Literatur

Ich hab' es richtig krachen lassen!

11. März 2008 Vor zwei Jahren, im Frühjahr 2006, wurde „Als wir träumten“ als Sensation gefeiert. Ein großer Roman über Junkies, Knackis und Schläger, den ganzen sozialen Bodensatz, während der Wendezeit in Leipzig, ein schnörkelloser Text voller Drogen, Sex und Gewalt und den enttäuschten Hoffnungen junger Männer, geschrieben von einem Autor, dessen Körper mit Tätowierungen übersät ist. Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle an der Saale, hat mit seinem Debüt gleich den Durchbruch geschafft.

Seitdem hat er das Leben als Bauhelfer, Möbelträger und Wachmann hinter sich gelassen und fünfzehn Kurzgeschichten geschrieben. Sie sind ausgereifter und pointierter als die Episoden des Romans und unter dem Titel „Die Nacht, die Lichter“ bei S. Fischer erschienen. Sie handeln wieder von Boxern, Arbeitslosen und Skins, aber auch von Angestellten, Lehrern und Künstlern - ein Querschnitt durch Altersstufen und Klassen. Trotzdem muss er sich in Interviews wieder gegen allzu einseitige Zuschreibungen wehren. Er nimmt den Hörer ab, klingt verschlafen. Es ist ein Uhr mittags.

Guten Tag, Herr Meyer, kaum ist Ihr neues Buch da, werden Sie schon wieder zur sogenannten Unterschicht befragt. Was regt Sie an dem Begriff so auf?

Ich bin ja kein Politiker, kein Soziologe, sondern Schriftsteller! Oberschicht, Unterschicht, das interessiert mich alles nicht! Ich will Geschichten erzählen und über Menschen schreiben!

Was sind das denn für Menschen in Ihren Geschichten?

Ganz normale Leute! Wie viele Millionen leben denn in unserem Land? Da gibt es ja auch nicht nur Manager und Studierte und kleine Bankangestellte, sondern Handwerker und einfache Leute, die wenig Geld oder gar keine Arbeit haben. Das war schon in „Als wir träumten“ so, und jetzt in dem neuen Buch ist es noch mehr ein Querschnitt, eine Reise durch Teile der Gesellschaft. Es spielt ein Lehrer mit, ein Weinvertreter, ein Gabelstaplerfahrer, ein Künstler, es ist ja nicht so, dass das alles Kriminelle, Kaputte oder Drogensüchtige sind.

Und doch haben viele kein Glück, wie Rolf, der, um die Operation seines Hundes bezahlen zu können, seinen monatlichen Hartz-IV-Satz auf der Pferderennbahn verwettet. Er gewinnt, aber die Geschichte endet mit den Worten „. . . und er sah nicht die drei Männer, die hinter ihm liefen“.

Rolf hat doch sein Glück gehabt! Wenn ich den Leser mit so einem Glück davonkommen lasse, dann sagt er, „ach, schön“, und liest weiter. Aber wenn ich ihn mit so einem letzten Satz kalt in der Magengrube erwische und ihm zeige, wie trügerisch alles ist, dann habe ich ihn umgehauen. Und das muss ich, weil ich das auch von anderen Geschichten erwarte: dass sie mich umhauen und etwas in mir auslösen.

Sind Sie noch da, in Leipzig-Ost, in Ihrer Zweiraumwohnung in Anger-Crottendorf?

Ja. Ich liege hier zu Hause gerade im Bett.

Während sich Ihr Roman auf Leipzig konzentriert, sind die Erzählungen ortloser. Woran liegt das?

Daran, dass ich selbst sehr viel unterwegs bin, seit der Roman erschienen ist, auf Lesereise. Vorgestern war ich in Zürich, morgen fahre ich nach Köln und übermorgen nach New York. Da bin ich eingeladen bei einer Veranstaltung namens „Krautgarden“, in einem Loft in der Lower East Side, da gibt's so eine Art Leipzig-Preview mit deutschen Autoren, Thomas Pletzinger, Paul Brodowsky und anderen.

Waren Sie schon mal in New York?

Nö, ich war noch nie in Übersee. Ich hab' Flugangst gehabt, jahrelang, aber jetzt ist die weg. Ich wollte noch niemals nach New York, wenn Amerika, dachte ich immer, dann Steppen und Wüsten und so, oder vielleicht Las Vegas.

Das Motiv des Reisens zieht sich fast durch Ihren ganzen Erzählband, viele fahren Taxi, sitzen im Zug oder träumen zumindest von besseren Welten.

Manche sind aber auch sehr verortet, wie der Mann in der ersten Geschichte, der seine Wohnung nicht mehr verlässt. Aber stimmt schon, viele sind entwurzelt und auf der Suche nach etwas.

Schwingt da auch eine Sehnsucht nach Heimat mit?

