04. Oktober 2004 Es waren bisher nicht die ganz großen Schriftsteller, sondern eher Bestsellerknechte, Journalisten und Politiker, die beim Blick auf die wüste Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gelegentlich ein merkwürdiges Kribbeln verspürten und also darangingen, die Ereignisse umzuschreiben, sie rückwärtsgewandt spekulativ zu verdrehen.
So entstand der Thriller "Fatherland" von Robert Harris, in welchem sich ein munterer Hitler nach seinem Sieg zur Feier seines fünfundsiebzigsten Geburtstags rüstet. Und so schrieb Newt Gingrich, der ehemalige Sprecher des amerikanischen Repräsentantenhauses, den Roman "1945", der von den Supermächten Amerika und Deutschland erzählt, die die Welt unter sich aufgeteilt haben und zur letzten tödlichen Auseinandersetzung antreten. Bei Gingrich übrigens liegt Hitler nach einem Flugzeugabsturz im Koma, so daß andere Gelegenheit finden, die Außenpolitik der Nazis kosmetisch zu korrigieren.
Roth will uns beeindrucken, blenden, erschüttern, rühren
Jetzt aber ist alles anders. Jetzt ist auch der einundsiebzigjährige amerikanische Schriftsteller Philip Roth unter die Geschichtsfiktionäre gegangen, und er ist kein Gingrich oder Harris, sondern seit längerem ein ernsthafter Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Genauer, seit er seine meist dickleibigen Bücher im Zweijahresrhythmus herausschleudert und dabei ein ziemlich hohes Niveau hält. Roth gibt sich nicht mehr damit zufrieden, die John Updikes dieser Welt abzuhängen und die restliche Konkurrenz durch schiere Masse zu erdrücken. Auch nicht mit der Distinktion, als dritter lebender amerikanischer Schriftsteller in die Dünndruckklassikerreihe der "Library of America" aufgenommen zu werden.
Nein, Roth will es noch einmal wissen, er will uns beeindrucken, blenden, erschüttern und rühren. Und daß er sich in seinem neuen Roman "The Plot Against America" (Jonathan Cape) zuwenig zugetraut hätte, wird ihm niemand vorwerfen.
Volksheld und Antisemit
Folgendes geschieht: Der Rekordflieger Charles Lindbergh gewinnt für die Republikanische Partei 1940 gegen Roosevelt die amerikanischen Präsidentenwahlen. Lindbergh war ja nicht nur Volksheld, sondern auch Antisemit, ließ sich von Hitler mit einer Medaille behängen und reiste als Redner durchs Land, um die Massen gegen den amerikanischen Kriegseintritt zu mobilisieren. In diesem Roman erhält er seine Chance. Unter Lindberghs Führung verweigert Amerika die Rolle des Weltpolizisten. Roth schreibt die Idee nicht einfach so hin, sondern errichtet eine historische Fiktion mit solidem Gerüst und zahllosen Schräubchen. Wieviel er dafür gelesen hat, verrät die enggedruckte Bücherliste am Schluß.
Und von der Lindbergh-Präsidentschaft aus geht es weiter: Antisemitismus wird in Amerika hoffähig, vorausschauende Juden emigrieren nach Kanada, andere werden zwangsweise in christliche Kleinstädte umgesiedelt, und am Ende kommt es zu pogromartigen Ausschreitungen in Kentucky, Ohio und Pennsylvania. Die Mord- und Plünderungsorgie von Detroit, so erzählt Roth, habe ihr direktes Vorbild in der "Reichskristallnacht". Müßig zu erwähnen, daß Außenminister von Ribbentrop im Weißen Haus ein gerngesehener Gast ist.
Verblüffend kleines, ganz und gar häusliches Drama
Diese Geschichtsspekulation ist keineswegs der Endzweck der Erzählkunst von Philip Roth, vielmehr die aufwendige Bühnenkonstruktion, auf der er dann ein verblüffend kleines, ganz und gar häusliches Drama gibt. Sein Titel könnte lauten: "Wie sich Familie Roth in Zeiten der Anfechtung bewährt". Auch er, Philip, der Autor, kommt darin vor, nämlich als sieben- bis neunjähriger Sohn eines Versicherungsvertreters aus Newark, New Jersey, ganz so übrigens, wie wir es aus anderen halb autobiographischen Büchern des Schriftstellers kennen und besonders aus dem ergreifenden Band "Mein Leben als Sohn" (deutsch 1992). Denn nicht nur Familiengeschichten, sondern Vater-Sohn-Beziehungen und die dazugehörigen Autoritätsschlachten sind das geheime Thema des Rothschen Werks.
