Verlegerinnen

Von überraschender Eigenart

Von Regina Mönch

Katharina Wagenbach-Wolff

Katharina Wagenbach-Wolff

21. Juni 2005 Seit fünfundfünfzig Jahren ist Katharina Wagenbach-Wolff im Verlagsgeschäft, seit zweiundzwanzig Jahren führt sie ihren eigenen Verlag, die „Friedenauer Presse“.

Eine feine Adresse für Leser, für Autoren, Herausgeber, Übersetzer, und eine Erfolgsgeschichte zudem. Eine von der besonderen Art, so wie jedes Buch - ob nun eines der über hundert schmalen Hefte der „Friedenauer Presse-Drucke“, eine von „Wolffs Broschuren“ oder eines ihrer „Winterbücher“ - von überraschender Eigenart ist. Es sind nicht selten literarische Entdeckungen, schöne Bücher, von hoher literarischer Qualität, sorgfältig gestaltet und hergestellt, von denen die Verlegerin sagt: „Ich liebe meine Bücher sehr.“

Kein Buch wird verramscht

Manch eines verkauft sich seit achtzehn Jahren, verramscht wird keines. Das danken ihr vor allem die Buchhändler, die sich dem Zeitgeist der Wühltische und Billigketten entgegenstellen. Die meisten Titel sind immer wieder nachzubestellen. Eine Frage der Ökonomie, meint sie, aber auch der Einstellung. Natürlich gehe nichts ohne die Grossisten, doch eigentlich sind es sieben Vertreter, die dafür sorgen, daß keine Neuerscheinung der Friedenauer Presse untergeht.

Katharina Wagenbach stammt aus einer Buchhändler- und Verlegerfamilie. Der berühmteste, ihr Urgroßvater Moritz oder Boleslaw Mauricy Wolff, hatte 1853 auf dem Petersburger Newskij-Prospekt eine Buchhandlung eröffnet, aus der schon nach wenigen Jahren einer der führenden russischen Verlage hervorging. 1917, nach dem Roten Oktober, flüchtete die Familie, als „Bourgeois“ stigmatisiert, nach Berlin. Sie führte ein bescheidenes Leben, das dem verlorenen nur insofern glich, als es auch von der Liebe zu Büchern und zur Literatur geprägt war. Ein Erbe, von dem die Verlegerin heute zehrt.

Der Vater war bei Suhrkamp

Ihr Vater, Buchhändler, war lange Geschäftsführer bei Suhrkamp - Wolff's Bücherei schrieb mit ihren Autorenlesungen Literaturgeschichte. 1963 erfand Andreas Wolff seine eigene Edition, die Friedenauer Presse, in der literarische Kostbarkeiten, bleigesetzte Drucke aus einem Bogen Bütten, erschienen. Dieses bibliophile Unternehmen ließ seine Tochter zwanzig Jahre später wieder aufleben und hat es behutsam erweitert, mit den Broschuren und jährlich einem Winterbuch.

Es sei das Naheliegende gewesen, sagt Katharina Wagenbach heute. Sie wollte etwas Eigenes machen, und im Keller lagen noch die letzten Hefte des Vaters. Sie kannte Autoren, eine Druckerei, die Vertreter, gemeinsam mit Klaus Wagenbach hatte sie einen Verlag aufgebaut, und die drei Töchter waren erwachsen. Sie selbst war gerade dreiundfünfzig Jahre alt geworden, in einem Beruf, in dem Frühpensionierungen unüblich sind. Seitdem führt sie ihre Geschäfte im dritten Stock eines Hinterhauses unweit des Savignyplatzes, ein Refugium mitten in der Großstadt, deren vielstimmige Geräusche bei geöffneten Fenstern die alltägliche Hintergrundmusik liefern.