Bei den Figuren?

Bei Ihnen.

Ich bin gern unterwegs, bin gern mal weg aus dieser verdammten Stadt, ich wohne ja seit dreißig Jahren hier. Und doch ist es schön, und ich kehre immer wieder gerne zurück, wegen Personen und Dingen und Piet, meinem zwölf Jahre alten Hund. Gibt aber auch Sachen, die mich anstinken mittlerweile. Ich kenne jeden Stein vor der Haustür, und das macht schon müde.

In einem Interview sagten Sie einmal, Sie müssten sich aus Ihrem Viertel „rausschreiben“?

Das meinte ich in dem Sinn, dass ich irgendwann Geld habe, dass ich reich und berühmt werde. Nicht, dass ich von hier wegziehen muss, höchstens in die Innenstadt. Und vielleicht mache ich das ja auch in ein, zwei Jahren.

Wenn Piet tot ist?

Solange er lebt, nicht, nein. Mit Rausschreiben meinte ich aber auch, nicht hier anonym in meiner Wohnung zu sitzen und Sozialhilfe zu kassieren, sondern Schriftsteller zu werden und sich was leisten, davon leben zu können.

Und das können Sie jetzt?

Ja, wenn ich das so überschaue, geht es ganz gut. Ich bin nicht reich geworden. Mich aus meinem Viertel rauszuschreiben, das hab' ich letztes Jahr schon so exzessiv zelebriert, dass das ganze Geld weg gewesen ist. Ich habe es richtig krachen lassen!

Was haben Sie gemacht?

Was wohl? Wein, Weib und Gesang! Ich war viel auf der Pferderennbahn, bin viel rumgereist, habe aber auch Kunst gekauft, Bilder von jungen Künstlern wie Paule Hammer und Kathrin Thiele, die ist Neo-Rauch-Meisterschülerin. Das sind schon große Bilder, und die haben auch einen Geldwert. Ich gucke nach Werken, die erschwinglich sind, aber die Arbeiten müssen mir auch gefallen. Ich habe ja auch nicht viel Platz, um die Dinger aufzuhängen.

Vor zwei Jahren haben Sie „Reise zum Fluss“, eine der Erzählungen aus „Die Nacht, die Lichter“, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vorgelesen. Im Vorfeld haben Sie gesagt, dass Sie das „Klagenfurt-Geld“ unbedingt brauchen. Gewonnen haben Sie dort nicht, aber danach andere Preise und Stipendien bekommen.

Ja, peinlich.

Peinlich, warum?

Ich freu' mich natürlich, und das gibt auch immer Kohle, und die braucht man, aber ja . . ., ja . . ., ach.

Jetzt sind Sie neben Romanen von Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer, Feridun Zaimoglu und Sherko Fatah zum zweiten Mal für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Das ist was anderes, das ist gut.

Haben Sie den Preis verdient?

Selbstverständlich.

Warum?

Ich akzeptiere, dass es andere gute Autoren gibt, ich lese deren Bücher aber jetzt nicht, um mich mit ihnen zu vergleichen.

Aber Sie sind schon heiß auf den Titel?

Klar. Ich bin da wie ein Sportler, ich will nicht Ringelpietz spielen. Hier geht es um Geld, um eine Signalwirkung. Aber ich sehe mich mit meinen Kurzgeschichten unter vier Romanen als Außenseiter. Und wenn ich den Preis nicht gewinne, das würde mich jetzt auch nicht so treffen wie bei der Nominierung 2006, da ist einiges schiefgelaufen.

Das hat Sie damals aus der Bahn geworfen?

Ja, hat mich aber auch stark gemacht, stark für die Lesung in Klagenfurt. Dass ich da nicht gewonnen habe - mir konnte nichts Besseres passieren, muss ich im Nachhinein sagen. Danke, danke an die Jury für ihre eigene Blindheit, das ist wunderbar, was soll ich mit diesem verkackten Klagenfurtpreis?

Sie werden sich da also nicht noch einmal bewerben?

Ich denke nicht im Traum daran, das Kapitel ist abgeschlossen. Ich sage das jetzt mal ganz ehrlich mit dem ordentlichen Quantum Restalkohol, den ich von gestern Abend noch im Blut habe: Ich habe das nicht mehr nötig!

Dann lieber den Buchpreis.

Muss auch nicht. Ich schreibe nicht besser, wenn ich Preise gewinne. Aber Leipzig ist was anderes, weil es eine Herzenssache ist, weil ich hier wohne, weil das meine Stadt ist.

Das Gespräch führte Jan Brandt.



Clemens Meyer: „Die Nacht, die Lichter“. Stories. S. Fischer Frankfurt am Main 2008, 272 Seiten, 18,90 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.03.2008, Nr. 10 / Seite 28
Bildmaterial: ddp

Mehr als 30.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche