Moers trifft Mythenmetz

Natürlich bleibt Ihr Buch ein Schmarrn

“Ein barbarischer Akt“: Hildegunst von Mythenmetz

"Ein barbarischer Akt": Hildegunst von Mythenmetz

04. Oktober 2007 Als Hildegunst von Mythenmetz, der populärste Schriftsteller Zamoniens, anlässlich der deutschen Veröffentlichung seines Werkes „Der Schrecksenmeister“ (übersetzt von Walter Moers) erstmals in unsere Dimension reiste, nahm er ein Gespräch mit dieser Zeitung zum Anlass, seinem Übersetzer schwere Vorwürfe zu machen: Moers habe für seine eigenen Bücher die mythenmetzschen schamlos plagiiert und außerdem schlampig übersetzt. Er lehne jeden Kontakt mit Moers ab.

Der angegriffene Schriftsteller erwiderte auf diese Vorwürfe am 23. August in der Wochenzeitung „Die Zeit“: Seine Kürzungen seien notwendig gewesen, weil „Der Schrecksenmeister“ sonst unlesbar wäre. Und Moers bezichtigte seinerseits Mythenmetz, nicht zimperlich zu sein, wenn es darum gehe, bei anderen Autoren abzuschreiben. Am Schluss warf Moers dem Lindwurm einen Fehdehandschuh hin: „Ich stehe für jedes Wortduell, für jede Zungenschlägerei zur Verfügung.“ Wir haben ihn beim Wort genommen und nach wochenlangen Vorbereitungen nun mit Hildegunst von Mythenmetz zusammengebracht. (F.A.Z.)

Herr von Mythenmetz, müssen wir mit einem Blutbad rechnen? Sie haben gedroht, dass Ihr Raubtiererbgut bei einer Begegnung mit Walter Moers über Ihre guten Manieren triumphieren könnte.

Mythenmetz (gibt ein bedrohliches Geräusch von sich): Ich lehne körperliche Gewalt strikt ab und fühle mich durchaus in der Lage, Herrn Moers mit intellektuellen Mitteln die Antwort zukommen zu lassen, die ihm gebührt.

Herr Moers, sind Sie in ähnlich streitbarer Stimmung?

Moers: Ganz und gar nicht. Ich freue mich unbändig, Hildegunst von Mythenmetz erstmals persönlich begegnen zu dürfen. Und wenn ich das mal sagen darf, Herr von Mythenmetz: Für Ihr Alter sehen Sie wirklich hervorragend aus.

Mythenmetz: Es gibt in Ihrer Sprache für das, was Sie da machen, ein schönes Wort, Herr Moers. Es hat damit zu tun, sich aus niederen Beweggründen durch enge Körperöffnungen zu zwängen.

Kommen wir doch lieber gleich zu den konkreten Vorwürfen. Sie, Herr von Mythenmetz, werfen dem Übersetzer Walter Moers vor, dass er Ihr Buch „Der Schrecksenmeister“ stark gekürzt hat.

Mythenmetz: Um siebenhundert Seiten!

Moers: Das war eine Notwendigkeit.

Mythenmetz: Das war eine Unverschämtheit. Ein barbarischer Akt.

Moers: Herr Mythenmetz, Sie sollten anerkennen, wie loyal ich Ihrem Werk bisher zugearbeitet habe. In „Ensel und Krete“ ließ ich sämtliche mythenmetzschen Abschweifungen ungekürzt, und ich stehe dazu. Dieser Kunstgriff ist ein fester Bestandteil des Werkes, ohne den es nicht denkbar wäre. Aber beim „Schrecksenmeister“ handelt es sich um eine komplett andere Sache.

Könnten Sie uns ein Beispiel geben, wie Sie das meinen?

Mythenmetz: Das würde mich auch interessieren! Mit welcher Begründung Sie welches Gliedmaß meines Kindes amputiert haben!

