Tätowierungen

Meine ehrliche Haut

Von Clemens Meyer

Welcher Göttin dient dieser Jünger? Dieses Bild jedenfalls wird ihn nie anlächeln

Welcher Göttin dient dieser Jünger? Dieses Bild jedenfalls wird ihn nie anlächeln

16. November 2006 Mein Tätowierer hat den Spitznamen „Stone“, jeder nennt ihn so, und die meisten seiner Kunden wissen gar nicht, wie er richtig heißt. Stone ist ein sehr filigraner Mensch, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint. „Hast du's dir auch genau überlegt“, fragt Stone, „ja“, sage ich, denn ich habe schon meine Hose ausgezogen und liege in seinem Laden auf der fahrbaren Krankenhausbahre. Er hat auch schon meinen linken Oberschenkel desinfiziert, rasiert und noch mal desinfiziert, und langsam gibt's kein Zurück mehr.

Es ist ja auch nicht so, daß ich Scheu vor Tätowierungen und Angst vor dem damit verbundenen Procedere hätte, aber diesmal ist's was anderes. Stone nimmt die auf Pergament gezeichnete Matrize des Frauenkopfes und preßt sie auf mein feuchtes Bein. Seine Hände stecken in Gummihandschuhen, und er reibt ein paarmal vorsichtig über das Papier. Dann zieht er es genauso vorsichtig, wie ein Abziehbild, von der Haut, und die Konturen des Gesichts befinden sich in feinen blauen Linien auf meinem Bein. „Ist so 'ne Sache mit geliebten Frauengesichtern“, sagt er, „was sagst du denn, wenn du mal 'ne andere . . .“

Die rechte Brust ist reserviert - für Mary Monroe

„Tja“, sage ich und versuche mich zu entspannen, „die muß dann wohl damit zurechtkommen.“ Und dann geht's los. Die Nadel ist sterilisiert, die kleinen Töpfchen mit der schwarzen Farbe stehen neben Stone auf dem Tisch, er reibt mir mein Bein mit Vaseline ein, wirft noch mal einen Blick auf die Bleistiftzeichnung, die er nach verschiedenen Fotos der Frau, die ich auf meinem Oberschenkel haben will, entworfen hat, und dann beginnt die Maschine zu summen. Ich spüre das leichte Kribbeln und dann das Ziehen, als die Nadel auf und in die Haut trifft, und schließe die Augen.

Ich stehe im Museum der Weltkulturen in Frankfurt, in der Ausstellung „Hautzeichen - Körperbilder“ vor dem Foto eines Mannes, genauer gesagt, vor dem Foto der Brust eines Mannes. Auf die Brust ist eine große Taube tätowiert, die einen großen Brief im Schnabel trägt. Auf dem Brief steht was auf französisch, eine Sprache, die mir leider nur in Bruchstücken geläufig ist, aber ich verstehe zumindest, daß der Brief wohl an eine ferne Geliebte gerichtet ist, ihr symbolisch die Liebe dieses Mannes übermittelt und er sie so, obwohl sie weg ist, bei sich und an seinem Herzen trägt. Ich bin gerührt, und plötzlich weiß ich, daß ich so was Ähnliches auch auf meiner Haut will, denn da gibt es eine Frau in meinem Leben, und die ist auch weg. Aber eine Brieftaube? Und außerdem ist meine Brust bereits besetzt, links ist ein Dämon, und rechts ist reserviert für Mary Monroe.

Ich lächele. Die Frau auf meinem Oberschenkel lächelt zurück

„Dein Bein zuckt“, sagt Stone, „kann nicht sein“, sage ich und versuche trotzdem meine Muskeln zu entspannen. Ich blicke auf die Maschine, die Stone langsam über meinen Oberschenkel bewegt, jetzt setzt er sie ab und tippt die Nadel kurz in eins der Töpfchen mit der schwarzen Farbe. Stone benutzt eine schöne, silberglänzende Profimaschine, denn er ist auch Profi, ein sehr guter sogar, und ich denke an die Zeit vor über zehn Jahren, als ich Stone noch nicht kannte und bei einem Typen in Behandlung war, der kein Profi war und eine Maschine Marke Eigenbau benutzte, CD-Player-Motor und Nähnadel, und der das Wort „Sterilisieren“ noch weniger kannte als ich die französische Sprache.

