Friederike Mayröcker

Die Lebenszeilenfinderin

Von Michael Lentz

Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker

19. Dezember 2004 "Während ich ein kleines Blatt, das ich aus einem Notizbuch gerissen habe, in meine Schreibmaschine einspanne (es darf kein großes Blatt sein, sonst wird zuviel erwartet; auch sollte es lieber nicht weiß sein; es verlangt, voll beschrieben zu werden, und gerade das erscheint mir am Anfang immer unerreichbar)" - So beginnt 1956 "Larifari", ihre erste Buchveröffentlichung. Und dann halte man sich einmal vor Augen, welche Literatur, welche Poesiewelten Friederike Mayröcker seitdem hervorgetrieben hat. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

Schon wieder mittendrin. Dabei hatte ich mir vorgenommen, vorerst nicht mehr hineinzuschauen, hineinzulesen in diese Poesiewelten. Sie sollten ruhen, abkühlen. Ich kann doch nicht immer wieder dieselben Bücher zur Hand nehmen, dieselben Seiten durchforsten, im Fanggedächtnis Archiviertes mit der Quelle vergleichen wollen, als könne etwas Wertvolles verlorengegangen sein zwischenzeitlich, als sei dieses Wertvolle bereits Teil des Stoffwechsels, als gehöre es zum Herzton. Was aber ist der eigene Herzton anderes als ein Amalgam, ein geformtes Maskenspiel, Verwandlung?

Ich kann doch nicht, sagte ich mir, immer nur wieder Friederike Mayröcker lesen, weil ich es mit vielen anderen nicht aushalte, da kann ich doch nicht immer wieder in "Die Abschiede" (1987), ins "Winterglück" (1986), in "Magische Blätter" (2001), "Benachbarte Metalle" (1998), ins "Stilleben" (1991) hinein, in "brütt oder Die seufzenden Gärten" (1998), "Lection" (1994) oder "Das Herzzerreißende der Dinge" (1990), dieser Titel als Losung. Die Mayröcker kommt jetzt erst mal raus aus dem Regal, dann wird der Blick wieder frei für andere Zwischenwelten. Warum hat man so aberwitzig viele Bücher aufgebahrt, wenn nur diese wenigen vors Auge kommen? Und der Beckett muß auch raus.

Dann aber steht eine plötzlich wieder erinnerte Verszeile zum Greifen nah vor Augen, ein Bruchstück, eine Ahnung. Dieses Bruchstück ist immer dabei, es ist während des Einschlafens dabei, beim Spaziergang, im Supermarkt. Es hört nicht auf, dazusein. Es muß schließlich in seinen Kontext gesetzt werden, das Gedächtnis muß befriedet werden. "es sprieszen immerfort die sanften Toten" zum Beispiel, und die ganze Mayröcker steht wieder drin im Regal: "es sprieszen immerfort die sanften / Toten aus Blume Baum Gebüsch und Wald / bald / meinen Schatten wirft ein Fliederbaum." Richtig, Eichendorff, Hölderlin und Goethe sind auch drin in diesem "Dreizeiler am 21.2.1978". "Wird welken wie Gras" (aus "Tod durch Musen", 1966) ist mein Dauerbrenner. Glaube ich, es ganz auswendig zu können, muß ich es nachlesen. Es ist und bleibt eines meiner Lieblingsgedichte überhaupt: "Wird welken wie Gras / auch meine Hand und die Pupille / wird welken wie Gras · mein Fusz und mein Haar mein stillstes Wort / wird welken wie Gras · dein Mund dein Mund / wird welken wie Gras · dein Schauen in mich / wird welken wie Gras · meine Wange meine Wange und die kleine Blume / die du dort weiszt wird welken wie Gras / wird welken wie Gras · dein Mund dein purpurfarbener Mund / wird welken wie Gras · aber die Nacht aber der Nebel aber die Fülle / wird welken wie Gras wird welken wie Gras."

