14. Oktober 1995 Es gibt kaum einen anderen Schriftsteller, der so eindringlich und provozierend über den Nationalsozialismus zu schreiben vermag wie Harry Mulisch. Ihm genügt es weder, als nüchterner Historiker Fakten zu sichten, noch seinen Abscheu und seine Betroffenheit herunterzubeten. Mulischs Buch über den Eichmann-Prozeß ("Strafsache 40 / 61"), das seit diesem Jahr endlich wieder auf deutsch greifbar ist, stellt ein Musterbeispiel dar, wie aus den grausigen historischen Fakten und dem banalen Prozedere der Justiz Literatur entstehen kann, obwohl man doch alle Details schon zu kennen glaubte.
Als Berichterstatter für die Zeitschrift "Elzeviers Weekblad" wurde der junge Schriftsteller 1961 nach Israel entsandt, um den Prozeß zu verfolgen. Mulisch nutzt seine "Reportage", um an den Orten der Geschichte - im Gerichtssaal in Tel Aviv, in Eichmanns Dienstzimmer in Berlin, in Auschwitz, in Warschau - über die Dimensionen dieser Taten zu reflektieren. So entsteht große Literatur aus dem Journalismus - vergleichbar allenfalls mit Reportagen Mailers oder Kapuscinskis.
"Unverbindliche Entrüstung", die Mulisch langweilt, kommt hier nicht auf, weil der Autor als Sohn einer von der Deportation bedrohten Jüdin und eines ranghohen Kollaborateurs im Abgrund, den der Nationalsozialismus aufgerissen hat, aufgewachsen ist und hier immer auch seine eigene Geschichte sucht. Paradoxe Gedankenspiele, fiktive Psychogramme, waghalsige geistesgeschichtliche Herleitung von den Romantikern und Wagner lassen Mulisch den Nationalsozialismus lakonisch und wahnwitzig zugleich als Ausformung der Moderne erscheinen: Eichmann ist ein Befehl in Menschengestalt; er empfing ihn, er wurde zu ihm, und er führte ihn aus.
Hannah Arendts berühmte Analyse der "Banalität des Bösen" kommt an die Kühnheit der Darstellung des damals noch jungen Mulisch, der den Nationalsozialismus als durch und durch ästhetisches Phänomen ernst nimmt, nicht heran. Nur Horkheimer und Adorno haben diesen unheimlichen Prozeß der Zivilisation ähnlich tief durchdacht, den Mulisch nach zähem Umkreisen der Gestalt Eichmanns und der Kultur, für die er steht, ohne Peinlichkeit auf die Formel bringen kann: "Er ist die Differenz zwischen Künstler und Mörder." Eichmann, der von keinen Gedanken und Ideen, keinem Haß geleitet wurde, führte konsequent die vom tiefsten Haß, von fanatischster Ideologie gespeiste Tat der Weltgeschichte aus.
"Die Zukunft von gestern" ist das folgende Werk, das unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses entstand. Mulisch wollte hier seine gedankliche Gratwanderung über den Nationalsozialismus auf die Spitze treiben, als hätte er sich mit einem brillanten Roman der Bürde entledigen können. Das Buch schildert ein Europa, in dem die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Diese Idee war schon 1962, da er mit der Arbeit begann, wenig originell; sie tauchte jüngst noch in Robert Harris' Thriller "Vaterland" auf. Mulisch muß das geahnt haben, denn er überdrehte das Szenario noch: Er wollte von einem mit seinem gesamten Volk nach Polen deportierten Holländer, Otto Textor, berichten, der sich 1967 ein Europa vorzustellen versucht, in dem Deutschland den Krieg verloren hätte. Eine anders verlaufene Vergangenheit ist aber unter dem Nationalsozialismus bereits unvorstellbar geworden. Eine Welt, in der es noch Juden gibt, in der Atombomben die Menschen tyrannisieren und keine Eugenik ganze Rassen ausmerzt? Eine Welt, in der es für andere "Rassen" als die deutsche Ärzte und Schulen gibt? Schon solche blasphemischen Gedanken bringen Otto Textor bei einer Reise in die Welthauptstadt Germania, vormals Berlin, in Verdacht und verurteilen ihn schließlich zur Vernichtung.
Der böse Kitzel, sich die Monstrositäten eines erfolgreichen Faschismus vorzustellen, befeuert auch Mulischs Buch: Heydrich ist, nachdem er Himmler ermordet hat, Führer geworden. Seine große Reform bestand darin, den deutschen Gruß fortan mit dem linken Arm ausführen zu lassen, weil er bei einem Attentat den rechten verloren hat. Amsterdam heißt jetzt Rembrandt-Stadt und ist von Deutschen besiedelt. Auschwitz feiert gerade fünfundzwanzigjähriges Jubiläum; ganze Völker werden hier routiniert exterminiert, und nur den alten Sonderling Eichmann, der am Ort seines Lebenswerks in seiner unmodischen Uniform herumschleicht, nimmt von der jüngeren Generation in der SS keiner mehr so recht ernst. Und Oppenheimer, Erfinder der Atombombe, der nach Südamerika hatte flüchten können, wird nach einem Schauprozeß in Germania gehängt.