Moers: Nehmen wir gleich den Anfang. Der lautet so: „Stellt euch den krankesten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit krummen Straßen und schiefen Häusern, über der ein schauriges schwarzes Schloss auf einem dunklen Felsen thronte. In der es die seltensten Bakterien und kuriosesten Krankheiten gab: Hirnhusten und Lebermigräne, Magenmumps und Darmschnupfen, Ohrenbrausen und Nierenverzagen.“ In Herrn Mythenmetz' Originalfassung kommt hier, nach gerade mal drei Sätzen, bereits die erste Abschweifung. Sie fängt so an: „Apropos Nierenverzagen! Ich habe nach dem Essen da immer so einen seltsamen, na ja, Schmerz würde ich es nicht nennen, mehr so eine Art Drücken oder Ziehen in der Nierengegend, einhergehend mit saurem Aufstoßen, und da frage ich mich ...“ Und dann folgt eine sich über mehrere Seiten hinziehende Beschreibung der Begleitsymptome und eine beinahe genüssliche Schilderung von Flatulenzen, bis das Ganze in einer akribischen Darstellung des Stuhlgangs gipfelt. Auch dafür gibt es in unserer Sprache ein schönes Wort: Es heißt Hypochondrie.

Sind alle mythenmetzschen Abschweifungen im „Schrecksenmeister“ hypochondrischer Herkunft?

Moers: Nein. Neben ein paar Abschweifungen alltäglicher Natur - über das Wetter, schlechte Kritiken oder unzureichende Vorschüsse - würde ich die übrigen generell unterscheiden in hypochondrische und kulinarische Abschweifungen.

Mythenmetz: Beim „Schrecksenmeister“ handelt es sich um ein kulinarisches Märchen! Eine traditionelle Gattung der zamonischen Literatur! Da werden doch wohl ein paar Bemerkungen zum Thema Esskultur erlaubt sein.

Moers: Die ja auch reichlich erhalten geblieben sind. Aber man sollte sich entscheiden, ob man ein kulinarisches Märchen oder ein Kochbuch für Lindwürmer schreiben will. Ihre Essgewohnheiten in Ehren, aber für einen Nichtlindwurm sind die Rezepte schon äußerst gewöhnungsbedürftig. Wenn ich zum Beispiel ein vierzehnseitiges Rezept lesen muss, das mit den Worten beginnt: „Nageln Sie einen lebendigen Oktopus auf ein Holzbrett“, dann vergeht mir nicht nur der Appetit aufs Essen, sondern auch auf die Lektüre.

Mythenmetz: Daran kann ich mich nicht erinnern.

Sie kennen Ihren eigenen Text nicht?

Moers: Mich beschleicht ein furchtbarer Verdacht. Haben Sie Ihr eigenes Buch eigentlich jemals gelesen?

Mythenmetz: Mpfft.

Sie können diese schwerwiegende Beschuldigung nicht aussitzen, Herr von Mythenmetz. Haben Sie Ihren „Schrecksenmeister“ gelesen oder nicht?

Mythenmetz: Nicht wirklich ...

Moers: Jetzt verstehe ich alles! Das Buch stammt aus Mythenmetz' „Unlektorierter Phase“. Das war eine Zeit, in der er seine Manuskripte tintenfeucht in Druck gab, ohne selbst noch einmal drüberzulesen. Und ein Lektor durfte höchstens einmal reinschauen, um ein „Epochal!“ oder „In Stein gemeißelt!“ an den Rand zu schreiben. Das war kurz nachdem Sie den Valtrosem-Preis erhalten haben, nicht wahr?

Mythenmetz: Ich räume ein, dass ich ein wenig die Bodenhaftung verloren hatte. Ich war jung, kaum 120 Jahre alt.

Trotzdem könnte es, wenn die Vorgehensweise von Herrn Moers Schule macht, dzu kommen, dass jeder Übersetzer Klassiker der Weltliteratur nach seinem Gusto umschreiben darf.

Moers: Nein. Sie müssen das als isolierten Fall betrachten. Als Gakk.

Gakk?

Moers: Größte annehmbare kreative Katastrophe. Niemals vorher oder nachher in der gesamten Literaturgeschichte hat ein Schriftsteller sein eigenes Werk derart entstellt wie damals Mythenmetz. Ich gebe gern noch ein Beispiel: Mitten in einem Kapitel, bei dessen Lektüre ich bereit gewesen wäre, eine völlig überteuerte Miete zu bezahlen, um in dieses Buch einzuziehen und darin zu wohnen, an einer Stelle, an der ich das Buch heiraten und Kinder mit ihm haben wollte - da beginnt eine mythenmetzsche Abschweifung über geschwefelte Einmachgurken. Sie zieht sich über neunundfünfzig Seiten.