Ein Verlag in der Wohnung

Das Büro ist das letzte Zimmer einer verschachtelten Berliner Wohnung mit sehr schmalem langen Flur, den ein deckenhohes Bücherregal flankiert. Ein Verlag in der Wohnung, das klingt biedermeierlich, und man muß es sich tatsächlich vorstellen wie bei den Brüdern Grimm, nur etwas aufgeräumter. Arbeiten und Wohnen sind durchaus getrennt. Auch ist das Arbeitszimmer der Verlegerin um ein Vielfaches größer als das des Urgroßvaters am Newskij-Prospekt, der für seine Verlagsgeschäfte mit ganz Rußland und halb Europa nur zehn Quadratmeter gebraucht hatte.

Ihre Auflagen sind klein, zwischen zwei- und viertausend Exemplare, aber nicht wenige ihrer Titel erreichen eine fünfte, eine sechste und - weil es ja heute so einfach sei, etwas nachzudrucken - auch mehr. Katharina Wagenbach kalkuliert nicht knapp, eher genau, vertraut auf ihr Gespür für gute Literatur und darauf, daß das, was sie als Entdeckung an Leser weiterreichen will, diese genauso berühren wird wie sie. Reich werde man damit nicht, sagt sie, doch sei sie auch nicht die Mäzenin ihres Verlages.

Die russische Literatur ist ihr die liebste

Sie stöbert in Buchhandlungen, wenn sie auf Reisen ist, und findet dabei immer wieder Autoren, die sie den Deutschen vielleicht ein Jahr später als Winterbuch oder als Broschur ans Herz legen wird. „Wenn ich etwas lese und es nimmt mich gefangen, etwa so, wie es anderen mit Musik ergeht, dann weiß ich auch bald, daß ich das machen möchte.“ Obwohl Katharina Wagenbach deutsche, französische, italienische und südamerikanische Literatur verlegt hat, ist ihr die russische die wichtigste und liebste. Sie ist mit dieser Sprache aufgewachsen, mit den Familiengeschichten, die ja ein Teil der russischen Literaturgeschichte sind. „Und eigentlich“, sagt sie, „fühle ich mich auch als Russin.“

Wohl auch darum ist es ihr als erster gelungen, Isaak Babels Kriegstagebuch aus dem Jahr drei der russischen Revolution aufzuspüren und herauszubringen (erst später erschien es auch in der Sowjetunion) - eine der großen Überraschungen, die sie dem Literaturmarkt beschert hat. Babels Manuskripte gelten, seit er dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel, als verschollen. Sie aber wußte, von Slawisten und Freunden, daß das Tagebuch die Stalinzeit überstanden hatte.

Unangemeldet vor der Tür

Eine unerhört mutige Freundin Babels hatte es unter Lebensgefahr in ihrer Kiewer Wohnung versteckt und Babels Witwe später übergeben. Die Witwe lebte in Moskau, soviel wußte Katharina Wagenbach. Sie hatte auch eine vage Adresse, irgendwo in einem der riesigen Neubauviertel Moskaus, und schickte Frau Babel ein Telegramm, das diese, erwartungsgemäß, nie erreichte. So stand sie, nach abenteuerlicher Suche, eines Morgens in später Sowjetzeit in Moskau vor ihrer Tür, unangemeldet.

In der Wohnung herrschte ziemliches Durcheinander, Frau Babel packte gerade Umzugskisten. Sie setzten sich hin, die Verlegerin trug ihren Wunsch vor, zeigte ihre Bücher, erwähnte ihr Herkommen, und schon nach einer Viertelstunde waren sich die beiden Frauen einig. Frau Babel tippte das Manuskript ab, Studenten brachten es als Konterbande durch den Eisernen Vorhang nach Berlin. Der wunderbare Übersetzer Peter Urban nahm sich des Textes an - und seit 1990 können wir ihn in Händen halten.

Text: F.A.Z., 21.06.2005, Nr. 141 / Seite 43
Bildmaterial: F.A.Z.-Christian Thiel

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