Glatt und voller Hohn gehen solche Umkehrungen des Undenkbaren, das die Nationalsozialisten gleichwohl ganz ähnlich geplant hatten, Mulisch von der Hand. Wie in der Eichmann-Reportage kommt er, über ein Anschauung gewordenes Tausendjähriges Reich, auf seine Herleitung des Vernichtungswahnes aus der spekulativen Romantik zurück. Indem er die Nazis aus ihren beim Wort genommenen Visionen begreift, schafft er Welten, die sehr denen George Orwells gleichen: "Die nach dem Krieg geborene jüngere Generation würde nicht einmal mehr begreifen, was ihre Eltern mit ,Geschichte' meinten; für sie war es immer so gewesen und würde immer so bleiben."
Und doch ist "Die Zukunft von gestern" ein gescheiterter Roman. Was im Eichmann-Psychogramm aufging und in einer genialen Amalgamierung von Anschauung, Quellenkunde, Politik und Spekulation ein Gewaltsystem, über das alles gesagt schien, tiefer begreifen läßt - das bleibt im folgenden Werk auf dem Niveau eines Horrorszenarios stecken. Mulisch gibt selbst zu, daß er diesen Roman nicht schreiben konnte, weil die Ideologie Hitlers einzig auf die Vernichtung hinauslief. Darum kann es kein anderes Tausendjähriges Reich geben als das der Ruinen und Friedhöfe von 1945. Wer die Zukunft dieser Ideologie wahrhaftig beschreiben will, muß schweigen. Sie ist das Nichts.
Seine Zuspitzungen und Paradoxa im Spiel mit der historischen Kontingenz müssen Mulisch aber so sehr gefallen haben, daß er sich nicht konsequent an seine Einsicht hielt und zu einem Buch zeitgeschichtlicher Reflexionen "Die Zukunft von gestern" umzuschmieden versuchte. Allerhand Hellsichtiges hat er aus den Trümmern seines Romans gerettet, aber auch allerhand Überflüssiges dazugetan. So liegt es durchaus auf seiner Linie, konsequent die geistigen und ästhetischen Vorarbeiten des Holocaust in Europas Kulturerbe zu suchen. Doch die Realität der Verbrechen spricht eine zu eindeutige Sprache, um ihr mit Sprachspielereien der Surrealisten beizukommen, wie es Mulisch versucht. Und wenn er selbst zu diesem Schluß kommt, warum schreibt er den Bericht des Scheiterns dann auf? Die vom Sinnlichen ausgehende Reportage ist weit mehr das Genre, das diesen der Wirklichkeit verfallenen Schriftsteller inspiriert.
Am meisten stören Mulischs stolze Ich-war-dabei-Anekdoten und pathetischen Visionen aus dem Amsterdam und Paris des Jahres 1968. Damals mag es ja verzeihlich gewesen sein, in der Studentenrevolte die anarchische Gegenwelt zu Auschwitz und der zerstörten Gesellschaft Europas nach 1945 erhofft zu haben. Aber heute weiß man doch, daß Mao und Ho Chi Minh, die damals so in Mode waren, alles andere als Menschheitsbeglücker waren - eher zusätzliche Realgespenster in der Geisterbahnfahrt dieses Jahrhunderts. Wenigstens die Revoluzzer-Passagen hätte man für die Übersetzung besser weggelassen. Die eiskalte Hellsicht, die Mulischs Analyse des Nationalsozialismus auszeichnet, vernebelt sich, sobald es um 1968 geht. "Die Zukunft von gestern" war bereits am 1. Juni 1962 mit der Hinrichtung Adolf Eichmanns vorbei. Damit hätte auch Mulisch, der diesen Mann durchschaut hat wie kein zweiter, es bewenden lassen können. DIRK SCHÜMER
Harry Mulisch: "Strafsache 40/61". Eine Reportage über den Eichmann-Prozeß. Aus dem Niederländischen übersetzt von Johannes Piron. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1995. 236 S., br., 14,90 DM.
"Die Zukunft von gestern". Betrachtungen über einen ungeschriebenen Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Marlene Müller-Haas. Edition Tiamat, Berlin 1995. 253 S., br., 1995, 38,- DM.
Strafsache 40/61; Die Zukunft von gestern
Buchtitel: Strafsache 40/61; Die Zukunft von gestern
Buchautor: Mulisch, Harry; Mulisch, Harry
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.1995, Nr. 239 / Seite 32
