Von Hussain Al-Mozany
08. Oktober 2004 Aus den verstaubten, islamistisch radikalisierten und zunehmend renomadisierten, durchschnittlich um fünfunddreißig Grad herbstheißen Städten sind die arabischen Literaten angereist. Über Nacht fanden sie sich im regnerischen, kühlen Deutschland wieder und dann in einer gigantischen Konstruktion aus Stahl und Beton, der Frankfurter Buchmesse, von Polizei und Sicherheitskräften stärker bewacht als der Eingang einer Militärkaserne in Bagdad: Eine chronotopische Umstellung, die ihresgleichen höchstens in Science-fiction-Romanen sucht. Mancher saudiarabische Dichter konnte plötzlich ein Gläschen Wein erhaschen, was ihm in seinem Heimatland mit achtzig Peitschenhieben vergolten worden wäre.
Sehnsuchtsbekundungen und reichlich Küsse, auch zwischen Dichtern und Dichterinnen, werden getauscht und je nach Temperament die ersten Kreise gebildet. Die Stimmung ist ausgesprochen aufgeräumt, ohne Erwartungsdruck. Alle Hoffnungen auf eine zeitgemäße Wendung zum Besseren, die viele seit Jahrzehnten, seit ihrer Befreiung vom europäischen Kolonialismus hegen, wurden rundweg bitter enttäuscht. Und wer keine Hoffnung hat, hat nichts zu verlieren.
Modernste Überwachungsapparate
Die arabische Welt wimmelt vor blutigen Herrschern und kulturverachtenden Despoten, die keine Sekunde zögern würden, gegen alles, was ihre Alleinherrschaft gefährden könnte, brutal vorzugehen. Es mögen antiquierte Machtbesessene sein, aber ausgestattet sind sie mit den besten und modernsten westlichen Überwachungsapparaten, die ihrer Natur nach stumm sind.
In kulturelle Belange wollte man sich noch nie so sehr einmischen, zumal zwischen Kultur und politischer Macht eine unüberbrückbare Kluft besteht. Der syrische Staatspräsident Baschar al-Asad brachte dieses Verhältnis auf die simple Formel: Wer sein Land nicht respektiert, wird nicht respektiert. Heimat heißt in der offiziellen Lesart nicht Syrien, Saudi-Arabien, Ägypten oder Libyen, sondern Assad, Fahd, Mubarak oder Gaddafi.
Unliebsamer Beamter
Man überließ dieses heikle Unterfangen der Arabischen Liga, jener kafkaesken Einrichtung, deren Funktionen, Befugnisse, Repräsentation und Führung man, wie die meisten Pseudoinstitutionen in der arabischen Welt, nicht genau definieren, geschweige denn kontrollieren kann. Sicher ist, daß deren Vorsitzender ein eher unliebsamer, aber hoher und in der Regel ägyptischer Beamter ist, ernannt vom ägyptischen Präsidenten selbst.
Von einer derartigen Institution halten die meisten arabischen Kulturschaffenden nichts. Wenn die geistige Elite sich diesem bürokratischen Gebilde unterordnet, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Viele libanesische, marokkanische oder irakische Dichter verweigerten, wenngleich ohne Protestnote, die Beteiligung an der Buchmesse unter dem Vorsitz der Arabischen Liga. Stolz sind zumal diejenigen, die von europäischen Stiftungen und Bildungseinrichtungen eingeladen wurden oder selbst in Europa leben.
Rein politisches Kalkül
Nicht die arabische Literatur, sondern die Arabische Liga steht im Mittelpunkt dieser Frankfurter Buchmesse, und dies einigen Beobachtern zufolge aus rein politischem Kalkül: Für seine Bemühung um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat wolle Deutschland auf einen Schlag die zweiundzwanzig Stimmen der arabischen Staaten für sich gewinnen. Denn der Westen, so behauptet der ägyptische Dichter Faruq Guwaida, interessiere sich für die Araber wie ein Arzt für einen besonders kranken Patienten. "Im Westen greifen sie auf unser künstlerisches Schaffen zurück", betont er, "um uns psychisch zu analysieren. Sie wollen den Virus der Rückständigkeit bei uns entdecken." Der Westen führe seine Angriffe gern gegen diejenigen, die sich ohnehin schwach fühlten.
Auch Hartmut Fähndrich, renommierter Übersetzer arabischer Literatur ins Deutsche, bestätigte in einem Übersetzungsseminar ein Defizit in interkulturellen Anstrengungen. Das Interesse an der arabischen Literatur sei sehr dürftig: "Wir haben für die arabische Literatur keinen Platz." Die Zahl der Übersetzungen literarischer Werke aus dem Arabischen liegt unter hundert und die von seiten der Arabischen Liga versprochenen hundert weiteren Übersetzungen entpuppten sich als leeres Versprechen: Nicht einmal zwanzig Bücher wurden zur Messe fertiggestellt.
Bildung von Interessengruppen
Dennoch nutzen viele arabische Autoren die Plattform der Buchmesse, um ihre Standpunkte und Vorschläge für eine bessere kulturelle Zusammenarbeit zu erläutern. Sie gewährten Einblicke in den inneren Zirkel des internationalen Literaturbetriebs: Urheberrechte, Kreislauf eines Buches, die notwendigen Voraussetzungen für eine literarische Übersetzung, Buchvermarktung, Pressearbeit, Organisation von Veranstaltungen und Bildung von Interessengruppen. Auch ihre ohnehin positive Wertschätzung der deutschen Kulturleistung wurde durch die gelegentliche Begegnung mit deutschen Gleichgesinnten bestätigt. Das wird vielen hoffentlich eine weitere Motivation liefern für ihre Bestrebungen nach mehr Freiheit und individuellen Rechten in einer verarmten, von immer radikal-islamischeren Strömungen heimgesuchten arabischen Welt.
Viele der arabischen Gäste waren ein wenig enttäuscht, daß keiner der selbst hierzulande bekannten arabischen Schriftsteller in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhielt. Es hätte gleich mehrere starke Kandidaten gegeben, etwa die Algerierin Assia Djebar, der palästinensische Dichter Mahmud Darwish oder der Syrer Adonis, dessen gerade ins Deutsche übersetzter Gedichtband "Ein Grab für New York" in Deutschland viel Beachtung findet.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2004, Nr. 236 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb