Buchmarkt

Sommerschlußverkauf der Weltliteratur

Von Andreas Kilb

Im modernen Antiquariat: Schnäppchen stapelweise

Im modernen Antiquariat: Schnäppchen stapelweise

06. August 2003 Hoffentlich sterben Sie bald, damit Ihre Bücher billiger werden." Das bekam Kurt Tucholsky 1932 von einem Oberrealschüler zu hören, dessen Taschengeld für die gebundene Ausgabe von "Schloß Gripsholm" nicht ausreichte - "Ihr letztes Buch ist wieder so teuer, daß man es sich nicht kaufen kann." Der Autor nahm sich das zu Herzen. Er schrieb einen offenen Brief: "Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger: Macht unsere Bücher billiger! Kurt Tucholsky". Die Verleger wehrten ab: billige Bücher! Noch dazu in einer Weltwirtschaftskrise! Undenkbar! Nur Ernst Rowohlt, der zunächst zu den Gegnern einer Preissenkung gehört hatte, muß sich Tucholskys Vorschlag noch einmal überlegt haben; im Jahr 1946 fing er an, mit Hilfe eines neuen Rotationsverfahrens hohe Buchauflagen zu erschwinglichen Preisen auf den Markt zu werfen - das rororo-Wunder war geboren.

Heute ist die Situation in Deutschland umgekehrt. Die Verlagsbranche kriselt, die Buchpreisbindung wackelt, das Geschäft der Internet-
Anbieter blüht - und Bücher sind so billig wie noch nie. Wenn man teure Kunstbände zu unverschämt niedrigen Preisen kaufen will, muß man nur nach Berlin, München, Hamburg oder Köln fahren, wo die Buchkaufhäuser und -discounter Kostbarkeiten zu Schleuderpreisen anbieten: eine zweibändige "Geschichte der Kunst in Venedig" für fünfundzwanzig Euro, den Prachtkatalog zur Ausstellung "Das Zeitalter Karls V." für fünfzig Euro. Da sieht man mit einer Mischung aus Entsetzen und Verlockung Milan Kunderas "Unerträgliche Leichtigkeit des Seins" für sechs, Ferdinand Seibts Standardwerk "Glanz und Elend des Mittelalters" für zwölfeinhalb Euro liegen; und für ganze zwei Euro bekommt man Schillers Balladen und Gedichte oder Shakespeares gesammelte Werke. Der Buchkauf ist zur Schnäppchenjagd geworden, und wer mit der nötigen Energie an die Sache herangeht, kann dabei die erlesensten, ungewöhnlichsten und auch traurigsten Funde an Land ziehen.

Und während man so durch die Modernen Antiquariate der Berliner Friedrichstraße oder der Frankfurter Zeil stöbert, kommen einem plötzlich Bilder aus einer anderen Stadt, einer ganz anderen Zeit in den Sinn. Leningrad, Frühjahr 1991: eine Buchhandlung, vollgestopft mit russischen Romanen und kommunistischer Theorie. Bücher außer Dienst. Wenige Kunden, ein paar Rentner, ein paar Akademiker. Eine Marx-Gesamtausgabe kostet ein paar hundert Rubel, eines der neuen, aus dem Westen importierten Deodorants im Laden nebenan mehr als tausend. Den ganzen Tolstoi gibt es für den Preis einer Body-Lotion. Seife ist für das Volk unerschwinglich, man riecht es in den Bussen. Bücher aber sind viel zu billig - niemand braucht sie; sie werden ausverkauft, um Platz für Designermöbel und Konsumratgeber zu schaffen.

Sind wir auch soweit? Oder befinden wir uns an einem anderen, ebenso gefährlichen Punkt, in einer Phase des Übergangs von einer lesenden zu einer bücherbesitzenden Gesellschaft? Denn niemand wird ernsthaft vermuten, daß ein Verlag, der Theodor Storms Gesamtwerk oder sämtliche Romane von Fontane auf knapp fünfzehnhundert Seiten im Engdruck zwischen zwei Buchdeckel preßt, wirklich an die Bedürfnisse eines Lesers gedacht hat. Solche Zweikiloklötze, die man für sieben Euro fünfzig nach Hause tragen kann, appellieren an den kalkulierenden Blick des Shareholders: Nirgendwo wird mehr Shakespeare fürs Geld geboten als hier.

Und so, wie der Kleinaktionär auf die Baisse spekuliert, damit seine Optionsscheine sich rentieren, hofft der Buchschnäppchenjäger auf den Zusammenbruch großer Kunst-, den Mißerfolg ehrgeiziger Kleinverlage, damit er seine Regale mit deren Hinterlassenschaften füllen kann. Balzac, der ständig Ärger mit seinen Verlegern hatte und ihr Treiben in "Glanz und Elend der Kurtisanen" mit dem klaren Blick des Hasses karikierte, hätte einen Roman über diese Verhältnisse schreiben können, Tucholsky vielleicht noch ein Gedicht. Ein zeitgenössischer Psalmist der sterbenden Buchkultur ist leider nicht auszumachen.

Oder ist alles gar nicht so schlimm, wie es aussieht? Ist die Verramschung des gedruckten Geistes vielleicht nur die unvermeidliche Antwort der Branche auf die ökonomische Krise? Arbeitslose Menschen werden vom Sozialstaat gestützt, arbeitslose Bücher wandern ins Moderne Antiquariat. In einer Zeit, die bei immer größerer Speicherkapazität immer weniger Lagerhaltung betreibt, haben auch Druckwerke keinen Anspruch auf Aufbewahrung. Was sich heute nicht verkauft, wird morgen discountiert und übermorgen eingestampft. Daß man da Rilkes Gedichte für den Preis einer Lieferpizza bekommt - wen stört das noch? Wer liest denn noch Gedichte?

Zur eigenen Abhärtung haben wir einen Selbstversuch unternommen. Mit hundert Euro in der Tasche sind wir in die Paradiese der Billigbücher hinabgetaucht, um herauszufinden, wie weit man mit diesem Betrag kommt. So ist eine Art Gegenentwurf zu den diversen Literaturkanons entstanden, die gegenwärtig überall zirkulieren - ein Sommerschlußverkaufs-Kanon der Weltliteratur. Die angegebenen Preise sind ohne Gewähr. Von Nachahmung wird nicht dringend abgeraten.


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.08.2003, Nr. 31 / Seite 19
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

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