Und dann kommt "Samuel" in "Stilleben" wieder hinein in mein Leben. Und in "brütt" steht der Beckett schon auf der ersten Seite. Und Max Ernst kommt wieder hinein ins Regal, und der Mallarmé muß also auch wieder durchgenommen werden und der Butor und der Jean Paul - einer solchen Echopoetik der Einfaltung und Transformation von Fremdlektüren bin ich im deutschsprachigen Raum nur noch im Werk von Uwe Dick und Oskar Pastior begegnet. Schreiben ist Lektüre, die zum Schreiben anstiftet. Und wo hat Friederike Mayröcker genau über diesen Zusammenhang ganz präzise geschrieben? Es ist die Freiheit des Lesers, sich das Buch zurechtzulesen, sein Buch zu lesen, und das wird stets und mit den Jahren ein anderes sein.

Das unausgesetzte Benennen, Wortmachen, das Wörtlichmachen von Sinneseindrücken; das Gedicht als Fotografie; hindurchströmende Landschaften, Musik und Kunst; momentan Gehörtes, unwillkürlich aus dem Gedächtnis Abgerufenes, Aufgebrochenes, Ineinandergesetztes; Zitiertes, Traumnähte, Nervenfiguren; das ist doch wirklich Wahnsinn, "gefaßte Wahnrede", Verschnitte, Litaneien, Oden, Romanzen, Gespräche: "ein Delirium exzessiver, überschwenglicher Sensationen", ein Aufgebrachtsein, Zusammendenken des Unzusammenhängenden entfacht Mayröcker, das Neueinkleiden der Dinge mit plötzlichen Wörtern, die Wörter als Ausstellung - und diese Poesie immer als kommunizierende Röhren, die den Leser sprechen machen. Daß die Sprache den Dingen voraneilen will, das zeigt diese Literatur, die eine Poetisierung von Bewußtseinstätigkeiten ist, ein hochsensitives und sensibles Assoziationswunder.

Das Konkrete in Feineinstellung kann im selben Gedicht auf ein poetisches Analogon des Imaginären treffen, die Stenografie des Augenblicks auf entlegenes Wissen, und lesend erkennen wir, wir haben ein "defektes Panoptikum" - und hier zitiere man am besten mal das Mayröckersche Gesamtwerk! Allein eine Seite Mayröcker, und man findet dort Wörter, Visionen, Aufgabelungen, Aufrisse wie sonst in ganzen Büchern nicht, und "das sagt in jedem / Fall Befreiung durch Lesen" (aus "Winterglück"): "Bütte Butte offenes / Daubengefäsz, / mit enthülltem / Finger, Myrthen-/ gasse, Karate, ist / nicht für jeden die Liebe / nicht für jeden -" (aus "Vogelpredigt").

Kryptografie? Augenschrift! Diese Poesie ist so ganz und gar nicht unverständlich. Und wird mit der Zeit kompromißlos verständlicher: "Ich habe / alles 1 × gewuszt aber jetzt habe ich alles vergessen, ich stehe / am Anfang meines Verstandes wie 1 neugeborenes Kind und ich habe / keine Grundfesten (mehr) und keine Erfahrung und stehe am Ende. Und / habe gewartet tage- und wochenlang habe ich gewartet darauf dasz / die Erde sich öffnet und mich verschlingt, aber jeder Morgen speit / mich von neuem aus und ich versuche zurechtzukommen, habe / die Hände von Vater von Mutter die Melancholie", schreibt Friederike Mayröcker in einem ihrer jüngsten Gedichte.

Die immer erneute Suche nach einer Zeile, "die für mein weiteres Schreiben unerläßlich ist, ich wühle in meinem Bücherregal, um die Zeile zu finden, ich exzerpiere, was ich gefunden habe, das Blatt geht verloren, verwehte Spuren" (aus "brütt"). Ganze Lebenszeilen: "was brauchst du? einen Baum ein Haus zu / ermessen wie grosz wie klein das Leben als Mensch / wie grosz wie klein wenn du aufblickst zur Krone / dich verlierst in grüner üppiger Schönheit / wie grosz wie klein bedenkst du wie kurz / dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume / du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen / zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund / die Gestirne das Gras die Blume den Himmel" (aus "Notizen auf einem Kamel", 1996). Mayröcker. Ich bin wieder mittendrin; ich höre nicht auf.

Der Autor, 1964 in Düren geboren, erhielt 2001 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zuletzt erschien der Roman "Liebeserklärung".



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004, Nr. 297 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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