Literatur

Ist der Nobelpreis gut für die Seele, Herr Pamuk?

„Ost und West haben Tausende von Jahren in Harmonie gelebt und werden es wieder tun”

„Ost und West haben Tausende von Jahren in Harmonie gelebt und werden es wieder tun”

08. Dezember 2006 Am Sonntag wird der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Reise nach Stockholm tritt er von New York aus an, wo er die letzten Monate verbracht hat. Beim Treffen in seinem völlig überheizten Büro in der Columbia University ist der Autor glänzend aufgelegt und lacht viel.

Bei der Nobelpreisverleihung gilt eine strenge Kleiderordnung. Liegt Ihr Frack schon parat?

Ich habe mir das Ding in New York besorgt, mit Schwänzen und allem Drum und dran. Mal sehen, wie es sich trägt.

Die Nachricht, daß Ihnen die Auszeichnung verliehen wird, erreichte Sie Anfang Oktober hier in New York. Wie haben Sie die Zeit seither erlebt?

In New York hat der Preis mir einen außerordentlich angenehmen Aufenthalt beschert. Ursprünglich wollte ich zwei Tage in der Woche an der Universität verbringen und fünf Tage für mich allein haben. Statt dessen konnte ich mich vor Einladungen kaum retten. An einem Abend habe ich beim Universitätspräsidenten mit Václav Havel gespeist, am nächsten mit Gore Vidal. Ich habe eine Lesung mit Salman Rushdie bestritten, ich habe die Nobelpreisträger Toni Morrison, Gao Xingjian und Elie Wiesel kennengelernt. Was soll ich sagen? Es ist ein angenehmes Leben. Obwohl ich vor zwanzig Jahren schon einmal in New York war, wurde ich jetzt wie ein Newcomer behandelt. Für mich ist es eine Art Alice-im-Wunderland-Spaß. Wenn es die ganze Zeit so weiterginge, wäre das wahrscheinlich nicht gesund, aber einstweilen freue ich mich darüber.

Was hat Sie die letzten Monate in New York gehalten?

Ich habe einen Fünfjahresvertrag mit der Columbia University und verbringe nun jedes Jahr ein Semester hier. Zum einen bin ich Fellow im Committee on Global Thought, in einem Seminar, in dem es um Demokratie, Säkularismus und Diversität geht, also auch um Politik, Religion, freie Meinungsäußerung. Zum anderen halte ich einen Kurs ab für Studenten, die Creative Writing belegt haben.

Was haben Sie mit den Studenten gemacht?

Zunächst einmal habe ich sie Thomas Manns „Tonio Kröger“ lesen lassen, denn ich dachte, so könnte ich mich gut diesen jungen Amerikanern und angehenden Autoren vorstellen und ihnen über meine ersten Schritte als Schriftsteller erzählen. Kurz nach meiner Ankunft in New York bekam ich dann den Nobelpreis zugesprochen, und das hat etwas Verwirrung gestiftet. Da hatte ich statt zwanzig Studenten plötzlich achtzig. Ich konnte darum keinen normalen Unterricht geben, sondern war auf einmal der prominente Autor, der eine Vorlesung hält. Damit hatte ich nicht gerechnet, und ich bekam sogar Angst vorm Reden. Es ging jedoch alles gut, am Ende haben alle geklatscht. Wegen der Vorlesung? Wegen mir? Wegen des Nobelpreises? Keine Ahnung. Ich habe aber begriffen: Der Nobelpreis hilft dir, deine Lebensprobleme zu lösen.

Was haben Ihre Studenten von Ihnen über Tonio Kröger erfahren?

Wir haben darüber geredet, warum die Novelle ein deutscher Klassiker geworden, warum es die Geschichte aller Schriftsteller und Möchtegernschriftsteller ist und warum Lesen und Schreiben außergewöhnliche Beschäftigungen sind. Zur Sprache kam das nietzscheanische Konzept des Künstlers als Einzelgänger, als eines Menschen, der im täglichen Leben linkisch sein kann und wie Tonio Kröger beim Tanzen hinfallen mag, aber aus diesem Versagen seine schriftstellerische Bedeutung erwachsen läßt. Wir haben die Geschichte zunächst ganz naiv interpretiert, also: Ja, klar, wir mögen Tonio Kröger, wir identifizieren uns mit ihm. Am Ende aber werden darin unsere Wunden und unsere Traurigkeit auf eine Weise gefeiert, daß wir aus unserem Mißerfolg Freude beziehen. Es ist eine Art Legitimation für unser Anderssein. Dann habe ich den Studenten zu lesen gegeben, was Marcel Reich-Ranicki darüber schrieb, und ich habe ihnen erzählt, warum diese Geschichte mich so geprägt hat. Auch ich war Tonio Kröger.

