde über die Umgestaltung der arabischen Staaten in islamische Gesellschaften diskutiert. Das Religiöse hat mich schon immer interessiert. Zwischen fünfzehn und siebzehn war ich katholischer Fundamentalist. Dann habe ich eine ganze Zeit mit dem Linksextremismus sympathisiert, wobei mich auch da die Frage nach dem Religiösen nie losgelassen hat. Und als dann dieser Deutsche festgenommen wurde unter dem Vorwurf, einen islamistisch motivierten Terroranschlag in Israel zu verüben, habe ich gedacht: Das ist mein Thema.
Warum?
Was mich fasziniert, ist der Gedanke, daß etwas Geistiges eine derartige Kraft haben kann, daß es einen dahin bringt, sein Leben dafür zu opfern - und gegebenenfalls auch dafür zu töten. Uns geht eine derartige Unbedingtheit ja ab. Wir sind völlig ratlos, was wir denken und glauben sollen. Vor allem sollten die Folgen eines Glaubens oder Denkens nicht schmerzhaft sein. Gerade deshalb finde ich es interessant, sich Leute anzuschauen, die bereit sind, für eine Idee alles zu opfern, einschließlich des eigenen Lebens und des Lebens anderer.
Wenn allgemeine Ratlosigkeit herrscht, ist die große Idee natürlich verführerisch, aber auch einfach. Was suchen Sie, nach mehr Intensität?
Ich glaube, daß wir Menschen das dringende Verlangen nach etwas haben, das mehr ist als eine philosophische oder gesellschaftspolitische Meinung. Etwas, das uns von Grund auf eine Haltung gibt. Wir haben zwar zu allem eine Meinung, aber die wenigsten haben eine Haltung. Und mich hat es immer beeindruckt, Leute zu sehen oder über Leute zu lesen, denen ihr Glauben und ihr Denken in Fleisch und Blut übergegangen sind, die das nicht mehr als von ihrer Person Getrenntes betrachtet haben.
Die Frage ist nur, ob daraus ein Anspruch auf mehr Wahrheit erwächst. Daß man ganzheitlich für etwas Extremes einsteht, macht einen ja noch nicht zum besseren Menschen.
Natürlich nicht. Aber da sind wir schon wieder bei der Bewertung, und die Bewertung der Haltung würde ich persönlich erst einmal ganz weit wegschieben. Was mir in meinem Roman zunächst wichtig ist, ist, ansatzweise zu verstehen, wie diese Haltung funktioniert. Das ist viel schwieriger, als danach ein Urteil zu fällen. Das Urteil finde ich auch nicht wirklich interessant. Da sind wir dann wieder bei den Meinungen. Ich möchte eine Ahnung bekommen, wie ein Mensch funktioniert, der diese Glaubensgewißheit und Entschlossenheit hat.
Wie ist das, wenn man an so einem Roman schreibt und dabei gar keine Rückzugsmöglichkeiten hat, weil einen die Aktualität überrollt, weil es jeden Tag neue Schlagzeilen gibt?
Kurz nach dem 11. September, nach dem großen Schock, diese Bilder zu sehen, war mein kleiner, privater Schock die Frage: Was passiert jetzt mit meinem Roman? Vorher wäre es eine Geschichte über eine abseitige Hauptfigur gewesen, und auf einmal war meine Figur im Zentrum des Weltgeschehens. Das fand ich zunächst extrem unangenehm, weil dadurch natürlich alles das, was ich schreiben würde, in einem völlig anderen Kontext gelesen werden würde. Was ich eigentlich wollte, nämlich in die ganze Fragestellung eine größtmögliche Differenzierung und Empathie hineinbringen, vorbehaltlos mitgehen mit jemandem, der einen islamistischen Terroranschlag plant, um zu sehen, wie das psychologisch funktioniert - das wurde in dem Moment, wo die ganze Welt sich vom islamistischen Fundamentalismus bedroht sieht, natürlich noch viel schwieriger.
Haben Sie überlegt, ob Sie die Geschichte verwerfen?
Man kann keine Geschichten verwerfen. Die Geschichten sind da, die Figuren leben, man ist für sie verantwortlich. Aber ich habe natürlich angefangen, darüber nachzudenken, wie man diese Geschichte aufnehmen wird. Da wurde mir zum Teil angst und bange. Denn was ich in dem Roman versuche, ist, diesen islamistischen Terroristen so plausibel zu machen, das man als westeuropäischer Leser am Ende der Lektüre womöglich Zweifel an der Wahrheit der eigenen Position hat.
Sie wollen sagen, man könnte das Buch als proislamistisch verstehen?
Nicht wirklich. Es ist der Versuch, die islamistische Position argumentativ so aufzurüsten, daß wir als Westler unsere ganze Energie aufbringen müssen, um sie zu widerlegen. Solange wir dem Thema nur mit auswendig gelernten Phrasen begegnen, werden wir dem Ernst und der Kraft, die der Islamismus für einen beträchtlichen Teil der Menschheit offenkundig hat, nicht wirklich etwas entgegensetzen können. Und damit werden wir auch unser eigenes Potential nicht stärken. Der Islamismus ist ja eine massive Anfrage an uns und unsere Werte. Er zwingt uns, ob wir das wollen oder nicht, unser Verhältnis zu Religiosität, die Struktur unserer Gesellschaft, wieder neu zu definieren. Wir können uns einfach nicht auf dem, was wir irgendwann vor zweihundert Jahren in der Aufklärung erarbeitet haben, ausruhen und sagen, wir haben es ja schon. Ich glaube nicht, daß wir es haben.
Wohin führt das alles?
Im Idealfall dazu, daß, um mit Joseph Beuys zu sprechen, sich ein paar Leute an einen Tisch setzen und miteinander streiten. Im Moment, das sieht man am Karikaturenstreit, sind wir eher bei den Steinzeitreflexen angelangt: Knüppelschwingen und Brüllen. Wobei wir uns im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit auch vor Augen halten sollten, daß es noch nicht lange her ist, daß anläßlich von Filmen wie Die letzte Versuchung Christi oder Das Leben des Brian zumindest das ein oder andere Kino gebrannt hat. Das vergißt man immer so schnell.
Steven Smyrek wurde in Tel Aviv vom Mossad festgenommen. Spielt das Judentum eine Rolle?
Nein, ich versuche, das Judentum soweit wie möglich herauszuhalten. Ein Deutscher, der gegen Israel kämpft, das würde wiederum eine ganze Reihe von Reiz-Reaktions-Reflexen nach sich ziehen und die nötige Differenzierung, die das eigentliche Thema erfordert, nämlich die religiös motivierte Gewalt, unmöglich machen.
Gibt es im Roman eine Lösung?
Für Lösungen fühle ich mich nicht zuständig. Das ist nicht die Aufgabe von Literatur. Und wie die Geschichte dieser beiden Figuren endet, verrate ich natürlich nicht.
Das Gespräch führte Julia Encke.
Text: F.A.Z., 17.02.2006, Nr. 41 / Seite 46
Bildmaterial: F.A.Z.-Christian Thiel