In der Ausstellung habe ich diese Maschine wiedergesehen. Sie hängt in einer kleinen Vitrine, und ich spüre ein Kribbeln auf meinem alten vernarbten Oberarmtattoo und frage mich, wie dieses Teufelswerkzeug wohl den Weg nach Frankfurt gefunden hat. Ich habe die übelsten Geschichten gehört von den übelsten Hautentzündungen, hervorgerufen durch unprofessionelle Tätowiermaschinen und unprofessionelle Tätowierer, und tatsächlich, ein paar Räume weiter sind derartige Entzündungen auf verschiedensten Fotos und Zeichnungen in all ihrer Pracht zu bewundern. Beim genaueren Hinsehen entpuppen sie sich aber als „eine kleine Reise durch die Welt der Hautkrankheiten“. „Hautzeichen - Körperbilder“, denke ich und fixiere ein „Bakterielles Ekzem mit besonderer Beteiligung der Bartregion“, daneben ist eine schlichte „Hauttuberkulose“ zu sehen, eins weiter ein Körper mit „diffuser Schuppenflechte“. Ich flüchte in den Raum mit den Narbentätowierungen aus Neuguinea und bleibe irgendwann fasziniert vor dem Foto einer gesichtstätowierten India stehen.

„Rauchpause“, sagt Stone, und ich öffne die Augen und sehe das Bild der Frau auf meinem Oberschenkel, das langsam Konturen, Tiefe und Schönheit bekommt. Ich lächele, und sie lächelt zurück.

Der Schriftsteller Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle, lebt in Leipzig. In diesem Frühjahr erschien sein Debütroman „Als wir träumten“ (siehe auch: Porträt: Clemens Meyer - Der Zauberer von Leipzig-Ost). Die Ausstellung im Frankfurter Museum der Weltkulturen läuft noch bis zum 9. September 2007.



Text: F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite 33
Bildmaterial: AP, Charles Kroehle, Köln, Rautenstrauch-Joest-Museum, dpa, Gisela Simrock, MdW, Gustaaf Verswijver, 1979/MdW, Harald Schmitt, 2005, Karl-Heinz Krieg, 1987, Köln, Rautenstrauch-Joest-Museum, MdW, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS, Stephan Beckers/MdW

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Seit Generationen verziert und geschmückt: junge Männer in NeuguineaZum Maisfest werden Körper und Gesicht der Kapaio-Mädchen in Brasilien bemaltSchmucknarben am Bauch: Ahnenfigur der Luba (Kongo)Nur bemalt: Shipibo vom Rio Ucayali in PeruMaori-Chief Pekama Titari, Neuseeland (1870)Der japanische Meistertätowierer Ginjiro Susuki, 72, zeigt einige seiner Werke (1948)Erst der Schmerz, dann der Schmuck: Tätowierladen in South DakotaZwei gegen einen: Tätowierer im peruanischen Lima bei der ArbeitVielleicht selbst ihre beste Kundin: Tätowiererin Shavon in South CarolinaTätowierungen werden auch in China immer beliebter: Sandy (r.) und Dongdong aus PekingSein Rennstall fordert, daß er die Tätowierung wieder entfernt: Radsportler David ClingerAuch kein Spaß: Mit einer Infrarotlampe lassen sich Tätowierungen wieder entfernenGlaubt man dem belgischen Künstler Wim Delvoye, wird das Schwein so vor der Schlachtbank bewahrt Ahnenfigur als Aufhängehaken - Neuguinea, 1961Savo Onivogi von den guinesischen Loma mit Podai-BemalungViel Glück: Im indischen Gujarat wird der Braut am Hochzeitstag die Hand mit Henna bemaltStolzer Schmuck: Maori-Krieger beim Begräbnis einer KöniginAuch auf ihren Schnitzereien zeigen die Maori die typischen GesichtstätowierungenWurde als junges Mädchen traditionell tätowiert: alte Frau aus dem Volk der Chin in MyanmarDie Tätowierung von Kai Kristensen aus San Diego konnte ein langes Leben lang wachsenGanz Arm: Eine junge Dame zeigt verschlungene MusterOb die junge Dame ein Leben lang an diesen Motiven Gefallen finden wird?Schluck! Dan Kollmeo hat seine Kehle tätowieren lassenKunde und Tätowierer: Kunst darf wohl nicht weh tunErschwertes Schminken: Elaine Davidson, die meistgepiercte Frau der WeltDie geliebte Frau auf dem Schenkel: Clemens Meyer
Anzeige

Private Haftpflichtversicherung

Günstige Policen schon ab 50 € pro Jahr. Jetzt vergleichen, es lohnt sich!