Die gute Nachricht ist, daß Roth über seine Familie Seiten schreibt, die zum Allerbesten seines gesamten Werks gehören, wobei die Frage des autobiographischen Anteils ziemlich unerheblich ist. Wo seine Dialoge früher zum Schlauen und Besserwisserischen neigten, haben sie hier nicht nur einen bestechenden erzählerischen Rhythmus, sondern transportieren mit größter Beiläufigkeit ganze Kammertragödien. Herman Roth ist der aufrechte, cholerische Mahner, der um seiner Bürgerrechte willen den Beruf an den Nagel hängt und nächtelang Gemüsekisten schleppt. Die Mutter ein Vorbild für Pragmatismus und Anteilnahme. Doch durch die Roth-Familie geht ein Riß: Tante Evelyn heiratet den Lindbergh-Berater Rabbi Bengelsdorf, einen salbungsvollen Appeasement-Politiker, und Philips älterer Bruder Sandy läßt sich zeitweise sogar als musterhaft integrierter Gesamtamerikaner einspannen und zum Verrat an der jüdischen Identität verleiten. Tatsächlich zielt der Vorwurf des Jungen, seine Eltern seien "Ghetto-Juden", auf eine Kernfrage des Romans: Sind Amerikas Juden zuallererst Juden oder Amerikaner? Müssen sie sich gar eine Rolle um der anderen willen abhandeln lassen?
Horrorstück aus der jüngeren Zeitgeschichte
In manchen amerikanischen Rezensionen des Romans ist die Unsicherheit darüber zu spüren, was Roth mit seinem Horrorstück aus der jüngeren Zeitgeschichte bezwecke. Der "New Yorker" konzediert überaus wohlwollend, Roth hätte eine Satire und einen bizarren Albtraum geliefert; vor der direkten politischen Aussage bewahre den Roman schon seine Vielstimmigkeit. Tatsächlich läßt sich ein Sprachrohr des Autors nicht finden, es sei denn, man sähe es in allen Figuren, die für Mut, Anstand und Zähigkeit einstehen, allen voran wahrscheinlich Mutter Roth, für deren hinreißendes Porträt der ehemalige jüdische Nestbeschmutzer Philip Roth über siebzig Jahre alt werden mußte.
Deutlich kritischer vermerkt der "New York Observer" die redseligen essayistischen Einschübe des Autors und fügt einen interessanten Gedanken hinzu: Was Roth sich an Diskriminierung von Juden unter einer Lindbergh-Regierung zusammenphantasiere, habe in Amerika tatsächlich stattgefunden - allerdings als Diskriminierung der Schwarzen. Und sollte ein Spielberg den Roman verfilmen wollen, müsse er das Jahr 1940 in 2001 verwandeln - und die ihrer Rechte beraubten Juden in marginalisierte Araber.
Alberner Ansatz
Solche Einwände beziehen sich nicht auf Schönheitsfehler, sondern treffen die Stützpfeiler des Romans. Roth scheint selbst nicht genau gewußt zu haben, worauf seine Geschichtsfiktion zielt. Daß sie im amerikanischen Wahlherbst überdeutlich klarmacht, wo Lindbergh als Vorläufer Bushs betrachtet werden könnte: geschenkt. Welchen Sinn hat es, für Bush einen Vorläufer zu erfinden, der nie Präsident war?
Schlimmer aber wirkt sich aus, daß die ganze Lindbergh-Idee für einen Roman ziemlich albern ist. Es muß anstrengend und zeitraubend sein, den Lauf der Geschichte ab Frühjahr 1940 willkürlich zu verändern und dann im Herbst 1942 unter lächerlichen Vorwänden wieder ins gewohnte Flußbett zurückzulenken. Wieviel Aufwand, nur um mäßig zu flunkern! Roth verfährt hier kaum eleganter als seinerzeit Gingrich: Er läßt Lindbergh von einem Flug mysteriöserweise nicht zurückkehren und streut dann allerhand wilde Gerüchte von einer Entführung durch die Nazis.
Man kann von der Tristesse der Joppen- und Gummistiefelprosa des kurrenten angloamerikanischen Biographismus - nichts anderes schreibt Roth in diesen Passagen - schlecht einen Begriff geben. Noch weniger will man sie zitieren. Allerdings läßt sich ihr Anteil am Gesamtumfang des Romans auf neunzig Seiten beziehungsweise fünfundzwanzig Prozent beziffern. Am Ende gibt's noch knapp dreißig Seiten dokumentarischen Anhang mit den unverfälschten Biographien der Dramatis personae, von Henry Ford über Heinrich Himmler bis Eleanor Roosevelt. Ob es einen Grund hat, daß eine Schlüsselfigur namens Adolf Hitler darin fehlt, ließ sich nicht ermitteln.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 31