Die Reaktionen in der Türkei auf den Nobelpreis haben Sie bislang nur aus der Ferne zu spüren bekommen.

Das ist nichts Neues. Dieselben Leute, die mich dort jetzt angreifen, haben das auch in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren getan. Ich lese nicht einmal, was sie sagen.

Sie haben sich oft dagegen gewehrt, als politische Symbolfigur und Vermittler zwischen den Kulturen vereinnahmt zu werden. Wenn nun auch die Schwedische Akademie von Ihrer Entdeckung neuer Symbole für den Zusammenprall und die Verflechtung der Kulturen spricht, fühlen Sie sich da mißverstanden?

Ich habe darin nichts Politisches gesehen, im Gegenteil. Ich war sehr glücklich darüber, wie mein Werk beschrieben wurde. Horace Engdahl, der Sekretär der Akademie, bezeichnete „Das schwarze Buch“ als mein Meisterwerk, machte aber nicht viel Aufhebens um „Schnee“, und beides freut mich. Die Akademie hat da offensichtlich die literarische Qualität mehr berücksichtigt als den aktuellen Akzent meiner Bücher.

Schnee wollen Sie als Ihren ersten und letzten politischen Roman verstanden wissen. In Istanbul, Ihrem neuesten Buch, sind Sie autobiographisch in die Vergangenheit hinabgestiegen. Die Geschichte endet mit dem Entschluß des zweiundzwanzig Jahre alten Orhan Pamuk, Schriftsteller zu werden. Gibt es eine Fortsetzung?

Ich werde meine Autobiographie in derselben Form fortsetzen, allerdings werden die beiden Folgebände nicht um eine Stadt kreisen, sondern um ein Thema. Der zweite Band wird die Zeit von meinen Anfängen als Schriftsteller bis zur Veröffentlichung von „Das schwarze Buch“ umspannen, also die siebzehn Jahre, in denen ich mich zum Romancier gewandelt habe. Dabei werden auch die entsprechenden philosophischen Aspekte zur Sprache kommen und die Aufgaben, die ich mir als ein von der europäischen Zivilisation geprägter Mensch beim Romanschreiben stelle. Ich will wissen, was mit uns passiert, wenn wir durch die Brille eines Romans die Welt betrachten, welche Mechanismen da im Gang sind und wie seine Strukturen funktionieren. Denn jeder gute Roman ist eine Erklärung der Welt.

Verdopplungen und Doppelbödigkeiten, seien sie personeller oder philosophischer Natur, ziehen sich durch Ihr Werk ja wie ein roter Faden.

Ich habe immer versucht, persönliche oder auch nationale Identität als Erfindung anzusehen. Unser Leben besteht darin, unseren Charakter immer wieder neu zu formen. Wir sind nicht für immer die gleichen Menschen, es mag gewisse Wiederholungen geben, aber das Interessante an uns ist die Veränderung.

Könnte ein solches Veränderungspotential nicht über die persönliche Ebene hinaus auch für das Verhältnis zwischen Staaten gelten?

Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen. Ich zeige in meinen Büchern gern, wie dickköpfig Leute sind, aber auch, wie sie sich von anderen beeinflussen lassen und sich entwickeln. Das entspricht meinem Weltbild, meiner Vorstellung, daß wir alle irgendwie miteinander verbunden sind. Zwischen Nationen, glaube ich, verhält es sich nicht anders. Wir müssen die fragile Natur unserer Identitäten sichtbar werden lassen, denn so können wir leichter zueinanderfinden und in der Politik mit Konsequenzen wie Friede und Harmonie rechnen.

Fühlen Sie sich beengt, wenn Sie über Politik reden sollen?

Ja, und besonders jetzt als Nobelpreisträger will ich mich nicht mehr zu sehr über politischen Kleinkram auslassen. Ich mag manchmal wütend werden und dann meinen Mund nicht halten können, aber grundsätzlich schaue ich mir die Welt lieber in einem kulturellen Rahmen an.

Wird das im autobiographischen Kontext Ihrer künftigen Arbeit durchzuhalten sein?

Es ist nicht anders als beim Romanschreiben. Man muß zunächst Details, Bilder finden. Nachdem ich „Istanbul“ fertig hatte, dachte ich mir, ich könnte zehn andere Bände über diesen Lebensabschnitt schreiben, mit völlig anderen Details, die eine völlig andere Geschichte erzählen. Jede Autobiographie beruht auf einem enormen Auswahlprozeß. Die Details, die ich nicht vergessen will, bringen mich zum Schreiben.

Welche Details sind das zur Zeit?

