Orhan Pamuk

Literat, wie hast du's mit dem Staat?

Von Jordan Mejias, New York

Orhan Pamuk auf dem Columbia-Campus

Orhan Pamuk auf dem Columbia-Campus

07. November 2006 

Lange Schlangen vorm Miller Theater der Columbia University. Die Veranstaltung wird zu Ehren eines Gastes ausgerichtet, der die nächsten zwei Monate als Artist-in-Residence dem Universitätsleben nicht nur akademischen Glanz verleihen soll: Václav Havel. Aber seinetwegen sind die Leute nicht gekommen. Ein vorwiegend studentisches Publikum will, wie der Veranstaltungstitel es verspricht, Neues über „Literature and Citizenship“ erfahren, und wenn dafür auch Havel sicher ein geeigneter Gesprächspartner gewesen wäre, darf Arthur Danto, hauseigener Emeritus der Philosophie, nun den nächsten Nobelpreisträger für Literatur befragen. Das Thema gefällt Orhan Pamuk weit weniger, als Danto und vielleicht auch viele Zuhörer es vermutet hätten.

Woher die Probleme? Machen wir nur einen Übersetzungsversuch. Statt „Citizenship“ ziemlich ungenügend als „Staatsbürgerschaft“ wiederzugeben, müßte es, etwas freier übersetzt, im Grunde doch heißen: Nun sag, Literat, wie hast du's mit dem Staat? So ungefähr will es auch der bedächtige Danto verstanden wissen. Und gerade noch kann er mutmaßen, Amerika gehe mit dem Begriff „Citizenship“ ein bißchen sehr entspannt um, da kommt Pamuk auch schon richtig in Fahrt, läßt den leeren Plastikbecher nervös zwischen den Fingern rotieren und setzt mit geradezu jugendlichem Ungestüm zu einer Analyse seines politischen Instinkts an.

Sklave des Staates sein

Dabei kommt auch Amerika zur Sprache, wo er in den achtziger Jahren lebte und jetzt wieder, als Fellow in verschiedenen Abteilungen der Columbia University, ein paar Wochen verbringt. In Amerika, so Pamuk, kleide „Citizenship“ sich in moralische Pflicht und Verantwortung. In der Türkei bedeute es dagegen, Sklave des Staates zu sein. „In meinem Teil der Welt“, sagt er, „ist die Rhetorik um ,Citizenship' noch neu.“ Dort sei ein guter Staatsbürger, wer gehorche. Klarer geht's nicht, oder? Nein, Pamuk wehrt sich heftig, daraus weitreichende Schlüsse zu ziehen und eine Theorie zu bauen. Er verrät uns lieber, was es mit seinem politischen Instinkt auf sich hat.

Der aber hat weniger mit Politik als mit Wahrheit zu tun. Wenn Pamuk sich über Lügen aufregt, die dem Volk von seinen Politikern erzählt werden, hat das seinen Grund nicht in einem präzise ausgearbeiteten Theoriebegriff. Kein hohes Ethos, kein staatsbürgerliches Pflichtbewußtsein treibt ihn an, eine Debatte in Gang zu setzen. Er kritisiert und schimpft, weil er sich über etwas ärgert. Und in einem solchen Ärger kommt es ihm auch nicht in den Sinn, daß er, wie in der Vergangenheit geschehen, durch seine Kritik Tabus verletzen und in Schwierigkeiten geraten könnte. Wer das nicht glauben mag, hat noch nie erlebt, wie temperamentvoll Pamuk bereits die Gründe seiner Temperamentsausbrüche aufschlüsselt.

„Kunst und Politik sind womöglich nicht kompatibel “

Pamuk schafft es mühelos, das angekündigte Gesprächsthema seinen Vorlieben anzupassen. Die Staatsbürgerkunde für Künstler ersetzt er durch Überlegungen, wie sie es anstellen könnten, sich nicht von der Politik einfangen und von der Öffentlichkeit auf eine politische Deutungsmaschine reduzieren zu lassen. Indem er sich jeder Fixierung entzieht, bewahrt er sich auch die Freiheit, auf die er als Galionsfigur, als Provokateur vom Dienst verzichten müßte. Wenn Danto es zwischendurch doch fertigbringt, Pamuk nach seinen Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern zu befragen, wehrt der Schriftsteller mit höflicher Entschiedenheit ab. Nicht aus Angst, erneut vor Gericht gezerrt zu werden oder von New York aus eine neue Kontroverse loszutreten. Heute schweigt er in der Gewißheit, daß die Sache zu kompliziert ist fürs unausweichlich folgende Mediengeschnipsel. Was er einmal gesagt hat, will er nicht noch einmal aufarbeiten.

