Orhan Pamuk

Verflochtene Kulturen

Von Christian Geyer

Der Preis für Pamuk ehrt das freie Wort

Der Preis für Pamuk ehrt das freie Wort

12. Oktober 2006 Wie, wenn nicht so? Wann, wenn nicht jetzt? So, nur so hat das Projekt der islamischen Moderne eine Chance, aus den Wunschträumen herausgerissen zu werden, in denen es - ist man ehrlich und betreibt nicht die Augenwischerei weltfremder Dialogisten - zur Zeit noch gefangen ist. So, nur so, scheint sich das Projekt der islamischen Moderne in die Wirklichkeit überführen zu lassen: indem man Stimmen wie der von Pamuk auf internationaler Bühne höchste Reputation verleiht. Mit dem Nobelpreis ist dieser Stimme soeben der größte anzunehmende Prestigegewinn beschert worden. Einer Stimme, die laut Nobelpreiskomitee „neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen“ artikuliert hat.

Darauf kommt es heute an: Gegen die brutalen Reinheitsphantasien westlicher wie östlicher Ideologen Kultur als eine unreine Sache kenntlich zu machen, als eine Sache, die sich immer schon der Verflechtung verschiedener „Kulturen“ verdankt und sich erst in dieser Verflechtung als Kultur konstituiert.

Natürlich hat Europa das antike Erbe auch durch die Vermittlung der arabisch-islamischen Kultur empfangen. Und natürlich war der Islam an vielen Orten mit dem christlichen Westen und der jüdischen Welt eng verbunden. Das ganze Werk Pamuks verdankt sich dem Bewußtsein dieser Verflechtung, es würde von heute auf morgen in Unkenntlichkeit zerfallen, wenn es fein säuberlich in islamische und westlich-moderne Elemente geschieden werden sollte.

Der Preis ehrt das freie Wort

Tatsächlich ist diese Stimme, ist diese Nobelpreisverleihung wie ein Sprengsatz im hermetischen Kulturverständnis von westlicher Moderne hier und islamischer Welt dort. Eine solche Hermetik herbeizureden, herbeizubomben ist selbst immer schon ein ideologisches Produkt. Das ist die Botschaft Pamuks, das ist die Botschaft Stockholms.

Wir vernehmen sie von einem Protagonisten der schönen Literatur, der durch die Verfaßtheit seiner Romane die Grenzen der politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Reinheitsphantasien sprengt. In der Tat - was kann einem fundamentalistischem Regime, welcher Herkunft auch immer, gefährlicher werden als ein Erzähler, der so erzählt, wie es sein Genre verlangt, und nicht so erzählt, wie es politische, religiöse oder ökonomische Machthaber gerne hätten?

Pamuk hat sie, den Bilderreichtum der islamisch-orientalischen Erzähltradition ausreizend, alle an die Wand geschrieben. Und hat so die Gefährlichkeit des fiktionalen Genres unübertreffbar dokumentiert. Dieser Nobelpreis ehrt erkennbar nicht nur Pamuk. Er ehrt all jene, die sich mit ihrer Gelehrsamkeit, mit ihrer poetischen Phantasie, mit dem Mut ihrer Existenz das freie Wort herausnehmen.

Politische Perspektive

Pamuk hat immer nach allen Seiten ausgeteilt und läßt sich auch jetzt, nach der Nobelpreisverleihung, nicht für ein bestimmtes weltpolitisches Lager vereinnahmen. Im öffentlichen Bewußtsein sind seine Konflikte mit der türkischen Gerichtsbarkeit wegen Beleidigung des Türkentums, nachdem er freimütig über Armenier- und Kurdenmorde gesprochen hatte.

Weniger präsent sind Äußerungen wie diese: „Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung erleben und überwinden muß, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder religiöse Fundamentalisten einzulassen.“

Darin liegt die politische Perspektive der diesjährigen Nobelpreisverleihung: einem Mann ein Forum der Autorität zu verleihen, der zwischen Orient und Okzident den Maßstab der Menschenrechte hochhält und entlang dieses Maßstabs die Kulturen als jene offenen Gebilde beschreibt, die sie in Wahrheit sind.

Falsches Sinnbild

Pamuk habe „neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen“ artikuliert, heißt es in der Begründung der Preisverleihung. Diese Sinnbilder von Streit und Verflechtung sind bei Pamuk komplementär. Das ist das Subversive an seiner Sinnbildarbeit. Wo Pamuk die kulturelle Verflechtung beschreibt, unterläuft er die Anlässe zum Streit.

Wo er den kulturellen Streit beschreibt, hintertreibt er ihn als vorgeschoben. Ja, Pamuk zielt auf das Fatale, auf das historisch und rechtspolitisch Falsche des Sinnbildes vom Streit der Kulturen. Ein solches Sinnbild setzt Kulturen als abgeschlossene Gebilde voraus, die sie historisch nie gewesen sind. Und ein solches Sinnbild, für die Gegenwart verwendet, immunisiert eine Kultur gegen jede Reformanstrengung.

An Sinnbildern hängen Vergangenheit und Zukunft. In einer Kultur, der man sich nicht anders als in Kategorien von Reinheitsvorstellungen nähert, wird man kaum den Maßstab der Menschenrechte aufrichten können. Pamuk gehört zu denen, die nicht in die Fallen der falschen Sinnbilder laufen. Darin liegt seine Preiswürdigkeit, darin liegt seine Bedeutung als Schrittmacher einer zukünftigen islamischen Welt.

Text: F.A.Z., 13.10.2006, Nr. 238 / Seite 33
Bildmaterial: AFP

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