Ich schreibe gerade an einem Buch mit dem Titel „Museum der Unschuld“, in dem es um die Liebe geht. Das Buch erscheint in einem Jahr in der Türkei, ein extravaganter Roman mit fünfhundert Seiten, an dem ich die letzten vier Jahre gearbeitet habe. Es fängt fast wie eine Boulevardkomödie an, aber bald dreht sich alles um Liebe, um Obsessionen und um Dinge, die wir alle tun, wenn wir verliebt sind, und darum, wie schlimm das alles werden kann.

In Istanbul heißt es einmal, die wirklich bedeutsamen Einsichten hätten wir anderen zu verdanken. Wer sind diese anderen für Sie?

Ich glaube, ich habe alle guten Bücher gelesen, die ich lesen wollte, um Schriftsteller zu werden. Für mich heißen die vier großen Romanschriftsteller Tolstoi, Dostojewskij, Proust und Thomas Mann. Zwei andere, die ich bewundere, sind Faulkner und Nabokov. Von zwei weiteren Schriftstellern, Borges und Calvino, habe ich viel in formaler Hinsicht gelernt. Diese acht Schriftsteller haben mir geholfen, mich selbst zu finden, und da ich überhaupt ein eifriger Leser bin, waren noch viele andere Autoren meine Lehrer. Unvergleichlich wird ein Autor jedoch nicht durch die Bücher, die er gelesen hat, sondern durch seinen Entschluß, der Familie wie der Gesellschaft zu entsagen und ein einsames Leben zu führen. Das Leben als Schriftsteller beginnt damit, ungesellig zu sein, Tonio Kröger zu sein.

Ist das Leben und Schreiben in Einsamkeit für Sie auch die Voraussetzung, so etwas wie Freiheit zu verspüren?

Ich schreibe sehr langsam und sitze jahrelang acht bis zehn Stunden am Tag an einem Buch. Die Familie mag nebenan sein, aber im Arbeitszimmer bin ich völlig allein. Gegenüber der Gemeinschaft ist diese Einsamkeit ein Zeichen von Unverantwortlichkeit. Wer sich über den Schnupfen seines Kindes Sorgen macht, kann in diesem Augenblick keinen Roman schreiben. Das klingt grausam, aber es ist eine Voraussetzung für Kreativität. Ich bin, wie ich meine, ein guter Vater. Nur wenn ich am Schreibtisch sitze, bin ich es nicht.

Sie blicken durch westliche und östliche Augen, haben Sie einmal geschrieben. Selbst wenn Ihnen die Rolle des Vermittlers lästig geworden ist: Wie ist es um die Verbindungslinien zwischen Orient und Okzident bestellt?

Natürlich gibt es diese Verbindungen, wenngleich die Verbindungswege von westlicher Arroganz und islamischem Fundamentalismus blockiert werden. Die Medien zeichnen ein simplifiziertes Bild, auf dem Ost gegen West, der Islam gegen das Christentum kämpft. Die Krise wird vorübergehen, in der Zwischenzeit dürfen wir nicht den Vereinfachern glauben. Ost und West haben Tausende von Jahren in Harmonie gelebt und werden es wieder tun. Die Arbeit eines Romanciers beruht auf dem tiefen Glauben an die Gleichheit aller Menschen. In unserem einsamen Arbeitszimmer schreiben wir nicht für uns selbst. Der Akt des Schreibens setzt die Überzeugung voraus, daß ein Roman immer gelesen wird, daß er die Zeiten überdauert und daß er jedem zugänglich ist. Ein Romancier stellt sich einen Leser vor, der ihm gleicht. Das ist der Optimismus, der mich über die letzten dreißig Jahre hinweg begleitet hat.

Zur Person

Orhan Pamuk wird am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. In seiner Heimatstadt studiert er Architektur und Publizistik.

1982 und 1983 erscheinen in der Türkei seine ersten beiden Romane, doch der internationale Durchbruch gelingt ihm 1985 mit dem Roman „Beyaz Kale“ („Die weiße Festung“).

Von 1985 bis 1988 lebt der Schriftsteller mit seiner Frau in New York, wo „Kara Kitab“ („Das schwarze Buch“) entsteht.

„Kar“ („Schnee“) ist Pamuks erster politischen Roman. Er erscheint 2002 und sorgt in der Türkei für heftige Diskussionen.

Für sein politisches und kulturelles Engagement erhält Orhan Pamuk im Oktober 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Im November dieses Jahres erschien der autobiographische Band „Istanbul“.

Am Sonntag erhält Orhan Pamuk als erster türkischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis. Er habe neue erzählerische Sinnbilder für den Zusammenprall und die Verflechtung der Kulturen gefunden, begründete das Nobelpreiskomitee seine Wahl.

Das Gespräch führte Jordan Mejias



Text: F.A.Z., 09.12.2006, Nr. 287 / Seite Z6
Bildmaterial: Illustration Burkhard Neie/xix

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