Und im übrigen gilt: „Ich ziehe es vor, Bücher zu schreiben.“ Sogar in „Schnee“, seinem jüngsten Roman, den er als sein erstes und letztes politisches Buch bezeichnet hat (siehe auch: Pamuk, Orhan: Schnee), ging es ihm nicht um „Citizenship“, um die Rolle des Bürgers, sondern um ethnische Identitäten. Danto ist von da an eigentlich nur noch Zuhörer, allenfalls Stichwortgeber: Pamuk führt Regie. Aus ihm ergießt sich eine wunderbare Verteidigung der Kunst und des Künstlers gegen die Politik. „Kunst und Politik“, sagt er, „sind womöglich nicht kompatibel.“ Immer wieder, immer anders macht er deutlich, wie ein Künstler nicht aus einer aristotelischen Balance heraus argumentiert, wie er vielmehr seinen Emotionen freien Lauf läßt und sich allenfalls in einer Art „unorganisierten Paranoia“ zu Kommentaren über den Staat und die Welt hinreißen läßt.

Das Gespräch wird zum Selbstporträt

Es ist keine Flucht aus der Verantwortung, es ist eine von Grund auf künstlerische Reaktion, und bei Pamuk ist es auch ein Hinweis für uns, ihn als Schriftsteller nicht zuerst wegen seiner Herkunft oder politischen Haltung ernst zu nehmen. Wenn Proust über die Liebe schreibe, sagt Pamuk, dann erkenne die Welt darin die Menschheit. Wenn er es tue, rede die Welt von türkischer Liebe. „Es tut weh“, gesteht er, „wenn meine Bücher als Einführung in die Türkei verstanden werden.“ Er sehnt sich danach, daß jemand auf eines seiner Bücher deutet und sagt: Wenn du verliebt bist, dann lies dies. So träumen Schriftsteller, die aus einem Land am Rand der westlichen Welt kommen und Gefahr laufen, im künstlerischen Erfolg wie Mißerfolg immer nur an ihre Herkunft erinnert zu werden. Gute Romane sind sich selbst genug, lernen wir bei Pamuk, sie sind nicht auf Exotik angewiesen.

Zieht Danto Parallelen zwischen Pamuks Memoirenband „Istanbul“ und den „Buddenbrooks“, reagiert der Schriftsteller schon begeisterter. Er erzählt von seiner Kindheit, von seiner Familie, deren Reichtum sich allmählich verflüchtigte, von den Büchern, die der Vater aus Paris mitbrachte, von einer großen Bibliothek mit herrlichen Pléiade-Bänden und den Welten, die Proust, Gide und Sartre ihm eröffneten. „Das hat mich zum Schriftsteller gemacht.“ Und zum literarischen Sensualisten. Beharrlich weigert er sich, seine Vorstellung von einem guten Roman zu erläutern. Er will das künstlerische Werk nicht durch Metaphern und Theorien einengen, er will es genießen, nicht auf seine Qualitätsmerkmale abklopfen. Ein Hauch von Susan Sontag, von „Against Interpretation“, weht da durch den Saal der Columbia University.

Was als Gespräch angekündigt war, enthüllt sich so als schwungvoll formuliertes Selbstporträt. In ihm bekennt sich der Schriftsteller zur ungebrochenen Kraft des Romans, dem er zutraut, in seiner kompakten, elastischen Lebensfülle noch das Leben zu übertreffen. Darum, sagt er, wollten die Leute nach wie vor Romane lesen, und darum werde er nicht müde, Romane zu schreiben. Dreiunddreißig Jahre lang hat er das inzwischen getan, und dabei herausgekommen ist: Orhan Pamuk, ein glücklicher Mensch. Welcher andere Schriftsteller würde das so frei und offen von sich sagen können oder wollen? Seinen ersten wirklichen Job in seinem Leben, meint Pamuk gut gelaunt, habe er jetzt hier an der Columbia University. Aber nur für ein paar Wochen. Dann kann er wieder glücklich an seinem Schreibtisch in Istanbul sitzen und Romane nicht nur übers Glück schreiben.

Text: F.A.Z., 07.11.2006, Nr. 259 / Seite 37
Bildmaterial: AP

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