Mythenmetz: Ich erinnere mich dunkel. Ich gebe zu, dass mir damals eine regelrechte Einmachgurkenobsession die Feder lenkte.

Zumindest in diesem Fall also würden Sie die Kürzung als notwendige Maßnahme erachten? Als gutes Lektorat?

Mythenmetz: In dem Fall schon.

So kommen wir weiter! Streiten ist einfach, versöhnen ist schwer.

Moers: Für dieses Eingeständnis würde ich glatt meine Behauptung, dass Mythenmetz abschreibt, zurücknehmen. Das ist mir so herausgerutscht. Ein Mythenmetz klaut nicht. Er zitiert vielleicht. Er ehrt jemanden mit einer Hommage.

Solch ein Entgegenkommen kann Sie doch nicht ungerührt lassen, Herr von Mythenmetz. Stehen Sie weiterhin zu Ihrem Vorwurf, Herr Moers habe bei Ihnen abgeschrieben?

Moers: Um das zu beurteilen, müsste er meine Bücher erst gelesen haben.

Mythenmetz: Das habe ich getan - mit einiger Überwindung.

Sie haben die Werke von Moers gelesen? Wie haben sie Ihnen gefallen?

Mythenmetz: Ich fand sie gut.

Moers: Tatsächlich?

Mythenmetz: Ich musste bei der Lektüre feststellen, dass Moers mitnichten bei mir abgeschrieben hat. Ein bisschen zitiert vielleicht. Mich mit der einen oder anderen Hommage geehrt.

Wenn Ihnen also das Werk von Walter Moers gefallen hat, was ...

Mythenmetz: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es gut im Vergleich mit Ihrer sonstigen Literatur. Im Vergleich mit der zamonischen Literatur bleibt es natürlich ein Schmarrn.

Moers: Wie bitte?

Mythenmetz: Es gibt einen Ort in Zamonien, den wir den „Friedhof der vergessenen Dichter“ nennen. Dort leben gescheiterte Schriftsteller in Erdlöchern und schreiben auf Zuruf Gedichte für Touristen. Das wäre die Liga, in der Sie spielen würden.

Ein harsches Urteil.

Mythenmetz: Was kann ich dafür, dass zwischen der Ihrigen und der zamonischen Literatur solch ein qualitativer Abstand besteht? Das ist, als würde man ein Sandkorn mit einem Gebirge vergleichen.

Hängt damit auch Ihr Vorwurf zusammen, dass Herr Moers Ihre Werke nicht angemessen übersetzt habe?

Mythenmetz: Er kann ja nichts dafür. Wie soll er das denn anständig machen, mit so einem armseligen Vehikel wie der deutschen Sprache? Ihr Alphabet hat sechsundzwanzig Buchstaben, das zamonische 888. Herr Moers gibt sich sicher alle Mühe, und in Anbetracht der ihm zur Verfügung stehenden Mittel macht er seine Sache sehr ordentlich. Ich habe nichts dagegen, wenn er auch in Zukunft meine Werke übersetzt. Auch wenn es in meinen Ohren so klingt, als würde jemand eine Sinfonie auf einer Kindertröte blasen.

So richtig freuen kann man sich über solch eine Beurteilung wohl nicht.

Moers: Nicht wirklich.

Aber wenigstens dürfen wir resümieren, dass ein Dialog zwischen Ihnen in Gang gebracht ist. Wie wäre es mit einer symbolischen Geste? Reichen Sie sich die Hände - beziehungsweise die Klauen.

(Der symbolische Akt erfolgt. Mythenmetz gibt ein bedrohliches Grollen von sich, Moers entrollt eine Träne.)

Ein historischer Augenblick in der Geschichte der deutsch-zamonischen Freundschaft!

Mythenmetz: Darauf trinken wir einen.

Um die Gesprächsführung bemühte sich Andreas Platthaus.



Text: F.A.Z., 04.10.2007, Nr. 230 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z.-Frank Röth

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben